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BIELEFELD Generalschlüssel für Autodiebe

Täter überlisten mit überraschend einfachen Mitteln modernste Sicherheitstechnik

VON JENS REICHENBACH
15.06.2012 , 09:00 Uhr
Generalschlüssel für Autoknacker - © BIELEFELD
Generalschlüssel für Autoknacker | © BIELEFELD

Bielefeld. Professionell agierende Autodiebe aus Osteuropa suchen seit langem immer wieder die Großstädte rechts und links der A 2 heim. Natürlich ist auch Bielefeld längst Ziel der litauischen und polnischen Autoschieberbanden. 2010 stieg die Zahl der "Komplettentwendungen" in Bielefeld um nahezu 70 Prozent. Der Rückgang 2011 war gering. Weil die Täter mit einem "Polenschlüssel" überraschend einfach an fremde Steuer gelangen.

Seit dem Wegfall der Grenzkontrollen zu Polen und Tschechien 2007 ist die Zahl der bundesweit verschwundenen Fahrzeuge um 22,5 Prozent angestiegen. Die Situation in Bielefeld sei auch 2012 nicht viel besser, so Polizeisprecher Friedhelm Burchard. Die Liste der Entwendungen im Juni ist beängstigend:

In der Nacht auf 1. Juni in Baumheide werden ein Audi A6 und A4 gestohlen; am 5. Juni in Mitte ein VW Caddy; eine Nacht später in Baumheide ein Audi A4 und ein VW Touran; am 10. Juni verschwindet in Baumheide ein VW Caddy; seit dem 12. Juni sucht die Polizei nach einem VW Passat und einem Golf aus Gellershagen sowie einem Volvo P121, der in der Innenstadt entwendet wird.

Rohling wird ins Schloss gerammt

Ein Audi-Fahrer (43) an der Gleiwitzer Straße hatte Glück: Sein A4 stand morgens noch im Carport – allerdings geöffnet. Im Zündschloss steckte ein interessantes Diebeswerkzeug – ein "Polenschlüssel". Offenbar hat jemand die Diebe gestört. Was sich politisch unkorrekt "Polenschlüssel" nennt, ist ein General-Türöffner für Schlüsseldienste und eben auch Kriminelle. Der Rohling von der Gleiwitzer Straße passt in tausende Fahrzeuge der VW-Gruppe – auch Audi-, Skoda- und Porschemodelle.

Der Polenschlüssel (r.) aus gehärtetem Stahl steht den Originalen von Audi und VW (l.) in nichts nach.
Der Polenschlüssel (r.) aus gehärtetem Stahl steht den Originalen von Audi und VW (l.) in nichts nach.

Zunächst rammt der Täter den Rohling in das Türschloss und schließt es dann mit Hilfe eines Innensechskant auf. Nach dem Öffnen der Tür verwendet er anschließend den Polenschlüssel, um auch die Zündung einzuschalten. Erst jetzt wird es für die Autoschieber technisch anspruchsvoll: Um auch die Wegfahrsperren, die normalerweise durch Technik im Originalschlüssel ausgeschaltet werden, zu umgehen, nutzen sie Diagnosecomputer, bestätigt Michaela Heyer, Sprecherin des Landeskriminalamtes (LKA).

Diese Geräte werden in jeder Werkstatt zum Auslesen und Programmieren der Motorsteuerung benötigt und wurden zuletzt auffällig oft bei Einbrüchen aus Werkstätten entwendet.

Viele Diebstähle sind Auftragsarbeiten

Die Autoknacker müssen sie einfach in die Diagnosebuchse des Fahrzeugs stecken, nach wenigen Sekunden schaltet das Gerät die Wegfahrsperre aus. Anschließend kann der Täter den Wagen per Polenschlüssel gefahrlos starten und wegfahren.

"Autoknacker" trifft auf diese Täter längst nicht mehr zu. Entsprechende Video-Anleitungen existieren im Internet. Ein "Polenschlüssel" kostet im Internet 90 Euro, ein programmiertes Interface zum Austricksen von Audi-Wegfahrsperren 1.400 Euro.

LKA-Sprecherin Michaela Heyer nennt die Täter technisch spezialisiert, ihr Vorgehen bandenmäßig, ihre Zielfahrzeuge hochwertig. Viele erledigen Auftragsarbeiten: Nicht nur das Modell, oft würden auch Motorisierung und Lackfarbe bestellt. Spüren die Diebe das Wunschmodell auf, verfolgen sie es bis nach Hause. In der Nacht schlagen sie zu. Die Kripo registriert dabei oft "Doppelschläge". "Es sind meist zwei Diebstähle pro Nacht", so Burchard. Die Opfer bemerken den Diebstahl erst morgens.

Die Polizisten machen den Opfern anschließend wenig Hoffnung auf Besserung: "Es gibt kaum Möglichkeiten, sich dagegen zu schützen", hieß es bei der Anzeigenaufnahme des Beinahe-Opfers von der Gleiwitzer Straße. Der Rat, sich lieber eine gute Versicherung zuzulegen, befriedigt ihn nicht: "Ich dachte, eine Wegfahrsperre ist effektiv. Aber nach minimaler Recherche im Internet glaube ich bei Autos an keinen Diebstahlschutz mehr." Besonders die Autohersteller stehen deshalb in der Kritik: Sie verlieren beim Wettrüsten gegen die organisierte Kriminalität schneller an Boden, als ihnen lieb sein kann.

Information

A6, X5, Touran und Bulli

Die großen Zeiten der Autodiebe, als in den 1990er Jahren in NRW noch mehr als 20.000 Autos pro Jahr gestohlen wurden, sind laut LKA vorbei. 2011 waren es nur noch 7.781. In den vergangenen fünf Jahren pendelte die Zahl mal nach oben und mal nach unten – je nachdem, ob die Anti-Diebstahl-Technik der Hersteller neu war oder nicht. Die Aufklärungsquote lag zuletzt bei 24,5 Prozent.
Beliebt sind laut Bielefelder Kripo große und robuste Geländelimousinen (engl.: Sport Utility Vehicle, kurz: SUV), wie etwa die X-Baureihe von BMW. Das erkläre sich aber nicht allein durch die klimatischen Verhältnisse in Osteuropa und den dortigen Zustand des Straßennetzes: "Wer erstmal eine hochwertige Ausrüstung besitzt, um BMW-Fahrzeuge trotz elektronischer Fahrzeugsperre zu starten, der wird eben monatelang BMWs stehlen", so ein Sprecher. Auch die 5er- und 7er-BMWs stehen im Fokus der Täter genauso wie Audi A4 und A6 sowie VW Touran und VW Bullis. (jr)