Bielefeld

Einsatz für schwere Jungs

Gundula Wyrobisch kündigt Business-Job, um Straffälligen zu helfen

von VON JENS REICHENBACH
Gundula Wyrobisch erläutert einem Ex-Häftling (gestellte Szene) im Gespräch, was in Freiheit nun alles auf ihn zukommt. © FOTO: ANDREAS FRÜCHT

Bielefeld. Es ist die Geschichte einer mutigen Frau, die eine erfolgreiche Karriere in der freien Wirtschaft aufgab, um Straffälligen zu helfen. Mit 31 Jahren erkannte Gundula Wyrobisch, dass sie im Job zwar erfolgreich war, aber nicht glücklich. Im Gegensatz zu vielen anderen in solch einer Situation, handelte sie. Die Bielefelderin kündigte und studierte soziale Arbeit. Heute hilft sie Strafentlassenen in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen. Obwohl diese Arbeit mitunter auch frustrierend ist, ist sie zufrieden.

Seit sechs Monaten ist Wyrobisch inzwischen angestellte Sozialarbeiterin in einem "Wohnprojekt für Männer in besonderen, sozialen Schwierigkeiten". Tatsächlich sind die zwölf Bewohner meistens Ex-Häftlinge, die nach ihrer Entlassung zunächst in Zweier-Wohngemeinschaften des Kreises 74 unterkommen.

Als "Sales-Assistant" eines großen Automobiltechnik-Unternehmens hatte die Bielefelderin zuvor regelmäßig mit den größten Autofirmen Deutschlands zu tun. Die gelernte Industrie- und Fremdsprachenkauffrau jettete von einem Meeting zum nächsten. "Ich habe viel erreicht und viel verdient, aber nach neun Jahren wollte ich einfach nicht mehr so weiter machen", sagte sie sich 2006.

Noch während ihrer Zeit als Verkaufs-Managerin war der Bielefelderin 2002 eine Kleinanzeige in der NW aufgefallen: Die Straffälligenhilfe "Kreis 74" hatte Ehrenamtliche gesucht, die Briefkontakt mit Inhaftierten pflegen wollen. Wyrobisch zeigte Interesse ("Ich wollte einfach etwas machen") und korrespondierte trotz ihres 60-Stunden-Jobs nebenbei noch mit mehreren Inhaftierten in Bielefeld, Bochum, Werl, Hövelhof und Aachen.

"Die Gefangenen freuten sich über jeden Brief und gaben in ihren Antworten sehr viel von sich preis", berichtet die 37-Jährige. "Das waren zum Teil sehr lange Briefe. Dabei habe auch ich viel gelernt." Gefängnisse hatte sie vorher bereits nicht als bedrohlich wahrgenommen : "Für mich ist das keine andere Welt. Gefängnis ist weder spektakulär noch geheimnisvoll oder besonders gefährlich. Auch dort leben Menschen."

Als der Bielefelderin in einem längeren Denkprozess 2006 klar wurde, dass sie ein Job-Wechsel innerhalb der Branche nicht glücklicher machen würde, rang sie sich zur Vollbremsung durch: Sie kehrte ihrer bisherigen Businesswelt den Rücken und studierte an der Fachhochschule Soziale Arbeit – mit Schwerpunkt Straffälligenhilfe. "Plötzlich verdiente ich nur noch ein Zehntel von meinem vorigen Gehalt. Ohne meine Rücklagen wäre dieser Schritt nicht möglich gewesen."

Seit sechs Monaten ist Gundula Wyrobisch inzwischen Sozialarbeiterin beim Kreis 74. Nebenbei arbeitet sie noch an ihrem Master-Abschluss in Angewandten Sozialwissenschaften.

Im Wohnprojekt betreut sie mit zwei anderen Sozialarbeitern je vier Klienten. "Wir helfen ihnen, eine eigene Wohnung zu finden, Arbeit zu finden oder ganz einfach gesundheitlich wieder in Ordnung zu kommen", berichtet Wyrobisch.

Das hört sich nach viel Papierkram (Jobcenter, Sozialamt, Arztbesuche, Schuldnerberatung) und dem Kampf gegen Vorurteile an, die Strafgefangenen nach der Entlassung entgegenschlagen. "Das ist das eine, aber wir bieten den Bewohnern auch eine Struktur und helfen Ihnen aus dem Loch herauszukommen, in das die meisten nach ihrer Entlassung fallen." Manche begehen vorsätzlich Straftaten, um wieder zurückkehren zu können. "Die kommen mit der Welt hier draußen nicht klar."

Deshalb gehe es um Motivation und Förderung. Der Betreuungsschlüssel von 1 zu 4 sei dafür "super". Ist erst ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, könne die tiefer gehende Arbeit beginnen. "Wer sich helfen lassen will, bei dem können wir einiges erreichen, auch aufarbeiten. Manche Probleme sitzen tief." Nicht zuletzt deshalb sei der Einfluss, den die Sozialarbeiter auf die Entlassenen haben, manchmal niederschmetternd, sagen Wyrobischs Kollegen.

"Natürlich gibt es Klienten, mit denen auch ich nicht kann", bestätigt die 37-Jährige. Nachts kommt es zu Saufgelagen oder Schlägereien. Trotzdem ist sich die ehemalige Business-Frau sicher, "an der richtigen Stelle zu sein. Ich finde meinen Weg nicht so besonders, ich bin so einfach glücklicher als vorher".

Anzeige