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Bielefeld Fleischlos glücklich

Grünen-Forderung nach einem "Veggie-Day" ist in Bielefeld längst Wirklichkeit

VON HEIDI HAGEN-PEKDEMIR
08.08.2013 | Stand 06.08.2013, 21:43 Uhr
Unterschiedliche Kohlsorten, Sellerie, Radieschen, Rucola und viel mehr knackige Gemüse- und Salatsorten hat Lars Reddemann aufgeschichtet, gekrönt von dicken Ingwerknollen in der Mitte. Mit dieser gesunden Mischung scheint auch sein Mitarbeiter Patrick Siekendieck (l.) einverstanden. - © FOTO: ANDREAS FRÜCHT
Unterschiedliche Kohlsorten, Sellerie, Radieschen, Rucola und viel mehr knackige Gemüse- und Salatsorten hat Lars Reddemann aufgeschichtet, gekrönt von dicken Ingwerknollen in der Mitte. Mit dieser gesunden Mischung scheint auch sein Mitarbeiter Patrick Siekendieck (l.) einverstanden. | © FOTO: ANDREAS FRÜCHT

Bielefeld. Die Forderung klingt rigoros: Einen fleischlosen Tag pro Woche wollen die Grünen für öffentliche Kantinen einführen. Dass vegetarische Gerichte auf nahezu jeder Speisekarte – auch in den Casinos der Unternehmen und Behörden – mittlerweile selbstverständlich sind, haben die Politiker offenbar übersehen. In Bielefeld beispielsweise ist jeder Tag ein "Veggie-Day". Das ergaben Nachfragen der NW unter anderem beim Studentenwerk und in den Kantinen des Finanzamts und der Dr.-Wolff-Gruppe. Zudem beteiligen sich zwölf Restaurants und Bistros jeweils donnerstags an dem vom Welthaus initiierten Veggie-Tag. Als Plattform für Veganer etabliert hat sich auch der Stammtisch jeden dritten Freitag im Monat im "Queer’s", einem neuen Szenelokal am Neumarkt.

Salat statt Steak, Bulgur statt Buletten. Fleischlose Gerichte bedeuten für viele Bielefelder nicht unbedingt Verzicht. Einen überzeugenden Beweis tritt das Studentenwerk an. 10.000 Mittagessen pro Tag (1,3 Millionen im Jahr 2012) liefert das Dienstleistungsunternehmen täglich an die Hochschulen der Region aus. Ein vegetarisches Menü und die Salatbar gehören zum täglichen Standard.

"Bei uns gibt es Eintöpfe auch in vegetarischer Form", erläutert Annette Vormbrock-Reinert. Die Mitarbeiterin aus der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit weist zudem auf das Westend-Restaurant in der Universität hin. Je ein warmes und ein kaltes vegetarisches Gericht stehen dort auf der Karte.

Fleischlos glücklich fühlt sich auch ein Teil der Bediensteten des Finanzamts. "Frische Salate gibt es bei uns täglich, außerdem jeweils ein vegetarisches Gericht, lässt André Fratz mitten in den Vorbereitungen zum Mittagessen wissen. "Was die Grünen vorschlagen, ist im Grunde längst im Alltag angekommen", so der Küchenchef. Wobei er einräumt, dass hochwertige Gemüsegerichte deutlichen Mehraufwand erfordern. "Mit Gemüse und Kartoffeln allein ist es nicht getan." Als Beispiele nennt Fratz stattdessen gefüllte Zucchini und Paprika.

Gemüsestrudel stand gestern auf der Karte der Dr.-Wolff-Kantine. Leichtes, fleischfreies Essen sei vor allem der Wunsch der Frauen, sagt Meikel Harre. Der Küchenchef weiter: "Bratwurst, Pizza und Bolognese auch künftig angeboten, aber die Essgewohnheiten wandeln sich."

Aus 14 unterschiedlichen Salatsorten können die Mitarbeiter des Familienunternehmens ihre Lieblingsmischung zusammenstellen. Häufig gibt es hausgemachte Pasta, auch mit mariniertem Tofu als Fleischersatz, mal Couscous .

"Sollte der Veggie-Tag durchgesetzt werden, bedeutet das für uns keine große Umstellung", fasst Harre zusammen. Viel wichtiger ist es seiner Überzeugung nach, Kinder in Schulen mit gesunder Ernährung vertraut zu machen. "Je jünger die Menschen, desto offener sind sie dafür."

Die weltweite Veggie-Day-Bewegung startete 2011 in den ersten Bielefelder Restaurants. Vielfältig sind die Motive der Beteiligten: vom Klimaschutz über gesunde Ernährung, globale Entwicklung und fairen Handel bis zu ethischen Aspekten und der Ablehnung von Massentierhaltung.

Information

Die Restaurants

Außer Numa und Queer’s beteiligen sich zehn weitere Bielefelder Lokale am Veggie-Day.
  • Mellow Gold, Karl-Eilers-Straße 22
  • Casino, Bleichstraße 41
  • Milestones, August-Bebel-Straße 94
  • Halhof-Hofcafé, Talbrückenstraße 142
  • Stahlberg, Alter Markt 7
  • Moccaklatsch, Arndtstraße 11
  • Literatur-Café (Stadtbibliothek), Neumarkt 1
  • Runkelkrug, Salzufler Straße 177
  • Essen & Trinken, August-Bebel-Straße 112
  • Büscher’s Restaurant, Carl-Severing-Straße 136

Als einer der ersten hat sich Lars Reddemann beteiligt. Der Schwerpunkt seines Restaurants Numa an der Obernstraße: asiatische und mediterrane Spezialitäten. "Beide Küchen haben ein riesiges vegetarisches Potenzial." Was Reddemann am fleischlosen Donnerstag besonders gefällt: "Man bekommt ein Bewusstsein dafür, mal zu hinterfragen, woher die Lebensmittel überhaupt kommen."

Neben frisch zubereiteten Fleisch- und Fischgerichten bietet Reddemann täglich zwei vegetarische an. "Wer will, kann gegen einen Aufschlag Fleisch dazubestellen." Eine bei Gastronomen zunehmend beliebte Vorgehensweise.

Was der Restaurantchef in Gesprächen mit seinen Gästen herausgehört hat: Vielen fällt es zunehmend schwerer auszublenden, was Tiere vor ihrer Schlachtung erleiden müssen. Dazu komme das Wissen um den Energieaufwand, der zur Aufzucht von Tieren benötigt wird. Mit dem Veggie-Tag leistet laut Reddemann jeder seinen Beitrag – für die persönliche Gesundheit, für die Umwelt, die Tiere und andere Menschen.

Überzeugend auch das Argument der Befürworter fleischloser Ernährung: Ein Großteil der weltweiten Getreide- und Sojaproduktion wird als Tierfutter verwendet, während gleichzeitig etwa eine Milliarde Menschen auf der Welt an Hunger leiden.

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