An diesem Wochenende geht im JZ Kamp das letzte öffentliche Konzert über die Bühne - © FOTO: FRÜCHT
An diesem Wochenende geht im JZ Kamp das letzte öffentliche Konzert über die Bühne | © FOTO: FRÜCHT

BIELEFELD Jugendzentrum Kamp macht zu

Veranstaltungssaal am Niedermühlenkamp ist bald Geschichte

Bielefeld. "Wow! Ein Klassiker. Hier können wir ’n paar Raketen abfeuern", stößt der Musiker bei der Besichtigung des Palace Hotel Ballroom im Film "Blues Brothers" aus. Wenn auch in kleinerem Maßstab - mit der großzügigen Guckkastenbühne auf hohem Podest und der vielfach überstrichenen Holzverkleidung – ist der 1927 gebaute Saal des JZ Kamp der Klassiker unter den Musik- und Kleinkunsthallen der Region. Am Wochenende geht hier das letzte Konzert über die Bühne. Weit hinten spannt sich der Balkon, er ist meist das Reich des Beleuchters. Die Künstler und ihre Gäste informieren sich von hier aus übers Geschehen im Saal, denn seitwärts liegt "Backstage", unterhalb der Eingangsbereich mit Bar, Rückzugszone für Quasselstrippen. Kaum zu glauben, dass hier bald nichts mehr öffentlich veranstaltet werden wird. Im Jahr 2000 war das gesamte Jugendzentrum im Zuge von Einsparungs- und Zusammenlegungsplänen von der Schließung bedroht, es gab Protestaktionen in der Innenstadt und dreitägige Benefizveranstaltungen. Den Veranstaltungsbereich übernahm ein neugegründeter Verein, das Kulturkombinat Kamp. Dessen Nutzungsvertrag mit den für den Jugendbereich zuständigen Falken sollte 2010 nicht verlängert werden.Den richtigen Riecher für Bands gehabt Es gab vergleichbare Unterstützeraktionen und eine intern glückliche Lösung. Gegenseitige Liebe blieb jedoch aus, dazu kamen Schwierigkeiten mit den Anwohnern und drohender baurechtlicher Ärger. Man hat sich beim Kulturkombinat abgefunden mit dem Auszug , zeigt sich aber irritiert angesichts fehlenden Interesses von Politik und Verwaltung, gemeinsam Perspektiven für die Jugendkultur Bielefelds zu erarbeiten. Vielleicht hat sich da seit Mitte der 60er Jahre nichts verändert, als die Jugend sich im Kamp mit Beatkonzerten gegen den Argwohn des Bürgertums stemmte. Immerhin war JZ-gemäß um 22 Uhr Schluss, wie noch Anfang der 70er, einer Zeit mit riesiger Musikbegeisterung, wie Jürgen Schnadwinkel sich erinnert. Bei "Steamhammer" sei es so voll gewesen, dass Leute sich in den Fensterrahmen stehend an den Vorhängen festhielten. Man habe den richtigen Riecher gehabt für Bands, die ganz kurz vor dem großen Erfolg standen und noch günstig zu bekommen waren. Die Shocking Blue, Free und Atlantis waren darunter. Kraftwerk zog übers Stammpublikum hinaus Zuhörer an. 15 Minuten "Autobahn", das war einer von drei Sets. Mit Progressive- und Jazz-Rockkonzerten begleitete das Kamp sein Publikum in die 80er, als Reggaeveranstaltungen und Weltnächte die Mischung bunter machten. "Neo-Folk" mit begeisternden Konzerten etwa von Penelope Houston, neuer deutschsprachiger Rock (der 1993 mit dem "Überdosis Wohnzimmer"-Festival an drei Tagen gefeiert wurde), HipHop samt Tanzbattle und Grafitti, das Kamp hat sich um die veschiedensten Szenen gekümmert, Trends vorgestellt, bevor sie Mainstream wurden. Bei geringen Andrang kam "Kamp intim" zum Zug.Ein letztes Mal das Haus rocken Solche kleinen Veranstaltungen hat das 25-köpfige Team von Ehrenamtlichen mit ebenso großer Befriedigung erfüllt, wie Wiglaf Droste oder die "Beatsteaks" mit schöner Regelmäßigkeit vor vollem Haus auftreten zu lassen und damit hohen professionellen Ansprüchen zu genügen, erzählt Cayhan Cankatli, künstlerischer Leiter des Kombinates. 2004 wurde das Kamp von der Redaktion des Musikmagazins "Intro" als siebtbester Musikclub Deutschlands ausgezeichnet. Nun kommt das unverdiente und bei Vertrag bis Ende des Jahres vorzeitige Aus. An diesem Samstagabend jedoch werden Bands aus Bielefeld, die mit dem Kamp einen Teil ihrer Geschichte verknüpfen, ein letztes Mal das Haus rocken.

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