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Bielefeld Regieassistentin rettet Weihnachtsmärchen

Wie Regieassistentin Tabea Kranefoed das Weihnachtsmärchen rettete

VON ALEXANDRA BUCK
28.12.2012 | Stand 28.12.2012, 08:45 Uhr
Tabea Kranefoed, Regieassistentin am Bielefelder Theater, ist für eine erkrankte Schauspielerin eingesprungen und hat mal eben die Rolle von Kater Findus aus dem Ärmel geschüttelt. Hier noch mal live aus Petterssons Häuschen. - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Tabea Kranefoed, Regieassistentin am Bielefelder Theater, ist für eine erkrankte Schauspielerin eingesprungen und hat mal eben die Rolle von Kater Findus aus dem Ärmel geschüttelt. Hier noch mal live aus Petterssons Häuschen. | © FOTO: ANDREAS ZOBE

Bielefeld. Wegen einer kleinen Fieberattacke die Bühne verlassen? Undenkbar für den Herzblut-Theaterschauspieler. Als jedoch am Sonntag vor der dritten Vorstellung des Weihnachtsmärchens "Pettersson und Findus" im Stadttheater der Herr Doktor warnend mit dem Finger wedelt, ist Schluss mit lustig. Findus kann nicht mehr. Hauptdarstellerin Isabell Giebeler muss ins Bett – während über 700 Menschen auf die dritte Vorstellung des Tages warten. Die Rettung? Sitzt im Regiestuhl.

Auf keinen Fall darf Isabell Giebeler die letzte Vorstellung des Tages spielen, so sagt der eilig konsultierte Arzt. Jetzt gibt es drei Möglichkeiten: 1. Die Vorstellung absagen. 2. Giebeler spricht und ein anderer Schauspieler spielt. 3. Die Regieassistentin wuppt die Rolle.
Plan eins wird recht schnell verworfen. Das Stück abzusagen käme einer Katastrophe gleich. Über die Hälfte der Besucher sind Kinder, das bringt kein Schauspieler über sich. Auch Plan zwei ist schnell Geschichte. Giebeler darf lauf Arzt auch nicht mehr sprechen. Bleibt: die Regieassistentin. Tabea Kranefoed kennt das Stück wie ihre Westentasche, war bei sämtlichen Proben dabei, hat alle der bisher 50 Vorstellungen betreut.

"Ich mach’s", sagt Kranefoed schließlich. Für Lampenfieber bleibt zum Glück keine Zeit, so realisiert die 28-Jährige gar nicht den Wahnwitz ihres Vorhabens: Sie spielt die Hauptrolle in einem eineinhalb Stunden langen Theaterstück. Sie wird eine Menge Text sprechen, den sie nie bewusst auswendig gelernt hat, sie wird singen, tanzen und toben.

Ein bisschen Bühnenerfahrung hat sie immerhin, sang ein paar Jahre an der Oper in ihrem Geburtsort Gelsenkirchen. Dennoch zittern ihr anfangs ein wenig die Knie, als die junge Frau aus der zweiten Garde als Kater Findus auf die Bühne steigt. Sicher holpert der Text hier und da – auch die eine oder andere Gesangseinlage macht Kranefoed zu schaffen. "Das haben alles die Kollegen aufgefangen", sagt sie. Die singen mit, soufflieren, bügeln kleine Unebenheiten im Spiel der mutigen Regieassistentin aus. "Für die war das auch spannend", sagt Kranefoed und lächelt. Nach 50 identischen Vorstellungen hätte wohl jeder Verständnis, wenn der eine oder andere Kollege angesichts der blutigen Anfängerin in seinen Reihen in Panik ausbricht. "Aber die sind total erfahren, waren eine Riesenstütze." Und plötzlich läuft alles wie von selbst. Die Kinder lachen. Pettersson-Darsteller Thomas Wolff: "Sie hat das ganz toll gemacht."

Eine Karriere als Schauspielerin schwebt Tabea Kranefoed, seit August fest am Bielefelder Theater angestellt, aber nicht vor. Regisseurin im Schauspielfach möchte sie werden, nicht ausführendes Organ fremder Leute Vorstellungen, sondern Ideengeberin sein und Geschichten ersinnen.
Einen Preis für ihre dereinst erste Regiearbeit hat sie bereits 2009 bekommen. Damals arbeitete sie noch am Theater in Erfurt. Sie hatte das Kindermusical "Die Bremer Stadtmusikanten" inszeniert und war dafür mit dem Studiopreis der Götz-Friedrich-Stiftung ausgezeichnet worden. "Da war ich mächtig erstaunt", sagt das junge Talent, gilt der Preis doch als einer der renommiertesten für den Regie-Nachwuchs. Und wenn so eine noch das Format hat, spontan für verhinderte Schauspieler eine Hauptrolle zu retten, dürfte klar sein: Von der Frau wird man noch hören. Und sehen.

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