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Wo laufen sie denn? Anette Wolff vom NABU, Forensiker und Experte Mark Benecke und Ritex-Chef Robert Richter erkunden die Wildblühwiese auf dem Betriebsgelände. - © Barbara Franke
Wo laufen sie denn? Anette Wolff vom NABU, Forensiker und Experte Mark Benecke und Ritex-Chef Robert Richter erkunden die Wildblühwiese auf dem Betriebsgelände. | © Barbara Franke

Bielefeld Forensiker Mark Benecke untersucht Insekten bei Kondomhersteller Ritex

Ritex hat rund 1.000 Quadratmeter Wiese komplett der Natur überlassen. Jetzt erkundete der Insekten-Experte, wie gut der Biotop von Insekten angenommen wird.

Eike J. Horstmann
19.08.2022 | Stand 19.08.2022, 09:21 Uhr

Bielefeld. Eigentlich wollte sie sich nur einen Moment der Ruhe gönnen. Doch die immer näher heranrückende Lupe macht der auf einer Distelblüte gelandeten Biene einen Strich durch die Rechnung. „Na, da wollen wir doch mal sehen, was hier für Tierchen chillen“, sagt Mark Benecke, der Mensch hinter dem Vergrößerungsglas – und macht vorsichtshalber ein Foto von dem ausnahmsweise mal nicht sehr emsigen Insekt.

Unterstützung erhielt Mark Benecke von seiner Frau Ines. - © Barbara Franke
Unterstützung erhielt Mark Benecke von seiner Frau Ines. | © Barbara Franke

So wie der Biene erging es jetzt zahlreichen Insekten, die auf und in der rund 1.000 Quadratmeter großen Wildblühwiese des Bielefelder Kondom- und Gleitmittelherstellers Ritex eine Heimat gefunden haben. Gemeinsam mit dem bekannten Forensiker, Insektenkundler und Autor Mark Benecke nahmen Firmenchef Robert Richter und Anette Wolff vom NABU das inzwischen komplett verwilderte Areal an der Gustav-Winkler-Straße in Hillegossen im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe. Der Anlass für die Volkszählung unter den Krabblern ist der „Insektensommer“ der Naturschutzorganisation. Bei dieser Mitmachaktion ist die Ritex-Wiese in Bielefeld möglicherweise eine der größten, deren Insektenpopulation erfasst wird. Mit Blick auf die bundesweit eingehenden Meldungen ist sie allerdings nur eine unter aktuell schon rund 30.000.

„Dabei kann wirklich jeder mitmachen“, erklärt Anette Wolff das Projekt, bei dem Tausende „enthusiastische Laien“ Zahlen, Fotos und Daten erheben und zusammentragen. „Das ist Bürgerwissenschaft im ursprünglichen Sinne.“ Durch die zwei Mal pro Saison durchgeführten Zählungen kann ein recht eindrucksvolles Bild gewonnen werden, wie sich Populationen verändern oder auch verschieben. „Man kann beispielsweise erkennen, dass die blaue Holzbiene immer weiter nördlich anzutreffen ist“, sagt Wolff – auch in Hillegossen wurden bereits Exemplare gesichtet. Mark Benecke, der bereits 2021 zum Insektenzählen nach Bielefeld gereist war, ist als Unterstützer der Aktion inzwischen weithin bekannt. Daher bekommt er ebenfalls Rückmeldungen von Teilnehmern: „Mir wurden jetzt sogar schon Fotos von Gottesanbeterinnen zugeschickt, die gefunden wurden.“ Nach Norden vordringende, verschwindende oder gänzlich neue Arten seien Indizien dafür, dass es auch in diesen Breitengraden immer wärmer wird.

Forensiker und Biologe Mark Benecke zählt bei Ritex Käfer - © Barbara Franke
Forensiker und Biologe Mark Benecke zählt bei Ritex Käfer | © Barbara Franke

Der Klima- und Umweltschutz ist deshalb auch einer der Hauptbeweggründe für Robert Richter, den Insektensommer und den NABU zu unterstützen. Rund 10.000 Euro bekommt die Organisation etwa aus dem Verkauf von Aktionspackungen, die aktuell mit dem Slogan „Make Love, Safe Nature“ im Handel zu finden sind. „Damit unterstützen wir dann wieder Gruppen, die neue Blüh- oder Streuobstwiesen anlegen“, sagt Anette Wolff. Für Ritex ist die Wiese nicht das einzige Engagement, um Ressourcen und Energie zu sparen. Das Unternehmen produziert CO2-neutral und ist im Projekt Ökoprofit aktiv. „Außerdem ist der Naturkautschuk, den wir einsetzen, als ,forstnahes Produkt‘ FSC-zertifiziert“, sagt Richter. Die Blühwiese ist da „nur“ ein weiterer Baustein des Engagements – allerdings einer, der weithin sichtbar ist und auch bei den Mitarbeitern Interesse und Verständnis für den Artenschutz weckt.

Doch nicht nur deshalb hat Mark Benecke für die Blühwiese viele lobende Worte übrig: „Die hat sich seit dem vergangenen Jahr komplett verändert“, sagt der Experte. Noch im vergangenen Jahr habe er die ursprünglich eingesäte Blühmischung klar erkennen können, jetzt hätten sich die Pflanzen „einpendeln“ können. „So sieht das aus, wenn man einen Blumentopf einfach stehen lässt. Gut, einen sehr großen Blumentopf.“ Für Robert Richter bedeutet der Entschluss, die Wiese am Betriebsgelände sich selbst zu überlassen, nur Vorteile – sowohl ökologisch als auch ökonomisch. „Immerhin muss sie jetzt ja nicht mehr regelmäßig gemäht werden.“ Die ganz großen Gewinner sind allerdings die Insekten. Benecke: „Für die ist das hier das Beste, was man machen kann.“

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