Tiden der Elbe: Fritz Karl Wachtmann (80) zeigt in einer Ausstellung in der Friedenskirche ein Werk seines alten Freundes und international bekannten Bauhaus-Künstlers Kurt Kranz. Es ist ein Faltbild: Es gibt 20 Varianten, die an den Wänden alle zu sehen sind. Dass Kranz von der Kunsthalle ignoriert werde, enttäuscht Wachtmann. - © Kurt Ehmke
Tiden der Elbe: Fritz Karl Wachtmann (80) zeigt in einer Ausstellung in der Friedenskirche ein Werk seines alten Freundes und international bekannten Bauhaus-Künstlers Kurt Kranz. Es ist ein Faltbild: Es gibt 20 Varianten, die an den Wänden alle zu sehen sind. Dass Kranz von der Kunsthalle ignoriert werde, enttäuscht Wachtmann. | © Kurt Ehmke

Senne Groß in der Welt, klein daheim: Bielefeld ignoriert heimischen Bauhaus-Künstler

Ganz anders ist es in New York, Tokio, Hamburg

Kurt Ehmke

Senne. Es war eine der ersten Ausstellungen in der neuen Bielefelder Kunsthalle: 1969 zeigte Gründungsdirektor Joachim Wolfgang von Moltke Werke von Kurt Kranz. Der Bauhaus-Künstler Kranz wurde immer wieder weltweit ausgestellt - 2009 lieh das berühmte Museum of Modern Art (MoMa) in New York eine 32-teilige Zeichnungs-Collage, ein Projekt für einen abstrakten Farbfilm von 1930, für die Schau "Bauhaus 1919- 1933. Workshops for Modernity" aus. Und zum 80. Geburtstag des 90-jährig verstorbenen Künstlers würdigte die Kunsthalle Hamburg Kranz mit einer großen Ausstellung. Kranz ist bekannt, hat immerhin bei Paul Klee und Wassily Kandinsky gelernt - und am Bauhaus bei Josef Albers, Joost Schmidt und Walter Peterhans Kurse besucht, er lehrte als Professor in Hamburg, war Gastdozent in den USA, in Tokio, an der Harvard University. Und Bielefeld? Seit 1969? Nichts. Das ärgert einen alten Weggefährten von Kranz, der von 1925 bis 1930 in Bielefeld Lithographie lernte und an der Kunstgewerbeschule, die später Werkkunstschule hieß, studierte. Fritz Karl Wachtmann (80) hat sich lange bemüht, seinen Lehrer an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, Professor Kurt Kranz, in Bielefeld wieder den Menschen ins Gedächtnis zu rufen. Doch sowohl Ulrich Weisner als auch der aktuelle Leiter der Kunsthalle, Friedrich Meschede, "hatten kein Interesse", sagt Wachtmann. Kranz selbst habe Weisner 1995 vorgeschlagen, seine Werke zu seinem 90. Geburtstag in der Kunsthalle zu zeigen - quasi als Geschenk für die Stadt, die ihm Heimat war. "Die Absage hat Kranz tief gekränkt", sagt Wachtmann. Kyoto, Tokio, New York, Hannover und Bremen hingegen zeigten im Jahr 2000 Werke von Kranz, der drei Jahre zuvor gestorben war. Gekränkt war später auch Wachtmann. Meschede, sagt er, habe ihm nicht einmal geantwortet. "Als Herr Meschede 2015 die Bürger um Ideen und Vorschläge gebeten hat, schlug ich ihm vor, Werke von Kranz zu zeigen", sagt Wachtmann - doch auf diese Idee bekam er keine Reaktion. "Gerade in der Jubiläumsausstellung ,50 Jahre Kunsthalle?, die jetzt zu sehen ist, hätte doch dieser große Bielefelder Künstler einen Platz verdient gehabt", findet Wachtmann, der auch Wilhelm Heiner für die Ausstellung vorgeschlagen hatte - ihn zeigt jetzt das neue Böckstiegel-Museum. Wachtmann ist enttäuscht - und hat daraus aber Energie gezogen. Er hat sich an Pfarrer Berthold Schneider von der Emmaus-Gemeinde gewandt und zeigt nun ab dem 11. November in der Galerie der Friedenskirche am Schopenhauerweg Werke von Kurt Kranz. Klein, aber fein. Die Werke des Bauhaus-Künstlers sind oft sperrig; Kranz liebt Serien und Reihungen, es ist eine eigenwillig verschachtelte Kunst, die für ihn steht. Nie ist es das Werk, nie ein endgültiges vollendetes Kunstwerk, immer geht es um Formreihen, um Varianten, um Bilderketten. Der Wandel ist Thema, Kunst, die auf ihre eigene Art lebt. Friedenskirche in Senne statt Kunsthalle Bielefeld Kunst, die Raum braucht. So auch das in der Ausstellung "Tiden der Elbe" maßgebliche Werk, ein lithographisches Faltbild. Es bietet in den verschiedenen Faltungen 20 verschiedenen Ansichten. Der Fluss der Elbe, die Tiden der Elbe werden so fast sinnbildlich begreifbar. Aber, dafür muss der Betrachter blättern. Und das ist so eine Sache bei Kunstwerken. Deshalb hat Wachtmann alle 20 Varianten als Kopie ausgestellt ... quasi im Fluss. Und das Original ist in einer Faltungsvariante auch zu sehen. Hinzu kommen weitere Werke von Kranz, so auch das 2009 ans MoMa in New York ausgeliehene Werk. Nun also Friedenskirche in Senne statt MoMa in New York und Galerie der Emmaus-Gemeinde statt Kunsthalle Bielefeld. Wachtmann will seinem alten Freund hier die Ehre erweisen, die ihm gebühre, so der Designer und Architekt. ´ Nach dem Gottesdienst am Sonntag, 11. November, führt Fritz Karl Wachtmann ab 11.15 Uhr in das Werk ein, zu sehen ist die Schau bis zum 27. Januar zu den Kirchzeiten - und nach Vereinbarung unter Tel. (05 21) 49 17 29.

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