Bei der Vernissage: Matthias Kölling (Violine) und Johann Schröder (Klavier) sorgen bei der Eröffnung der Erstausstellung von Helmut Köllings Werken im Sennestadthaus für den musikalischen Rahmen. - © Judith Gladow
Bei der Vernissage: Matthias Kölling (Violine) und Johann Schröder (Klavier) sorgen bei der Eröffnung der Erstausstellung von Helmut Köllings Werken im Sennestadthaus für den musikalischen Rahmen. | © Judith Gladow

Sennestadt Werke von Helmut Kölling im Sennestadthaus

Gegenständlicher Expressionismus

Judith Gladow

Sennestadt. Leid und Verzweiflung, aber auch die Hoffnung auf Vergebung. Helmut Köllings ausdrucksstarke Bilder zieren die Wände des Vortragssaals im Sennestadthaus. Dort finden sie - nun 16 Jahre nach dem Tod des Künstlers - zum ersten Mal ihren Weg in die Öffentlichkeit. "Das haben sie auch mehr als verdient", sagt Wolf Berger vom Kulturkreis des Sennestadtvereins bei der Eröffnung dieser Erstausstellung. "Der sprechende Augenblick" ist ein gut gewählter Titel für die Ausstellung, sind doch die meisten der 44 Bilder geprägt von Momentaufnahmen, die zum Nachdenken anregen. Unterstrichen wird diese Atmosphäre bei der Eröffnung auch durch die Musik. Matthias Kölling, der Sohn des Künstlers und ehemals Lehrer an der Musik- und Kunstschule, gestaltet das an der Violine selbst, begleitet von seinem Freund Johann Schröder am Klavier. Er gibt dann auch einen einzigartig persönlichen Einblick in das Wirken seines Vaters, und wie er es wahrgenommen hat. Helmut Kölling, 1912 in Hannover geboren, war gelernter Grafiker und gestaltete beruflich unter anderem Etiketten für Wein- und Spirituosenflaschen und Ausstattungen für Zigarrenkisten. "Da saß ich dann ganz oft gegenüber von ihm am großen Schreibtisch", erzählt sein Sohn und lässt das Arbeitszimmer des Vaters für seine Zuhörer Realität werden: Wie die Katze immer das bräunliche Wasser aus dem Pinselglas trank. Wie Helmut Kölling in der freien Zeit an seinen Malereien arbeitete, immer wieder nachbesserte und verwarf, erneut nachbesserte. Ausstellen wollte er nie, auch verkauft hatte er keines seiner fast 140 Bilder, die zum Teil in mehreren Reihen an den Wänden der Hannoveraner Altbauwohnung hingen. "Das ist Kunst für den Menschen", sagt dann Elisabeth Schröder bei ihrer Einführung. "Und deswegen muss sie auch gesehen werden." Sie weist auch auf das zentrale Thema in vielen von Köllings Bildern hin: Ungerechtigkeit spielt in Köllings Malerei eine große Rolle, in ihren Farben und Formen bringen sie Wut und Schmerz über die Ohnmacht der Leidenden zum Ausdruck. Beispielhaft dafür ist das zentral an der Kopfseite des Vortragssaals angebrachte Bild "Die Kains sind eine große Familie geworden": Auf der rechten Seite lächelt da süffisant ein feister Anzugträger, die Zigarre in der Hand. Daneben ein Vermummter mit einer Waffe und zwischen ihnen ein uniformierter Militär, den Finger schon auf dem roten Knopf, die Raketen schon startbereit. Auf der linken Seite schemenhafte Gestalten, die inmitten von Trümmern auf dem Boden liegen, darüber ein weinendes Gesicht.

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