Dankbare Ente: Renate Reiners (66) hält eine Ente in der Hand, die sich dafür bedankt, dass sie nicht gefüttert wird. Seit 2013 setzt sie sich für das biologische Gleichgewicht am Obersee ein und klärt Besucher des Naherholungsgebietes über die Folgen auf. - © Barbara Franke
Dankbare Ente: Renate Reiners (66) hält eine Ente in der Hand, die sich dafür bedankt, dass sie nicht gefüttert wird. Seit 2013 setzt sie sich für das biologische Gleichgewicht am Obersee ein und klärt Besucher des Naherholungsgebietes über die Folgen auf. | © Barbara Franke

Schildesche Kämpferin für den "Obersee in Not": Wenn das Entenfüttern zum Problem wird

Renate Reiners und ihre drei Kollegen haben schon viele Bürger vom "Gänse füttern" abgehalten. Doch Uneinsichtige und Griller, die sich von den Heeper Fichten abwenden, machen neue Probleme

Jens Reichenbach

Bielefeld-Schildesche. Etwa 3.000 Kilo Backwaren, aber auch Pizza und Salzstangen verfütterten Obersee-Besucher an die großen und kleinen Wildvögel auf Bielefelds einzigem Naherholungsgewässer. Das war täglich zu beobachten, bis das Umweltamt 2013 die Reißleine zog und nach Kümmerern suchte. Naturfreundin Renate Reiners war sofort dabei. Heute nennt sie sich - zusammen mit Frank Wächter, Käthe Mertens und Michael Feldscher - "Seepate". Ihre Freizeit stellt sie seitdem der Rettung und Bewahrung des bedrohten Obersees zur Verfügung, der als flaches Gewässer vor allem im Sommer unter Algen und Sauerstoffmangel leidet. 200 wilde Enten, Gänse und Schwäne leben am Obersee. Eigentlich ernähren sich diese Tiere selbstständig. Trotzdem drängelten sich die Fütterer jahrelang am Steg an der Talbrückenstraße, um die Tiere zusätzlich zu füttern. Eine Bedrohung für das "biologische Gleichgewicht", betont Bettina Branke vom Umweltamt. Vor allem große Schwäne seien angelockt worden. Der Verbiss der Seepflanzen und der enorme Eintrag des Tierkots sorgten für eine Verschlechterung der Wasserqualität. "Als Biologie-Lehrerin wusste ich um die dramatischen Folgen", sagt Reiners. Es ist besser geworden, aber totales Unverständnis nimmt zu Nach dem Aufruf in der Zeitung hatte sie damals auf der Treppe vor ihrem Haus den ganz starken Impuls: "Das will ich machen." Reiners meldete sich und steht seitdem mit Flyern in vier Sprachen (deutsch, türkisch, englisch und russisch) sowie Fachwissen den Obersee-Besuchern zur Seite: "Uns ist es wichtig, zu vermitteln, dass so ein Gewässer voller Leben steckt. Viele kennen die Konsequenzen des Brotfütterns gar nicht. Wir betreiben hier sehr viel Aufklärungsarbeit." Das habe funktioniert, sagt die 66-Jährige: "Es ist wesentlich besser geworden. Inzwischen gehe ich manchmal nach Hause, ohne einen einzigen Flyer losgeworden zu sein." Seepaten-Kollege Frank Wächter hat aber auch eine Veränderung entdeckt: "Diejenigen, die totales Unverständnis zeigen, sind heute mehr geworden." Sie argumentierten, dass sie schon immer Brot gefüttert hätten und auch ein Bußgeld in Kauf nähmen. Denn seit 2017 gilt am Obersee "Füttern verboten". Nicht selten kriegt Wächter zu hören: "Die 20 Euro Bußgeld zahle ich gerne, Hauptsache die Tiere bekommen ihr Futter." Neu: Grillgruppen am Obersee, an den Heeper Fichten ist es zu voll geworden In diesem Moment erscheint ein Großvater mit seinem Enkel am See. Er hat eine große Tüte mit Brot dabei. Arnt Becker vom Umweltamt, das an jenem Tag zusammen mit Vertretern des Ordnungsamts und den vier Paten für mehr Aufmerksamkeit werben will, spricht ihn sofort an: "Er hat nicht gut Deutsch gesprochen, aber er hat verstanden, wofür wir werben", so Becker. Die Arbeit für die Paten geht also längst nicht aus. Zumal Wächter ein neues Problem identifiziert hat: "Es kommen immer mehr Grillgruppen an den Obersee, weil es an den Heeper Fichten zu voll geworden ist." Dort ist aber Grillen verboten. Auch, weil der Müll oft liegen bleibe, im Wasser lande und Ratten anlocke. Wichtig: "Wir suchen immer Mitstreiter", betont Feldscher. Svenja Sackschewsky (29) hört zufällig davon und meldet sich sofort. "Ich bin jedes Wochenende hier. Da mache ich mit." Interessenten melden sich unter: umweltamt@bielefeld.de

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