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Kampf um gute Versorgung II: Rainer K. wurde von Pflegegrad 1 auf 2 ohne Begründung runtergestuft. - © Sarah Jonek
Kampf um gute Versorgung II: Rainer K. wurde von Pflegegrad 1 auf 2 ohne Begründung runtergestuft. | © Sarah Jonek

Bielefeld Wütend: Schwerkranker Bielefelder wird zum Spielball des Pflegesystems

Rainer K. ist herzkrank, auf ein Sauerstoffgerät angewiesen und er ist wütend. Der 76-Jährige soll in seiner Pflege heruntergestuft werden und versteht die Welt nicht mehr

Christine Panhorst
02.12.2019 | Stand 03.12.2019, 06:22 Uhr

Bielefeld. Seit dem Mai hat er sein Haus nicht mehr verlassen können. Die drei Stufen vor der Haustür zu überwinden – für Rainer K. (Name geändert) ist das zu beschwerlich geworden. Er ist seit den 1990er-Jahren schwer herzkrank, seit diesem Frühjahr auch 24 Stunden am Tag auf ein Sauerstoffgerät angewiesen. Der 76-Jährige ist so schwach, dass er im Haus nur mühsam am Rollator gehen kann, kurzatmig und mit kleinen schleppenden Schritten. Bis zur Toilette und zurück aufs Sofa. Es fühle sich an wie eine Weltreise.

„Meine Frau kann mir nicht helfen, ich bin nur eine Last." Die Tränen kommen, als er erzählt. Und die Wut. Denn K. soll trotz schwerer Krankheit seinen Pflegegrad 2 wieder verlieren – ein medizinisches Gutachten sieht eine „Genesung" bei ihm.

Dritte Herzschrittmacher-OP

Als der Sennestädter Ende Juli 2018 nach seiner jüngsten Herzschrittmacher-OP – es ist die dritte – von der Barmer Krankenkasse einen Pflegegrad 2 anerkannt bekommt, ist das zunächst eine große Hilfe. Denn auch Ehefrau Rita ist nicht mehr gut auf den Beinen, hat einen Pflegegrad 1 und geht am Rollator. Das Paar erhält nun die dringend benötigte Unterstützung beim Einkaufen, Putzen, der Pflege.

Doch der Zustand von Rainer K. verschlechtert sich weiter. Nach einem Krankenhausaufenthalt im Mai 2019 kann er wegen einer Lungenfibrose nur noch mit Sauerstoffgerät leben. Ehefrau Rita (76) leidet immer häufiger unter Schwindelanfällen. „Wenn sie kocht, sitze ich immer im Rollstuhl am Herd hinter ihr, damit ich sie zur Not halten kann, damit sie nicht auf die Herdplatte fällt", erzählt ihr Mann. Dabei habe er doch selbst keine Kraft mehr.

Private Hilfe bekommen sie nicht

Private Hilfe erhalten die K.’s in ihrem Alltag kaum. Die Verwandtschaft in der Nähe ist inzwischen selbst hilfebedürftig. Die beiden Kinder wohnen nicht in Bielefeld. „Es ging einfach nicht mehr so weiter mit der Unterstützung, die wir durch die Pflegekasse hatten." Das Paar bitte die Barmer um ein neues Gutachten, in Hoffnung auf eine höhere Einstufung im Pflegegrad-System. Es wird der Anfang eines Wechselbads der Gefühle sein – und wechselnder Gutachtermeinungen.

Denn das Gegenteil tritt ein: Sogar eine Verbesserung und mehr Selbstständigkeit im Alltag glaubt die Gutachterin des Medizinischen Dienstes Westfalen-Lippe der Krankenversicherung (MDK) beim geschwächten Rainer K. im August 2019 zu erkennen. Dabei habe er, sagt K., seit der letzten Begutachtung mehr als 40 Kilo verloren. „Ich bin nur noch Haut und Knochen", sagt er schweratmend.

Neben dem Lungenproblem gehe es ihm auch psychisch alles andere als gut, sagt Ehefrau Rita. „Mein Mann hat richtig Depressionen, er kann ja nichts mehr machen".

„Wir standen unter Schock"

Trotzdem sieht die Gutachterin laut ihres Berichts eine „Rekonvaleszenz" gegeben. Rainer K. rutscht bei der Bewertung von 28,75 Punkten nach unten auf 16,25 Punkte. Das bedeutet Pflegegrad I. Und das hieße für das Sennestädter Paar: weniger Hilfe bei Einkauf und Putzen und keine Pflegedienstbesuche. „Wir standen unter Schock", sagt Ehefrau Rita.

Das Paar legt Widerspruch ein, beschließt in seiner Verzweiflung und Wut, den Sozialverband Deutschland (SoVD) hinzuzuziehen. Und Rainer K. wendet sich an die Presse. Er zeigt die vielen Papiere, die ihm inzwischen über den Kopf wachsen. Immer wieder kommen ihm die Tränen. „Das ist doch so kein Leben mehr."

Ein Grund für die Rückstufung zeigt sich beim Blick ins MDK-Gutachten: Im Gegensatz zum Vorjahr ist der Senior nicht mehr auf einen Katheter angewiesen. Ein Punkt, der auf den vorgegebenen Gutachterbögen sehr stark ins Gewicht fällt. Dass K.’s Körper und Kräfte aber zugleich abgebaut haben, seine Frau kaum als Pflegeperson verstanden werden kann, er unter Depressionen leidet, findet kaum Berücksichtigung.

Seit Wochen ist nicht geputzt worden

Auf Anfrage erklärt die Barmer Mitte November, sie habe aktuell bei Rainer K. noch keine Entscheidung getroffen. Grund dafür sei, dass die Barmer „auf die vom Sozialverband Deutschland am 9. Oktober angekündigte ärztliche Stellungnahme" für Herrn K. gewartet habe. „Unser Versicherter erhält daher weiterhin die Leistungen für Pflegegrad 2." Vorerst, solange das Verfahren in der Schwebe ist.

Die K.’s wissen davon nicht: Der Pflegedienst habe seine Stunden bei ihnen bereits reduziert. Wäsche ist liegengeblieben, zwei Zimmer seien seit Wochen nicht geputzt worden. „Das ist für unsere Hilfe, die jetzt nur noch alle zwei Wochen für je zwei Stunden zum Einkaufen und Putzen kommen darf, nicht mehr zu schaffen. In zwei Stunden ist ja nicht einmal die Waschmaschine durchgelaufen", sagt Rita K..

Doppelt so hohe Punktzahl wie drei Monate zuvor

Die gute Nachricht: Nach dem Treffen mit der NW kommt Bewegung in den Fall. Barmer und Sozialverband nehmen miteinander Kontakt auf. Der MDK Westfalen-Lippe soll ein neues Gutachten erstellen. Eine Sprecherin der Barmer teilt mit, man habe die Information des SoVD zum Gesundheitszustand des Versicherten „zum Anlass genommen, beim MDK umgehend eine neue Einschätzung anzufordern." Da der Medizinische Dienst zuvor einen höheren Unterstützungsbedarf (Pflegegrad 2) dokumentiert habe, sei die Barmer als gesetzliche Kasse verpflichtet, die Pflegeleistungen zu überprüfen. Sobald ein neues Gutachten bei Herrn K. den Bedarf für Pflegegrad 2 bestätige, sei eine Rückstufung vom Tisch.

Der Medizinischen Dienst reagiert umgehend: Nur zwei Tage nach der Mitteilung der Barmer, besuchen zwei neue Gutachter die K.’s – und kommen jetzt zu einem völlig anderen Ergebnis, das sogar über dem des Erstgutachtens aus 2018 liegt. Rainer K. erhält 33,75 Punkte, gut doppelt so viele wie nur drei Monate zuvor. Der MDK Westfalen-Lippe empfiehlt zudem eine Physiotherapie, die dem 76-Jährigen das Atmen erleichtern soll.

„Licht am Horizont"

Doch wie können die Gutachter innerhalb eines Jahres und drei Monaten zu drei so unterschiedlichen Ergebnissen kommen wie bei Rainer K.? Vom Medizinischen Dienst Westfalen Lippe heißt es dazu auf Anfrage: „Chronische Erkrankungen, die mit wechselndem Befinden einhergehen, können die prognostische Einschätzung beeinflussen, da es teilweise zu erheblichen Tagesschwankungen bei dem Versicherten kommt."

Für das Ehepaar K. ist die Rückstufung der Rückstufung eine Erleichterung. Auch wenn es für den 76-Jährigen nicht der erhoffte Pflegegrad 3 (ab 47 Punkten) geworden ist. Er sagt: „Wenigstens gibt es wieder ein bisschen Licht am Horizont."

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