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Bielefeld

Geißler fordert Nächstenliebe

Sozialpolitiker hielt gestern im Assapheum die Festansprache bei der 100-Jahr-Feier von Gilead

VON THOMAS GÜNTTER
12.10.2013 | Stand 10.10.2013, 21:17 Uhr |
Ulrich Pohl (links), Vorstandsvorsitzender der von-Bodelschwinghschen-Stiftungen, und Heiner Geißler, ehemaliger Bundesgesundheitsminister und CDU-Generalsekretär. - © FOTO: SANDRA SANCHEZ
Ulrich Pohl (links), Vorstandsvorsitzender der von-Bodelschwinghschen-Stiftungen, und Heiner Geißler, ehemaliger Bundesgesundheitsminister und CDU-Generalsekretär. | © FOTO: SANDRA SANCHEZ

Bielefeld. Die Worte waren mutig und stießen nicht überall auf Zustimmung. Heiner Geißler (83), ehemaliger Bundesgesundheitsminister und langjähriger Generalsekretär der CDU, wandte sich in seiner Rede zum 100. Geburtstag der Klinik Gilead gegen den Gedanken, dass der Mensch nur noch als Kostenfaktor degradiert werde. Die Behandlung von Kranken könne nicht reduziert werden auf reine Gewinnmaximierung. Es gehe um Nächstenliebe, und die dürfe nicht verwechselt werden mit Gutmenschentum.

Geißler war gestern der Festredner auf der 100-Jahr-Feier für das Krankenhaus Gilead. Das Assapheum in Bethel war voll besetzt. Scharfe Kritik übte Geißler, selbst seit 2007 Mitglied der globalisierungskritischen Organisation attac, am neoliberalen Gedankengut, nachdem sich jeder Mensch schon selbst helfen könne. Er glaube nicht, dass sich Philip Rösler, Guido Westerwelle und Hans-Olaf Henkel als Kleinkinder selbst gefüttert hätten. Jeder Mensch sei ein soziales Wesen und brauche die Solidarität und Nächstenliebe der anderen.

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Damit griff Geißler zurück auf das Thema der Predigt von Pastorin Anette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, die am Morgen in der Zionskirche den Gottesdienst gestaltet hatte. Ihr Thema war der barmherzige Samariter.

Das Gesundheitswesen, so Geißler, sei eine öffentliche Aufgabe und keine private mit rein kapitalwirtschaftlichen Grundsätzen. Das Gesundheitswesen funktioniere nur mit dem Geist der Nächstenliebe und Solidarität.

Geld sei auf der Welt genug vorhanden. Wörtlich: "Es gibt auf der Erde Geld wie Dreck. Das haben nur die falschen Leute." Geißler machte sich stark für eine Reichensteuer. Es könne nicht sein, dass eine Minderheit Reichtümer anhäufe und die beiden kirchlichen Sozialverbände Diakonisches Werk und Caritas in der Gesundheitspolitik jeden Cent umdrehen müssten.

Außerdem sprach er sich dafür aus, dass sich Diakonisches Werk (Evangelisch) und Caritas (Katholisch) zusammenschließen. Geißler: "Die Kirche muss aus einem Mund reden. Wir brauchen die ökonomische Power der Ökumene." Zusammengeschlossen sei die Kirche mit rund zwei Milliarden Menschen auf der ganzen Erde der größte Global Player, der die Welt umkrempeln könne.

Der diakonische Mehrwert in der Pflege sei Zeit: für die Patienten und für gute Pflege. Christen sollten sich wieder auf den Kern des Evangeliums besinnen.

Weitere Grußworte kamen von Pastor Ulrich Pohl, Vorstandsvorsitzender der von Bodelschwinghschen Stiftungen. Er machte aufmerksam auf eine lokale Besonderheit. Eine ältere Dame habe ihm erklärt, sie sei "auf Gilead" geboren und ihre Eltern seien "auf Gilead" gestorben. Barbara Steffens, NRW-Gesundheitsministerin zollte besonderen Dank den vielen Ehrenamtlichen.

Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) sagte, dass Bethel und die Kultur von Bethel die Stadt Bielefeld befruchtet hätten. Medizinische Versorgung sei mehr als Apparate-Medizin und die tägliche Ausgabe von Tabletten. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, der aus Bielefeld stammt, ergänzte, die Diakonissen hätten das Bild der Krankenpflege in Gilead geprägt. Bielefeld und Bethel seien in den 100 Jahren eine Einheit geworden.

Die Veranstaltung wurde moderiert von Peter Stuckhard. Es spielte die Big Band der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schulen unter der Leitung von Martin Gentejohann.

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