Stattlich: Tiere wie dieses werden bei der Trophäenjagd vor allem wegen ihrer großen Geweihe geschossen. - © Foto: dpa
Stattlich: Tiere wie dieses werden bei der Trophäenjagd vor allem wegen ihrer großen Geweihe geschossen. | © Foto: dpa

Bielefeld/Düsseldorf Streit um Hirschmast in NRW

Jagdpräsident schießt Achtzehnender

Bielefeld/Düsseldorf. Der Präsident des Landesjagdverbands NRW, Ralph Müller-Schallenberg, gerät wenige Tage vor einer Großdemonstration seiner Zunft unter Druck. Nach Recherchen der NW hat Müller-Schallenberg im September 2014 im Privatforst von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein einen kapitalen Hirsch erlegt. Der Abschuss wurde zwar bezahlt, die Angelegenheit hat aber ein Geschmäckle bekommen, weil es in den Wäldern von Sayn-Wittgenstein Ausnahmegenehmigungen für die Wildfütterung gibt. Am Mittwoch soll vor dem Landtag in Düsseldorf "die größte Jägerdemonstration für Land und Leute" stattfinden. Ralph Müller-Schallenberg (55), Präsident des Landesjagdverbandes NRW (LJV), will mit einer möglichst "starken Mobilisierung" in letzter Minute noch das neue ökologische Jagdgesetz zu Fall bringen, das die rot-grüne Landesregierung beschlossen hat. Müller-Schallenberg, ein Anwalt aus Leverkusen, ist Jäger aus Leidenschaft. Erst im September letzten Jahres hatte er sich einen großen Traum erfüllt, wie er auf Anfrage der NW bestätigt. Im etwa 13.000 Hektar großen Privatforst des Hauses Sayn-Wittgenstein-Berleburg schoss er einen "Lebenshirsch", einen Achtzehnender. "Es war eine tolle Jagd", er habe sich "unheimlich gefreut". Das imposante Geweih hänge jetzt bei ihm an der Wand. Er habe für den Rothirsch "einen ganz normalen Preis" bezahlt und könne die "Aufregung darum nicht verstehen", sagt Müller-Schallenberg."Widersprüchliches Handel der Regierung" Die Aufregung hängt mit einer Reihe von Dingen zusammen. Begonnen hatte es damit, dass der Justiziar des Landesjagdverbandes, Hans-Jürgen Thies, in einer offiziellen Stellungnahme zum ökologischen Landesjagdgesetz angebliche Widersprüche im Handeln der Landesregierung ausgemacht hatte. Diese verstoße gegen ihre eigenen Prinzipien, so der Vorwurf. Thies wollte in erster Linie den für das neue Gesetz verantwortlichen Minister Johannes Remmel (Bündnis 90/Die Grünen) treffen. Er kritisierte das von Remmel geplante generelle Fütterungsverbot für Wildschweine und stellte dem zwei Ausnahmegenehmigungen ausgerechnet in den Wäldern von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein (80) entgegen. So habe die Untere Jagdbehörde des Kreises Siegen-Wittgenstein für den Eigenjagdbezirk Berleburg der Wittgenstein-Berleburg'schen Rentkammer zuletzt durch Bescheid vom 26. Juni 2013 zahlreiche sogenannte "Ablenkungsfütterungen" für Wildschweine genehmigt, damit diese nicht in landwirtschaftlich genutzte Felder laufen und sich dort sattfressen. Eine weitere Ausnahmegenehmigung existiere auch für das Rotwild. Erlaubt sei die Ausbringung von "siliertem Biertreber", dem 10 Prozent Kraftfutter beigemixt sind - laut Experten wirkt das in der Hirschmast wie ein Turbo. Von diesen beiden "Vorgängen" habe die Landesregierung "seit längerem Kenntnis, ohne entsprechende Gegenmaßnahmen . . . einzuleiten", kritisierte Thies.Ausnahmen bei Wildfütterung sollen abgeschafft werden Der für die Jagd zuständige Umweltminister Remmel, dessen Wahlkreis Siegen-Wittgenstein I ist, weist die Vorwürfe strikt zurück. Für die genannten Ausnahmegenehmigungen von der Landesfütterungsverordnung sei allein der Kreis Siegen-Wittgestein zuständig gewesen, sagt sein Sprecher Wilhelm Deitermann. Zu Remmel gebe es in der Angelegenheit "keinerlei Verknüpfung". Denn nachweislich habe es in den Wäldern von NRW 50 weitere Ausnahmegenehmigungen bei der Wildfütterung gegeben - mit dem neuen Landesjagdgesetz sollten sie nun abgeschafft werden. Fakt ist, dass die Forschungsstelle Jagd- und Wildschadensverhütung, die dem NRW-Umweltminister unterstellt ist, die Ausnahmegenehmigungen bei der Wildfütterung offiziell abgesegnet hat. Sie musste nach den Vorschriften stets eine fachliche Stellungnahme abgeben. Michael Petrak, Leiter der Forschungsstelle, bewertete das Rotwild im mittleren Rothaargebirge bei einem Ortstermin im Jahr 2010 als "in Konstitution und Kondition relativ schwach", so dass eine Fütterung mit Biertreber und Kraftfutter angezeigt sei.Mindestens 9.000 Euro für erlegte Hirsche Es ist möglich, dass die Hirsche in dem Bereich wieder kräftiger geworden sind. Das legt nicht nur der Abschuss des kapitalen Achtzehnenders durch den LJV-Präsidenten Ralph Müller-Schallenberg nahe. Nach einer Aufstellung der Wittgenstein-Berleburg'schen Rentkammer zu den "Bedingungen für entgeltliche Einzelabschüsse" sind für erlegte Rothirsche, deren Geweihe mit einer internationalen Goldmedaille (210 Punkte aufwärts) bewertet werden, mindestens 9.000 Euro auf den Tisch zu legen. Es kann - je nach Geweihstärke - auch mal das Doppelte sein. Die Untere Jagdbehörde des Kreises Siegen-Wittgenstein will Fragen "wegen des komplexen Sachverhalts" nur schriftlich beantworten. Fehler habe man sich in dieser Angelegenheit nicht vorzuwerfen, heißt es. Die Ausnahmegenehmigungen für die Wildfütterung seien nach Recht und Gesetz erfolgt. Das betont auch Johannes Röhl, Forstdirektor in der Wittgenstein-Berleburg'schen Rentkammer. Er spricht von einer "Kampagne". Der private Forstbetrieb des Hauses Sayn-Wittenstein-Berleburg sei etwas Besonderes, sagt Röhl. Hier könne man Rotwild und Wildschweine in freier Wildbahn beobachten. Eine zusätzliche Fütterung sei notwendig und sinnvoll, um Schäden an Bäumen und in der Landwirtschaft zu vermeiden. Falls mit dem neuen ökologischen Jagdgesetz ein komplettes Fütterungsverbot komme, müsse man den Bestand stark dezimieren. Allerdings ist Röhl auch auf den Landesjagdverband (LJV) nicht gut zu sprechen. Zwar habe dessen Präsident Müller-Schallenberg seinen Hirsch bezahlt. Aber es gebe dennoch "außerordentlichen Gesprächsbedarf".Fotos zeigen Wildfütterungen Nach Recherchen der NW wurden dem LJV im Februar zahlreiche Fotos zugespielt. Sie zeigen angeblich Wildfütterungen im Kreis Siegen-Wittgenstein von einem gewaltigen Ausmaß, das nicht einmal von den Ausnahmegenehmigungen gedeckt sein soll. LJV-Justiziar Thies leitete die Bilder - pflichtgemäß, wie er betont - ans NRW-Umweltministerium weiter. Die Fotos seien "dramatisch", Wildtiere stünden darauf "bis zum Bauch" im Futter, sagte Thies der NW. Das nordrhein-westfälische Umweltministerium hat die Bilder an die Untere Jagdbehörde des Kreises Siegen-Wittgenstein geschickt. Dort will man dazu nichts sagen. "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir generell keine Angaben über laufende Verfahren machen", teilte die Behörde auf schriftliche Anfrage mit.

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