Bielefeld Christoph Maria Herbst liest "Er ist wieder da"

Stromberg im Stadttheater Bielefeld

VON HANNA PAßLICK
Christoph Maria Herbst liest "Er ist wieder da" - © Bielefeld
Christoph Maria Herbst liest "Er ist wieder da" | © Bielefeld

Bielefeld. Vor 25 Jahren, da war Christoph Maria Herbst schon einmal in Bielefeld. Er sprach im Stadttheater vor – und wurde abgelehnt. Am Sonntag kam der Schauspieler und Grimme-Preis-Träger wieder. Er las aus Timur Vermes Satire "Er ist wieder da". Und dieses Mal erwarteten ihn ausverkaufte Ränge.

Christoph Maria Herbst liest im Stadttheater aus Timur Vermes Roman "Er ist wieder da". - © FOTO: HANNA PASSLICK
Christoph Maria Herbst liest im Stadttheater aus Timur Vermes Roman "Er ist wieder da". | © FOTO: HANNA PASSLICK

Christoph Maria Herbst und die Rolle des Adolf Hitler, irgendwie kommen sie immer wieder zusammen. Erst spielte Herbst die an Hitler angelehnte Figur des Alfons Hatler im Film "Der Wixxer", dann folgten fünf Staffeln der Fernseh-Serie "Stromberg". Die von Herbst verkörperte Figur wurde zur Parodie verarbeitet, Stromberg damit zu Adolf Hitler.

Und jetzt liest Christoph Maria Herbst aus einem Roman, der die Wiederkehr des deutschen "GröFaZ" behandelt. Viel Hitler also für den Schauspieler – und viele Möglichkeiten zu zeigen, dass er trotz alledem sehr vielseitig agiert.

Hitler wusste nicht, wo er war

Die Lesung am Sonntagabend begann mit dem Erwachen Hitlers auf einer Wiese irgendwo in Berlin. Er trug seine Uniform, wusste aber nicht, wo er sich befand. Ein paar Jungen, die Fußball spielten, entdeckten ihn. "Ey ,kiek ma, wat’n det für’n Opfa?" Darauf Herbst als Hitler: "Ich schien einen hilfsbedürftigen Eindruck zu machen, das hatten die drei Hitlerjungen vorbildlich erkannt." Lautes Lachen erscholl im Theatersaal.

Herbst las lange Passagen, rollte das R, bis es hinten im Hals gurgelte und spie Wörter wie "Front" oder "Bolschewist" aus wie ein ungenießbares Essen. Sein Protagonist Hitler hatte erkannt, dass er als Parodie von sich selbst Erfolg hatte. Er wurde zum Comedy-Star mit eigener Sendung. Ihre Erlebnisse spickte die Figur des Diktators immer wieder mit inneren Monologen.

Die drehten sich um eine "nachhaltige Kriegsführung", Laubblasgeräte, aus denen "der glühende Nationalsozialismus strömt" und die Frage, wie viele Bomben die Deutschen noch auf England hätten werfen müssen, bis das Land "gemerkt hätte, dass wir Freund sind."

Nicht jeder traute sich zu lachen

Das Publikum schien begeistert, applaudierte euphorisch, wenn ein Part besonders viele Gesten und Dramatik enthielt. Und obwohl hier offenbar Einigkeit darüber herrschte, dass über Hitler gelacht werden darf, gab es doch Ausnahmen.

Die Zwickauer Terrorzelle etwa. Deren Mitglieder beschimpfte Hitler nicht nur als Trottel, sondern forderte gleich ein "eigenes Euthanasieprogramm für die Schwachköpfe". Weil diese "ganz ohne Fahne" gemordet hätten – man hätte ja meinen können, "die Morde seien Zufall gewesen". Da wurde aus einem Lachen auf den Rängen vielerorts ein angestrengtes Husten. Vielleicht, weil hier eine Grenze erreicht war.

Bei seinem Erscheinen war Timur Vermes "Er ist wieder da" stark kritisiert worden. Die literarische Qualität könne nicht für den Verkaufserfolg des Buches verantwortlich sein, hieß es in der Süddeutschen Zeitung, einen "lustig-blöden Hitlerkrampf" nannte es die taz.

Und doch scheint die Lesung von Christoph-Maria Herbst etwas anderes zu sein. Vielleicht stehen der Applaus und die begeisterten Zuschauer im Stadttheater für einen Vorleser, der mehr aus einem Buch gemacht hat, als es eigentlich enthält. Der einer Figur Leben eingehaucht hat – und zwar soviel, dass sie komisch, plausibel, und damit erschreckend menschlich daher kam.

Timur Vermes; "Er ist wieder da", 400 Seiten, Eichborn Verlag, 19,33 Euro.

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