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BIELEFELD "Charme durch Doppeldeutigkeit"

INTERVIEW: Professor Martin Carrier über das ungewöhnliche Namenskonzept auf dem Campusgelände

08.02.2012 |

Was wäre gegen die Flurbezeichnungen wie Lange Lage oder Morgenbreede einzuwenden?
CARRIER: Im Prinzip nichts. Sie haben nur nichts mit Wissenschaft zu tun, sind ein bisschen dröge und erschließen sich auch nicht auf den ersten Blick. Unser Ziel ist es, dem Campus als Ganzes eine andere Sichtbarkeit zu geben. Ein besonderes Namenskonzept für besondere Regionen ist übrigens üblich. Beispielsweise beim Musikerviertel. Unser Vorbild war Bethel, wo es um biblische Namen geht. Und: Die Benennungen prägen sich gut ein durch ihre Besonderheit, wenn man sie erfasst hat.

Wie soll die erwähnte Öffnung hin zur Stadt funktionieren?
CARRIER: Der Plan ist, dass jeder Weg eine Tafel bekommt, die die Benennung erläutert. Führungen über den Campus könnten sie aufgreifen und anhand der Begriffe Wissenschaft erklären und für sie Begeisterung erwecken. Das Potenzial dafür ist da. Das Ganze könnte funktionieren wie ein Lehrpfad.

Wie sind Sie darauf gekommen?
CARRIER: Ich bin gebeten worden, mir Gedanken über ein Konzept zu machen und habe einen Kreativkreis gebildet. Als sich dann dieses Konzept herausbildete, haben wir es mit Stadt und Hochschulen abgestimmt. Es gab Anregungen, Änderungswünsche und vor allem sehr große Zustimmung.

Wie kommen Sie zum Beispiel drauf, gerade den Fußweg von der Morgenbreede hin zum Oberstufenkolleg Inspiration zu nennen. Zufall?
CARRIER: Wir sind den Weg, der eine Allee ist, im Sommer abgegangen. Der Wind erzeugte ein Rascheln in den Bäumen, die Sonne schien, das war der perfekte Ort für eine Inspiration. So ist das entstanden. Inspiration braucht auch der Forscher.

Inspiriert waren ebenso die Bezirksvertreter aus Dornberg und Schildesche. Sie haben fast einheitlich zugestimmt.
CARRIER: Ja, das ist toll und hat uns positiv überrascht. Es gab Bedenken nur wegen der Umbenennung vorhandener Straßen. Aber da sind wir kompromissbereit. Ein Vorschlag ist: Die Abschnitte mit der Wohnbebauung an der Morgenbreede und der Universitätsstraße werden nicht umbenannt. Die Adressen bleiben dann erhalten. Nur ein Bezirksvertreter sprach sich für die traditionellen Flurbezeichnungen aus. Dafür habe ich Verständnis. Aber die übergroße Mehrheit gab inhaltlich sehr positive Rückmeldungen.

Die Volksvertreter sind also überzeugt. Denken Sie zugleich auch an die Wirkung, die das Namenskonzept außerhalb Bielefelds haben könnte, zum Beispiel im Vergleich mit anderen Hochschul-Standorten?
CARRIER: Ja, klar. Damit stehen wir schon als etwas Besonders da. Ich weiß nicht, ob das an traditionellen Universitätsstätten möglich wäre. Das Konzept soll zeigen, dass man hier offen und aufgeschlossen ist gegenüber neuen Ideen.

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