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Bielefeld

Wie man mit gewalttätigen Menschen umgeht

INTERVIEW: Kriminalhauptkommissarin Uta Raddatz erklärt, wie Angst zu überwinden ist

08.10.2013 | Stand 08.10.2013, 08:37 Uhr
Wie man mit gewalttätigen Menschen umgeht - © Bielefeld
Wie man mit gewalttätigen Menschen umgeht | © Bielefeld

Bielefeld. Fünf Jugendliche werden in der Bielefelder Stadtbahn von einem Drogensüchtigen attackiert - und niemand kommt zu Hilfe. Gleichgültigkeit? Oder doch eher Hilflosigkeit, wie Uta Raddatz, Hauptkommissarin beim Dezernat für Kriminalprävention und Opferschutz in Bielefeld, meint? Sie hat Jonas Damme erklärt, wie man die Angst überwinden kann, wenn andere oder man selbst angepöbelt, beleidigt oder körperlich angegangen werden.

Frau Raddatz, die Vorfälle neulich in der Stadtbahn waren erschreckend. Aber provokativ gefragt: Was sollte mich dazu verleiten einzugreifen, wenn zum Beispiel in der Straßenbahn abends drei Männer einen vierten anpöbeln? Wenn ich ihm zu Hilfe eile, werde ich möglicherweise auch geschlagen. Statt einer werden also zwei verletzt.

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Vergeblich um Hilfe gerufen

Etliche Personen haben mit in der Bielefelder Stadtbahn gesessen, als ein offensichtlich betrunkener Drogenabhängiger (24) vor einigen Tagen brutal eine Gruppe von Jugendlichen (17, 13) attackiert hat. Besonders hart traf es einen 17-Jährigen, der versucht hatte, sich dem Mann entgegenzustellen: Der Täter schlug immer wieder auf seinen Kopf ein. Obgleich die jungen Leute laut um Hilfe riefen, griff niemand ein. Gleichwohl wird nicht wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt.

UTA RADDATZ: Das müssen Sie mit Ihrem Gewissen vereinbaren. Wenn Sie nichts tun, werden Sie aus der Bahn aussteigen und immer denken: Da hätte ich helfen können.

Ute Raddatz. - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Ute Raddatz. | © FOTO: ANDREAS ZOBE

Kann es helfen, selbstbewusst auf einen oder mehrere Angreifer zuzugehen? Zu zeigen, dass man bereit ist zurückzuschlagen? Oder zumindest so zu tun, zu bluffen?
RADDATZ:
Drohe nur an, was du auch durchziehen kannst. Man sollte nur so weit gehen, wie man es sich auch zutraut. Dass Menschen in solchen Situationen über sich hinauswachsen, ist die Ausnahme.

Was soll ich sonst tun?
RADDATZ:
Zuerst sollte man den Attackierten fragen: "Brauchen Sie Hilfe?" Dann ist die erste konkrete Möglichkeit, die Polizei anzurufen. Da sollte man keine Scheu haben. Es ist besser, die Beamten kommen einmal zu viel als einmal zu wenig.

Und in einer Auseinandersetzung körperlich dazwischengehen?
RADDATZ:
Es ist niemandem geholfen, wenn man hinterher selbst eine Faust ins Gesicht bekommt. Man sollte sich als Zeuge nicht selbst zum Opfer machen.

Was ist mit Verstärkungholen?
RADDATZ:
Natürlich. Aber dann sollten Sie nicht einfach in den Raum rufen: "Hilfe!" Sprechen Sie lieber direkt jemanden an: "Sie da mit dem langen Anorak, können Sie mir bitte helfen?" So, dass sich jemand auch wirklich angesprochen fühlen muss. Dann fällt es demjenigen schwer wegzusehen.

Es hilft also, eine Gegengruppe gegen die Täter zu bilden?
RADDATZ:
Ein Anführer hilft auf jeden Fall. Wenn sich einer findet, der sagt: "Das lassen wir jetzt nicht zu. Und Sie kommen jetzt mit und helfen!", dann kommen die anderen ganz häufig auch wirklich mit. Man weiß, dass die Menschen oft eigentlich hilfsbereit sind, aber jemanden brauchen, der ihnen sagt, was sie tun sollen.

Wer wird denn am ehesten zum Opfer? Gibt es da Schemata?
RADDATZ:
Menschen, die ein niedriges Selbstwertgefühl haben, sind eher gefährdet. Wir wissen, dass Täter sich auf der Straße ihre Opfer angucken und auswählen. Aber jemand, der betrunken ist, wie im Fall in der Straßenbahn, der handelt nach keinem Schema mehr.

Was kann man also tun, um selbst in kritischen Situationen nicht zum Opfer zu werden?
RADDATZ:
Man sollte nie den Blickkontakt vermeiden. Man sollte ihn im Gegenteil sogar suchen, signalisieren: Hier bin ich. Wenn ich im Dunkeln alleine mit der Straßenbahn nach Hause fahre, sehe ich mich immer deutlich um, um zu sehen, wen ich hinter mir habe.

Aber wenn ich Angst habe?
RADDATZ:
Ich muss mir meiner Rolle klar werden. Wenn ich Angst habe, kann ich mich nicht darstellen. Dann habe ich ja auch eine Körpersprache. Wir sind Menschen, und wir achten aufeinander und gucken auch mal hin. Und sagen etwas.

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