2007, nach einem Schlaganfall, vor seiner Bronze-Skulptur der Eheleute Christa und Eduard Delius, von Ann Lacey ,im Garten in Bielefeld. - © FOTO: C. WEISCHE
2007, nach einem Schlaganfall, vor seiner Bronze-Skulptur der Eheleute Christa und Eduard Delius, von Ann Lacey ,im Garten in Bielefeld. | © FOTO: C. WEISCHE

Bielefeld Eduard Delius ist mit 91 Jahren gestorben

Er war Schwiegersohn von Bundespräsident Gustav Heinemann und Schwiegervater von Johannes Rau

Bielefeld. Als Vertriebs- und Verkaufsleiter leitete Eduard Delius – gemeinsam mit seinen Cousins Ernst-August Delius (1922–1997) als technischem Leiter und Reinhard Delius (1923–2012) als kaufmännischem Leiter – fast 50 Jahre lang das Familienunternehmen, das jetzt seit 291 Jahren besteht. Der Gründer begann 1722 mit einer Leinenhandlung, 1844 folgte die Produktion von Seide, später wurden auch technische Textilien hergestellt. Delius-Webereien arbeiteten in Bielefeld, Jöllenbeck, Spenge und Werther. Beschäftigt wurden vor dem Zweiten Weltkrieg gut 3.000 Männer und Frauen. Heute, nach der Textilkrise, sind keine zehn Prozent mehr tätig. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zählte die Delius-Produktion zu den modernsten in Europa. Hergestellt wurden monatlich etwa 3,5 Millionen Meter Gewebe, weltweit exportierte die Firma in 89 Länder. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts waren Waren nach Amerika ebenso wie nach Westindien gegangen. Eduard Delius war weltgewandt und heimatverbunden. Seine markanten Gesichtszüge mit dem typischen vorgeschobenen Delius-Kinn zeichneten die sportliche, mittelgroße Gestalt aus. Sein Name war über seine unternehmerische Tätigkeit hinaus durch familiäre Bindungen mit Politikern bekannt.Einzigartige Familien-Konstellation Als Delius 1952 seine Frau Christa in Essen heiratete, wurde er Schwiegersohn des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann (1899–1976). Weil Johannes Rau (1931–2006) Tochter Christina Delius 1982 heiratete, wurde Eduard Delius Schwiegervater von Rau, der später ebenfalls Bundespräsident wurde. Eine einzigartige Familienkonstellation. Dass beide Politiker Sozialdemokraten waren, störte den konservativ erzogenen und ein Leben lang grundsätzlich denkenden Bielefelder wenig. Sein eigenes politisches Weltbild war eben so klar wie inhaltsschwer. Dass er in vielen Gesprächen mit dem Schwiegervater ebenso wie mit dem Schwiegersohn den Alltag des Wirtschaftslebens den Herren näher bringen konnte, mag ihn mit Genugtuung erfüllt haben. Der Alt-Fabrikant war auch stark geprägt durch Kriegs- und Nachkriegszeiten, wie viele seiner Generation. Später meinte er einmal, man müsse die Deutschen unterteilen in Kriegsteilnehmer und jene, die die Zeit nur aus Büchern kennen. Sein Standpunkt: ,,Früher hatte man ja ein Vaterland, und für das setzte man sich ein." Eduard Delius meldete sich bereits als 17-Jähriger freiwillig zur Reichsluftwaffe – trotz großer Bedenken seiner Mutter. Er selbst versicherte, nie in einer Partei gewesen zu sein und keine politische Beeinflussung gespürt zu haben. Weder bei den Pimpfen noch bei der Hitlerjugend oder als Soldat. Der Bielefelder war Pilot, flog eine JU 88, einen Horizontal- und Kampfbomber. Seine Erzählungen waren ebenso abenteuerlich wie kameradschaftsbestimmt. Vor allem 1944, der Invasionskampf. ,,Ich hatte ganz geringe Überlebenschancen." Viele Soldaten starben, Delius selbst kam – krank und zerlumpt – 1945 zurück nach Bielefeld.Rat und Hilfe in der Religion gefunden Im Krieg verlor der EK-1- und EK-2-Träger menschliche Angst, die ihn als Kind oft geplagt hatte. ,,Wir sind doch ständig in Gefahr zu sterben", sagte der 85-Jährige einmal. "Wir sind uns dessen nur nicht bewusst", meinte er und versicherte: ,,Ich finde, es ist der beste Trost im Leben, dass man nicht ewig leben muss." Das könnten jüngere Leute natürlich noch nicht verstehen. Trost, Rat und Hilfe fand der überzeugte Protestant durch die Religion, die Kirche – nicht durch die Amtskirche. Tiefe Gläubigkeit teilte er mit Gustav Heinemann und Johannes Rau. ,,Die Menschen", so sein Credo, ,,sollten mehr Vertrauen in die göttliche Macht haben." Eduard Delius hatte Gottvertrauen – ,,hundertprozentig". ,,Fliegen war mein Leben", ist auch so ein Satz gewesen, den der Verstorbene nicht allein auf die Luftwaffe bezog. Mit dem Ballon-Fahren fing es an, ein Sport, den er erst 1979 aufgegeben hat. 35 Jahre lang war Delius Vorsitzender des Deutschen Luftfahrt-Vereines (DLV) in Bielefeld-Windelsbleiche gewesen. Mit dieser Materie machte der Familienmensch auch seine fünf Kinder und Enkel vertraut.Ein bescheidener Mann Der Unternehmer Eduard Delius, in seiner Haltung bestimmt und grundsätzlich, war bis Ende 1996 in seinem Unternehmen aktiv. Dann zog er sich ins Privatleben zurück – altersbedingt und aus Abneigung gegen eine Gesellschaftsveränderung in der Firma: Aus der oHG wurde eine GmbH. Für ihn war die persönliche Haftung aber ein unumstößlicher Grundsatz. Ein Kaufmann hat für seine Firma persönlich einzustehen. Delius war ein bescheidener Mann, Westfale, ein Minden-Ravensberger, von ebenso traditionell-bürgerlicher Haltung wie von pietistisch-konservativer Neigung. Sparsam, fleißig, gottesfürchtig. So ging man nicht in öffentliche Lokale, speiste zuhause, führte eigenes Personal. ,,Nicht geizig, aber sparsam", erinnern sich seine Kinder. Doch er konnte auch großzügig sein, gerade und besonders gegenüber Kindern und Enkeln. Vor Schulden warnte er, Schulden mied er – als Privatmensch ebenso wie als Geschäftsmann. ,,Schwierigkeiten in Familienunternehmen liegen immer in zu hohen Privatentnahmen ", war er überzeugt. Darum hielt Eduard Delius gute Gesellschaftsverträge für unabdingbar. Die Zukunft eines Unternehmens ,,sind immer neue Ideen und viel Tatkraft".

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