0

BIELEFELD Hagen Rether: "Das ist nicht lustig!"

Der bissige Kabarettist war in Bielefeld zu Gast

VON CHRISTOPH GUDDORF
21.05.2012 | Stand 21.05.2012, 10:13 Uhr
Hagen Rether:

"Das ist nicht lustig!" - © KULTUR
Hagen Rether:
"Das ist nicht lustig!" | © KULTUR

Bielefeld. Er ist der Wolf im Schafspelz unter den Kabarettisten. Mit feiner Nase wittert er die fette Beute, das vermeintliche Lamm auf der Spielwiese der Heucheleien und scheinheiligen Ablenkungsmanöver. Hagen Rether schaut genau hin – mit Liebe zum bitteren Detail und aus Liebe zum Nächsten.

"Einige Männer im Saal werden mich hassen", entschuldigt sich Rether gleich zu Beginn seines Programms am Samstagabend in der Stadthalle. Er wäre durchaus bereit, einer zehnminütigen demokratischen Abstimmung Raum zu geben, ob nun die Zwischenstände des Champions-League-Finalspiels in den Saal gerufen werden dürfen.

Um wenig später in den Raum zu werfen, dass Steuergelder dafür verprasst werden, an jedem Wochenende Ehemänner in grünen Pellen in die Stadien zu schicken, um pöbelnd randalierende Fans in Schach zu halten – Kosten, die eigentlich die Vereine tragen müssten, anstatt Millionen in Spieler zu investieren.

Er trifft den Nerv der Zeit

Doch wäre der Wutbürger ein "Schmerzbürger", wäre ja Heilung in Sicht. Doch "es interessiert uns nicht". Rethers in sanftem, ja fast gelangweiltem Plauderton formulierten Anklagen an das menschliche Gewissen treffen den Nerv der Zeit – obschon er eigentlich schon 1986 im Erdkundeunterricht gelernt habe, dass Atomkraftwerke gefährlich seien.

Hagen Rether bei seinem Auftritt am Samstagabend in der Stadthalle. - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Hagen Rether bei seinem Auftritt am Samstagabend in der Stadthalle. | © FOTO: ANDREAS ZOBE

"Die kriegen alles raus." Auch, dass Terrorismus staatsgefährdend sei. Politik und Medien verstünden es Angstkarten hoch und das Volk in einer Art Angststarre zu halten, damit es ja nicht zu viel denke. "Immer ist irgendwas." Ob weihnachtliche Terrorwarnungen, Stalinismus, Zeckenbisse im Mai oder libanesische Familienclans: Obwohl jeder um die Medienmuster wisse, falle man immer wieder darauf rein.

Immer wieder werde der Bürger in eine Angststarre versetzt, damit er ja nicht zu viel denke. So werde abgelenkt – von der Tatsache, dass Rating-Agenturen für die Staaten viel bedrohlicher seien und weit mehr Menschen an Alkoholmissbrauch sterben würden als an Terrorakten.

Aber: "Was reg’ ich mich auf?!"

"Haben Sie Angst vor Riesling?" Mielke hätte seine Freude daran gehabt, dass Menschen freiwillig all ihre Daten einem einzigen Konzern geben. Man solle sich bewusst machen, dass man Mobiltelefone kaufe, dessen Materialien Menschen und ganze Regionen ausbeute, dass ganz Europa am Tropf der Sklaven- und Polizeistaaten hänge. "Das ist nicht lustig." Aber: "Was reg’ ich mich auf?!"

Wie vertrauenswürdig sei eine "Panzerglas-Spiritualiät" und ein Papst, der Angst vor seinen eigenen Schäfchen habe und in einem Halbsatz das kaputtmache, was tausende Katholikentags-Besucher mühsam aufzubauen versuchten. Wie viel Zinnober, wie viel Lametta brauche der Mensch? Reiche nicht "Demut für die Natur und Nächstenliebe"?

Sprach’s, setzte sich an den Flügel (den er an diesem Abend ausgiebiger polierte als spielte) und gab eine Michael-Jackson-Parodie. Zum Thema Integration frotzelte er: "Oft sind es diese jungen Frauen mit Kopftuch, die viel besser Deutsch können und viel besser integriert sind als ihre vollkommen überassimilierten, bauchnabelgepiercten Arschgeweihschwestern." Dabei wisse er eigentlich nichts, er rede halt. Und das drei Stunden lang! "Ich wollte ja Bauingenieur werden, aber meine Eltern sagten: Nix da, du bist lustig, du gehst auf die Bühne!" Wie recht sie hatten!

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group