Bielefeld Sattel mit Po-Belüftung

Bielefelder Fahrrad-Historiker Michael Mertins legt neues Buch vor

Bielefeld. Wir schreiben den 2. Oktober 1883. Der Beamte des Bielefelder Amtsgerichtes notiert in verschnörkelter Kanzelschrift im Buch zum Gesellschaftsregister "No. 412 – R. Nagel & Co.; Die Gesellschafter sind 1) der Kaufmann Richard Nagel zu Gadderbaum 2) der Kaufmann Georg Rothgießer zu Bielefeld". Die unscheinbare Eintragung ist letztlich der Beginn der Bielefelder Fahrradindustrie. Der Bielefelder Fahrrad-Historiker Michael Mertins (59) hat jetzt sei neues Buch vorgelegt. Titel: "Sättel, Taschen und Gamaschen." Richard Nagel (1860 bis 1920) lernte bei der Nähmaschinenfabrik Dürkopp den Beruf des Kaufmanns und arbeitet für die Bielefelder Firma in Hamburg und London. Dort lernte er die britischen Fertigungstechniken kennen. England war damals das führende Land der industriellen Produktion. In seiner Londoner Zeit erlebte er auch die dortige Sportszene mit den faszinierenden Hochradrennen. Das Niederrad, das wir heute kennen, war noch nicht erfunden. Georg Rothgießer (1858 bis 1943) lernte ebenfalls in England den Hochradsport kennen. Er war in der neuen Firma der Tüftler, Techniker und Erfinder. Nach ihm ist der Park am Dürkopp-Tor-6 benannt.Fabrik für Radfahrer-Bedarfsartikel In einem Schuppen im neu geschaffenen Amt Gadderaum vor den Toren der Stadt neben der Apotheke des Sanitätsrates Dr. Victor Esau an der Gadderbaumer Straße gründeten die beiden Jungunternehmer ihre "Fabrik für Radfahrer-Bedarfsartikel". Im Klartext: Die Bielefelder Fahrradindustrie begann mit Teilen. Die ersten Utensilien waren der verstellbare und niemals abgleitende Löwenmaul-Schraubenschlüssel, der später in vielen Fahrrad-Werkzeugtaschen mitgeführt wurde. Außerdem der Patent-Schnur-Sattel, der ein "genaues Anschmiegen an die Körperformen" gewährleisten sollte. Außerdem sorgte er für eine gute Belüftung des Popos. Die Sättel waren gedacht für Hochräder, die artistisch zu besteigen waren. Sie thronten in einer Höhe von mindestens 1,50 Metern. Die Sattelhöhe richtete sich nach der Beinlänge des Radfahrers. Eine Übersetzung gab es nicht, eine Kurbelumdrehung bedeutete auch eine Radumdrehung."Aus einem Schuppen in Gadderbaum nach London" Von 1885 bis 1887 verkaufte die Firma Nagel & Co. ihre Artikel nicht nur in Bielefeld, sondern auch in London in 31 Holborn Viaduct, E. C.. Die beiden Buchstaben stehen für den Postbezirk Eastern Central, im Ostern von London. In dieser Straße hatten sich alle Top-Fahrradfirmen der damaligen Zeit niedergelassen. Die Namen kennt niemand mehr, außer vielleicht noch Singer & Co. Mertins: "Das muss man sich vorstellen, eine kleine Firma aus einem Schuppen in Gadderbaum wagt sich nach London, der damaligen Handelsmetropole." Der Federungskomfort der Hochräder war schlecht, denn die Reifen waren aus hartem Vollgummi und die Kopfstürze aus großer Höhe gefürchtet. Das Hochrad und der Patent-Schnur-Sattel waren beliebt, setzten sich aber nicht durch. Ab 1885 wurden in England die ersten Niederräder gebaut. Mertins: "Die hießen dort Safeties." Ab 1886 baute Dürkopp das erste Niederrad in Bielefeld. Ab 1890 verlor das Hochrad an Boden und verschwand. Bis auf Rennen und artistische Darbietungen. Trotzdem waren Fahrräder auf dem Vormarsch und die Firma Nagel & Co. brauchte mehr Platz. Im Spätsommer 1887 begann der Firmenneubau an der Turnerstraße. Bielefeld war auf dem Weg zur Industriestadt. Nagel baute verschiedenen Sättelmodelle, Ständer, Naben, Gepäckträger und Pedalen. Im gleichen Jahr gaben sie die Filiale in London auf. Die Gründe dafür sind unbekannt.Nagel und Rothgießer zerstreiten sich Ende 1887 zerstreiten sich Nagel und Rothgießer. Nagel findet, dass Rothgießer Dinge erfindet, die niemand braucht, einen Steigungsmesser zum Beispiel, der anzeigt, wie viel Grad das Rad bergauf oder bergab fährt. Aber Rothgießer wehrt sich und bekommt nach einem siebenjährigen Streit vor Gericht Recht mit der Behauptung, dass die gesamte Produktion von Nagel & Co. auf seinem geistigen Eigentum fußt. Unbekannt ist ebenfalls, was die Firma an ihn bezahlen musste. Ab Mitte der 1890er Jahre tritt die Konkurrenz auf den Plan: 1895 die Firma Lohmann, 1897 Lepper, 1898 Wittkopp und in den 1920er Jahren die Firma Isringhausen. Richard Nagel stirbt 1920, sein Bruder Walter führt die Firmengeschäfte weiter. Im Ersten Weltkrieg verdient das Unternehmen gut mit Lederwaren für das Militär: Pferdegeschirr, Haltegurte, Gewehrriemen, Gamaschen, Rucksäcke und Pistolentaschen. 1934 stirbt Walter Nagel, die Firma wird von den Konkurrenten übernommen, in der Turnerstraße stellt eine andere Firma Aluminiumgussteile her. Michael Mertins: "Ab 1936 verschwindet die Firma Nagel komplett von der Bildfläche." Die Todesanzeige von Walter Nagel hatte gerade drei Zeilen.

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