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Annegret Preker-Franke (r.) und Arndt Klein (l.) förderten ihren früheren Schüler Yueshi Lai (Mitte) an der Martin-Niemöller-Gesamtschule, wo er erst Deutsch lernen musste. Schon früh überraschte er mit Hausarbeiten wie der "Einführung in die Chaos-Theorie" (siehe Foto l.), die seine Klassenlehrerin bis heute aufbewahrt hat. - © FOTO: RAJKUMAR MUKHERJEE
Annegret Preker-Franke (r.) und Arndt Klein (l.) förderten ihren früheren Schüler Yueshi Lai (Mitte) an der Martin-Niemöller-Gesamtschule, wo er erst Deutsch lernen musste. Schon früh überraschte er mit Hausarbeiten wie der "Einführung in die Chaos-Theorie" (siehe Foto l.), die seine Klassenlehrerin bis heute aufbewahrt hat. | © FOTO: RAJKUMAR MUKHERJEE

BIELEFELD Dankbar für die Starthilfe

Der Chinese Yueshi Lai – Beispiel für eine gelungene Migranten-Integration

VON RAJKUMAR MUKHERJEE
06.11.2010 | Stand 05.11.2010, 21:13 Uhr

Bielefeld. Manchmal hat man Lehrern mehr zu verdanken, als das bloße Beibringen von Wissen. Yueshi Lai hat so eine Erfahrung gemacht. Als Zwölfjähriger kam der gebürtige Shanghaier nach Bielefeld, sprach kaum Deutsch. Sein Vater Xiaowei musste 1989 aus China fliehen, landete in dieser Stadt. Am Max-Planck-Gymnasium wollte er Yueshi anmelden, doch das lehnte ab. Zwei Lehrer an der Martin-Niemöller-Gesamtschule gaben dem Sohn aber eine Chance: Mit Erfolg.

Yueshi lernte nicht nur in kurzer Zeit Deutsch, der hochbegabte Schüler konnte sein mathematisch-naturwissenschaftliches Wissen entfalten. Heute promoviert Yueshi Lai an der Columbia University in New York.

Die Eltern wohnen in Halle (Westf.). Für einen Vortrag an der Universität Bielefeld reiste Lai (32) im Oktober hierher. Erstmals seit vier Jahren traf er seine früheren Mentoren, den Geschichtslehrer Arndt Klein (69) und seine ehemalige Klassenlehrerin Annegret Preker-Franke, wieder. Gespannt verfolgen beide die wissenschaftliche Karriere ihres früheren Schülers, der 2000 sogar Bundessieger bei "Jugend forscht" wurde.

Daran war vor 20 Jahren nicht zu denken. "Mein Vater war mit auf dem Tian’anmen-Platz", erzählte Lai. Am 4. Juni 1989 demonstrierten chinesische Demokraten auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking. Lais Vater, im Staatsdienst, musste nach der Niederschlagung fliehen. Über Umwege kam er nach Bielefeld. In der Universitäts-Stadt erhoffte sich der Sprachwissenschaftler (Fach Deutsch), weiterarbeiten zu können. Die Ehefrau und Sohn Yueshi folgten 1990 nach. Wichtig war ihm die Förderung des Sohnes. Doch: "Du solltest auf eine Schule mit Kindern Russlanddeutscher kommen", erinnerte sich Klein. Das Max-Planck-Gymnasium sah keine Chance wegen fehlender Deutsch-Kenntnisse. Vater Xiaowei nahm sich ein Herz und sprach Preker-Franke an. "Damals hatten wir noch Spielraum als Lehrer", sagte sie rückblickend. Die Lehrerin nahm den Schüler in ihre Klasse. Früh zeigte Lai seine Hochbegabung: Für eine Hausarbeit wählte er das Thema: "Einführung in die Chaos-Theorie". Preker-Franke: "Ich habe gesagt: ‚Du darfst es machen, wenn Du es mir auch erklären kannst’." Lai konnte.

Preker-Franke und Klein gewährten Lai und anderen Schülern mit individuellem Förderbedarf Freiräume. Nicht alle Lehrer verstanden das, bewerteten Lais ungewöhnliche Denkansätze auch mit Fünfen wie in einer "Faust"-Interpretation. Lai half sein großer Wissensdurst. Er paukte Mathe auf Uni-Niveau, wurde Mitglied der Sternwarte Ubbedissen.

"Das war uns wichtig, die Stärken zu fördern", sagte Preker-Franke. Sie räumte ein, dass engagierte Eltern wichtig sind. Doch heute gebe es für lernschwache Schüler mit Teilbegabungen immer weniger Chancen, sich zu entfalten.

Nach erfolgreichem Abitur (Note 1,3) und Teilchenphysik-Studium an der Universität Bielefeld, gelang Lai 2003 mithilfe von Forschungs-Stipendien (Fulbright) der Sprung in die US-amerikanische Wissenschafts-Elite. Dort entwickelt er als Experte im Bereich der Schwerionen-Kollision mathematische Formeln. Lai spricht mit Physikern, etwa vom berühmten CERN (Europäische Organisation für Kernforschung) – hier steht der Teilchenbeschleuniger –, "auf Augenhöhe", wie Klein stolz verriet.

"Die Schule hat mir die Freiheit gelassen, mich zu entwickeln", blickte Lai dankbar zurück. Seinen Weg in der Wissenschaft geht er weiter. Eine der weltweit führenden Technik-Hochschulen in den USA hat ihm schon jetzt eine Stelle als Post-Doktorand angeboten.

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