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Bielefeld Türkisch verdrängt Deutsch

Herkunftssprachlicher Unterricht: Lehrer fehlen, Stundenpläne schwer zu schreiben, Schulleiter in Not

VON KURT EHMKE
22.09.2013 | Stand 20.09.2013, 22:27 Uhr
Diese Schülerin dürfte laut Landesregierung freiwillig fünf Stunden wöchentlich Türkisch lernen - meist sind es aber nur zwei oder drei, die angeboten werden. Lehrer fehlen. Und das Fach ist schwer in Stundenpläne zu integrieren. - © FOTO: DPA
Diese Schülerin dürfte laut Landesregierung freiwillig fünf Stunden wöchentlich Türkisch lernen - meist sind es aber nur zwei oder drei, die angeboten werden. Lehrer fehlen. Und das Fach ist schwer in Stundenpläne zu integrieren. | © FOTO: DPA

Bielefeld. Eltern von Stapenhorstschülern sind verwundert: Da fallen Englisch und Deutsch aus für herkunftssprachlichen Unterricht? Türkisch, in diesem Fall. Was auf den ersten Blick grotesk wirkt und bei der Stadt und im Schulamt zu klaren Aussagen à la "Das darf nicht sein" führt, ist aber weniger einer schludrigen Planung an der Grundschule geschuldet.

Vielmehr ist das freiwillige Angebot seit Jahren eine Baustelle, auf der es nur zäh vorangeht. Von fast 40.000 Schülern haben mehr als 40 Prozent einen Migrationshintergrund, gut 1.850 nutzen den herkunftssprachlichen Unterricht (HSU): 1.379 in Türkisch – es folgen Arabisch (172), Griechisch (138), Spanisch (71). Lehrer gibt es 15, verteilt auf 10 Stellen. Es fehlen Pädagogen.

Information

Die Situation in Bielefeld

Folgende Fächer werden angeboten:
Albanisch: 0,2 Lehrerstellen, eine Lehrkraft, 34 Schüler
Arabisch: 0,8 Lehrerstellen, eine Lehrkraft, 172 Schüler
Griechisch: 1 Lehrerstelle, eine Lehrkraft, 138 Schüler
Italienisch: 0,2 Lehrerstellen, eine Lehrkaft, 26 Schüler
Polnisch: 0,2 Lehrerstellen, eine Lehrkaft, 33 Schüler
Spanisch: 0,3 Lehrerstellen, eine Lehrkraft, 71 Schüler
Türkisch: 8,4 Lehrerstellen, 9 Lehrkräfte, 1.379 Schüler
Kurdisch: 0 Lehrer – aber erhebliches Interesse von Schülern

Weitere Sprachen, die woanders in NRW angeboten werden: Bosnisch, Mazedonisch, Niederländisch, Kroatisch, Russisch, Portugiesisch, Serbisch, Slowenisch.

Schulrat Harald Drescher verwaltet den Mangel. "Das ist aufwändig." Die Lehrer sind Wanderer zwischen den Schulen, nur selten richtig eingebunden vor Ort. Unterrichtet werden die sogenannten "kleinen Sprachen" nachmittags – Türkisch aber überwiegend vormittags. Anders sei der Unterricht nicht zu organisieren: 9 Lehrer lehren an 28 Grundschulen und 5 weiterführenden Schulen Türkisch.

Folge: Andere Stunden fallen aus. Gerne Religion, da es als Fach abgewählt werden kann und HSU-Kinder überwiegend Muslime sind. "Regelunterricht darf nicht ausfallen", betont Drescher, schon gar nicht Deutsch. "Das ist nicht zulässig."

Damit steht die Stapenhorstschule vor einem Problem. "Unsere Lehrerin kommt nur für einen Tag hierher", sagt Bianca Schafberg, die die Schule kommissarisch seit drei Wochen leitet. Folge: Erst- und Zweitklässler haben an diesem Tag in den dritten und vierten Stunden Türkisch, Dritt- und Viertklässler von der sechsten bis zur achten Stunde. Weil die Religionslehrerin nach den Herbstferien nur noch an ihrer Schule unterrichtet, hofft Schafberg, nach den Ferien mit einem neuen Stundenplan das Problem lösen zu können. "Ich kann den Unmut der Eltern ja verstehen." Der kritisierte Stundenausfall sei eine Plus-Stunde, in der "auch Deutsch" unterrichtet werde

Fünf Wochenstunden HSU sieht das Land vor. Dass es auf weniger hinausläuft, ist Standard – nicht nur an der Stapenhorstschule, sondern überall in Bielefeld und in NRW. Wenn überhaupt ein Lehrer gefunden wird: "Ich suche händeringend einen Lehrer für Kurdisch", sagt Drescher, "da wäre der Bedarf da."

Doch weil die HSU-Lehrer ein vollwertiges Lehramtsstudium haben müssen und die passende Sprache studiert haben sollen, ist die Auswahl gering. "Wer studiert denn hier schon Türkisch als Sprache?" fragt Drescher rhetorisch. Dabei findet er die Idee des HSU sinnvoll. Nicht mehr wie damals, als Zuwanderer ihre Heimatsprache lernen und behalten sollten für den Tag ihrer Rückkehr, sondern heute mehr als Kulturgut – als Basis fürs Erlernen anderer Sprachen. "Wer die Muttersprache perfekt spricht, kann besser Sprachen lernen – das ist wissenschaftlich erwiesen."

Doch ist auch das nicht so einfach: "Immer mehr Familien leben zu Hause zwischen zwei Sprachen", weiß Drescher. Und auch die Kinder seien hin- und hergerissen. In der Grundschule lernen sie noch Türkisch, dann aber werden Sport und Musik wichtiger. An den weiterführenden Schulen bröckelt der HSU. Auch der Ganztag erschwert es den Schulen, noch passende Zeiten für den Unterricht zu finden – zumal oft Kinder mehrerer Schulen an einem Standort unterrichtet werden. Immerhin aber sei der HSU aufgewertet worden, weil die Note am Ende der Klasse 10 eine andere Sprachnote ausgleichen kann.

Ideal findet Drescher, wenn ein Lehrer mit Migrationshintergrund an einer Schule arbeitet und gleichzeitig HSU-Lehrer ist. "Aber wir haben noch viel zu wenige dieser Kollegen." Dabei verstünden sie oft die Schüler besser: "Sie kennen die Kultur, die Religion, können Probleme besser einschätzen und haben selbst eine Migrationsgeschichte."

Ähnliches Problem beim islamischen Religionsunterricht: es fehlen Lehrer. "Ich würde das gerne anbieten, weil mir das lieber ist, als Unterricht in Moscheen, dessen Inhalte ich nicht kenne", sagt der Schulrat. Doch noch wird in Bielefeld keine einzige Stunde Islam unterrichtet.

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