Bielefeld Hilfe für Ex-Häftlinge

Der Oberbürgermeister hofft, dass die Straftäter-Ambulanz auf Zustimmung trifft

VON HUBERTUS GÄRTNER
Katharina Giere, Günther Wienberg, Carl-Ernst von Schönfeld und Pit Clausen auf dem Balkon des alten Bielefelder Rathauses. - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Katharina Giere, Günther Wienberg, Carl-Ernst von Schönfeld und Pit Clausen auf dem Balkon des alten Bielefelder Rathauses. | © FOTO: ANDREAS ZOBE

Bielefeld. Mit eindringlichen Worten haben Oberbürgermeister Pit Clausen, Polizeipräsidentin Katharina Giere und Bethel-Vorstand Professor Günther Wienberg das Pilotprojekt für psychisch kranke und rückfallgefährdete Haftentlassene in Bielefeld begrüßt. "Das Vorhaben wird zu einer Verbesserung der Sicherheit beitragen, da sind sich alle Experten einig", sagte Clausen. Der Oberbürgermeister erwartet, dass von der Politik kein Gegenwind kommt.

Wie berichtet, haben sich das NRW-Justizministerium und das Evangelische Krankenhaus (EvKB) auf ein Konzept zur Nachsorge von psychisch kranken ehemaligen Straftätern geeinigt. Das Pilotprojekt, das in ähnlicher Form auch schon in Langenfeld (Rheinland) existiert, ist zunächst auf drei Jahre angelegt und wird ausschließlich aus Landesmitteln mit insgesamt 660.000 Euro finanziert.

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Projekt hat schon begonnen

Das Pilotprojekt zur "ambulanten psychiatrischen Nachsorge psychisch erkrankter Haftentlassener" hat schon begonnen. Man habe bereits Kontakt zu Häftlingen aufgenommen, die in Justizvollzugsanstalten sitzen und Anfang kommenden Jahres an ihren Wohnort in Bielefeld zurückkehren, sagte Bethel-Vorstand Professor Günther Wienberg. Nach der Entlassung "waren diese Menschen früher auf sich selbst gestellt und erfuhren keine therapeutische Hilfe". Das Projekt werde die Rückfallquote senken.(gär)

Bereits 2009 war die Einrichtung einer Straftäter-Ambulanz in Bielefeld im Gespräch gewesen, dann aber an Bürger-Protesten sowie am Veto des Oberbürgermeisters gescheitert. Nach Angaben von Clausen wurde eine wesentliche Veränderung am ursprünglichen Konzept vorgenommen. Die Psychotherapeuten werden die Haftentlassenen in aller Regel "in deren privaten Wohnungen aufsuchen und dort behandeln". Später könnten sie dann gelegentlich auch in die EvKB-Ambulanz kommen, sagte der Facharzt Carl-Ernst von Schönfeld, der das Pilotprojekt zusammen mit einem Psychologen, einem Sozialarbeiter und einer Pflegekraft betreuen wird.

"Es wird kein Tourismus von Straftätern nach Bielefeld in Gang gesetzt", sagte Polizeipräsidentin Giere. Die Klienten, maximal 20, würden nur dann in das Pilotprojekt aufgenommen, wenn sie vor ihren Taten in Bielefeld oder der näheren Umgebung ihren Lebensmittelpunkt hatten und nach der Entlassung auch wieder in der Region sesshaft werden.

Weitere "Eingangsvoraussetzungen" sind, dass bei ihnen eine psychische Erkrankung vorliegt, sie stark rückfallgefährdet sind, ihre Strafe voll verbüßen mussten und danach unter eine sogenannte Führungsaufsicht gestellt wurden. Bislang fehle es oft an einer guten Nachsorge für diesen Personenkreis sagte von Schönfeld. Es sei daher sehr zu begrüßen, wenn das Land nun versuche, diese Lücke zu schließen, so Bethel-Vorstand Professor Wienberg. Am Ende werde es auch eine Evaluation des Bielefelder Pilotprojektes geben.

Dessen Mitarbeiter werden es in aller Regel mit schwierigen Personen, darunter zum Beispiel auch Gewalt- und Sexualstraftäter zu tun bekommen. "Sie stehen Therapien am Anfang oft ablehnend gegenüber", sagte von Schönfeld. Allerdings kann die Teilnahme an einer Behandlung von der Führungsaufsichtsstelle am Gericht angeordnet werden. Wer gegen die Weisungen verstößt, macht sich unter bestimmten Umständen strafbar. Nach Einschätzung von Polizeipräsidentin Giere wird das neue Bielefelder Pilotprojekt auch die landesweite "Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern" (KURS) gut ergänzen. Nach Angaben des Landeskriminalamtes befinden sich derzeit 1.100 entlassene, rückfallgefährdete Sexualstraftäter und Gewaltverbrecher in NRW im KURS-Programm. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk, in dem viele Behörden, darunter auch die Polizei, zusammenarbeiten, um neue Straftaten zu verhindern. Wie viele Täter aus Bielefeld derzeit im KURS-Programm sind, wollten weder das LKA noch Polizeipräsidentin Giere sagen. Insider schätzen die Zahl auf etwa 20.

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