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Mit Razzien versuchte und versucht die Polizei, den Drogenhandel einzudämmen. - © Christian Geisler (Archivfoto/Symbolfoto)
Mit Razzien versuchte und versucht die Polizei, den Drogenhandel einzudämmen. | © Christian Geisler (Archivfoto/Symbolfoto)

Bielefeld Kesselbrink-Anwohner prangert erschütternde Zustände an

Bemerkenswerter Leserbrief zur Gemengelage mitten in der Bielefelder City / Kritik an Oberbürgermeister Pit Clausen

Dennis Rother
16.10.2019 | Stand 17.10.2019, 19:01 Uhr

Bielefeld. Der Kesselbrink macht immer wieder Schlagzeilen - oft sind sie negativ. Das Wort "Problemplatz" fällt bei Besuchern und Passanten. Manche meiden den "Angstraum" schon ganz, erst recht bei Dunkelheit. Aber stimmt der Gesamteindruck? Drogen, Alkohol, Müll, Gewalt - ist das wirklich Alltag mitten in Bielefeld? Ja, sagt Alexander Oeverhaus. Er muss es wissen: Er ist Anwohner. Und er hat als Augenzeuge jetzt einen bemerkenswerten, detaillierten Leserbrief verfasst. Oeverhaus äußert scharfe Kritik an Oberbürgermeister Pit Clausen - besonders bezüglich der Pläne, die Jugend in neue Kesselbrink-Pläne nun noch mehr einzubeziehen. Für die sei der Platz aktuell schlicht zu gefährlich. Den OB addressiert Oeverhaus direkt. nw.de veröffentlicht das Schreiben in voller Länge. --- "Lieber Herr Oberbürgermeister, retten Sie den Kesselbrink!" "Sehr geehrter Herr Clausen, ich bin vor ca. 7 Jahren nach Bielefeld gezogen und wohne seither in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kesselbrink. Ich habe mitverfolgen können, wie durch enorme Investitionen aus dem Kesselbrink zunächst ein toller Platz für Jung und Alt wurde: Ein innerstädtischer Skaterpark, der europaweit seines gleichen sucht, ein Marktplatz, der wöchentlich zum beschaulichen Bummeln und Einkaufen einlädt, eine Veranstaltungsfläche, die für allerhand innerstädtische Events bereit steht, ein stylisches Gastroobjekt, für lauschige Sommerabende in der City. Aber was ist davon heute noch geblieben? Auf nw.de finden sich alleine in den letzten Wochen zahlreiche Artikel, die den heutigen Zustand auf dem Kesselbrink treffend bezeichnen: Einkaufen auf dem Kesselbrink - Der Markt endet jeden Samstag mit Müllbergen und Dreck Entsetzen über Zustände auf Kesselbrink-Markt in Bielefeld Sushi Restaurant gibt auf - Grüner Würfel am Kesselbrink steht schon wieder leer 27 Drogenpäckchen in der Unterhose: Dealer fliegen am Bielefelder Kesselbrink auf Säufer, Pöbler, Drogendealer: So stehts um Bielefelds drei Problemplätze Pleiten-Serie am Kesselbrink: Neues Eröffnungsdatum für Spiel- und Sportanlage Stadt verliert die Kontrolle: Aktueller Notfallplan soll den Kesselbrink retten Gewalt eskaliert am Kesselbrink: Mann prügelt mit Bierflasche auf Passanten ein Drei Räuber überfallen junge Bielefelderin am Kesselbrink Was nw.de hier so vermeintlich reißerisch in Überschriften anführt, ist leider tatsächlich Alltag am Kesselbrink. Säufer und Pöbler, die tags und nachts gröhlend und zum Teil völlig von Sinnen den Platz und umliegende Straßen in Aufruhr halten. Junkies, die sich in privaten Hinterhöfen und Hauseingängen ungeniert ihre Spritzen setzen. Dealer, die selbst am Sonntagmorgen auf dem Weg zum Bäcker eifrig und für alle sichtbar ihre Geschäfte abwickeln. Dunkle Gestalten, die auf dem nur spärlich beleuchteten Platz direkt vor den Augen der Polizei-Ostwache ihr Unwesen treiben. Ratten fressen sich satt Heerscharen von Ratten, die sich an den Hinterlassenschaften von Markt und umliegenden Geschäften sattfressen, ohne Angst durch die anliegenden Biergärten huschen und sich in den ungepflegten Grünflächen häuslich niedergelassen haben. Ein düster wirkender Grüner Würfel, der aufgrund seiner verschlossenen, abgrenzenden Außenfassade wohl keine Fans mehr in der Gastroszene finden wird. Und was lese ich nun auf nw.de? Jetzt soll Bielefelds Jugend den Grünen Würfel am Kesselbrink retten. Ist das wirklich Ihr Konzept? Kinder und Jugendliche sollen sich in diese Gemengelage begeben und passend zu Beginn der dunklen Jahreszeit den Platz und den Grünen Würfel notdürftig wieder mit Leben füllen? Der Platz braucht mehr Licht Entschuldigen Sie bitte, Herr Oberbürgermeister, aber da wird mir als Anwohner doch etwas mulmig im Bauch. Muss erst eines dieser Kinder in die rumliegenden Spritzen fallen, von Ratten gebissen oder von einem Säufer belästigt werden, damit Sie erkennen, dass dieses Konzept zu kurz gedacht ist? Ich hoffe nicht. Ihr Ansatz, dass sich die umliegende Nachbarschaft und die Bielefelder im Ganzen den Platz wieder zurückholen müssen, finde ich klasse! Dazu gehört auch und aufgrund der Angebote von Skaterpark und Spiel-/Sportanlage am Ende sicherlich vor allem die Bielefelder Jugend. Weniger Müll auf den Grünflächen Aber vorher müssen dafür meiner Einschätzung ein paar Hausaufgaben gemacht werden: der Platz braucht mehr Licht, damit sich die dunklen Gestalten nicht mehr in der Dunkelheit verstecken können. Die Markthändler und umliegenden Geschäftsleute müssen auch aus Eigeninteresse für die Probleme Müll, Ratten und fehlende Sicherheit sensibilisiert werden - notfalls mit Nachdruck. Die (umliegenden) Grünflächen müssen dringend entmüllt und laufend gepflegt werden, um den Ratten das Zuhause zu nehmen und dem Kesselbrink-Besucher zu zeigen, dass man den Platz im Griff hat. Der Würfel (die grüne Fassade) muss sich öffnen, damit das neue Leben drinnen auch den Platz erreicht und nicht isoliert existiert. Polizeipräsenz auch in der Nacht Den Säufern, Junkies und Dealern muss Einhalt geboten werden, indem die Polizei und das Ordnungsamt verstärkt Präsenz zeigen, auch am Abend und in der Nacht (am Boulevard hat die feste Polizeistreife am Wochenende meiner Einschätzung einen deutlichen, nachhaltigen Effekt gehabt). Und erst dann kann mit neuen Angeboten, neuen Ideen, neuen Konzepten und der Unterstützung aller auf dem Kesselbrink wieder das entstehen, was Sie mal vor Augen hatten: ein innerstädtischer Platz für alle, zum Verweilen und Wohlfühlen."

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