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Eine große Menschenmenge versammelte sich auf der Detmolder Straße vor der Synagoge. - © Dennis Angenendt
Eine große Menschenmenge versammelte sich auf der Detmolder Straße vor der Synagoge. | © Dennis Angenendt

Bielefeld Starke Unterstützung für Bielefelds jüdische Gemeinde

Ein Zeichen der Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern der Stadt setzten die Bielefelder am Sonntagmittag. Die Zahl der Teilnehmer überraschte auch die Organisatoren. Am Nachmittag folgten ein Konzert und eine weitere Aktion.

Stefan Becker
13.10.2019 | Stand 13.10.2019, 20:10 Uhr
Christine Panhorst

Bielefeld. Zu einer Mahnwache der stillen Art hatte das Bündnis gegen Rechts die Bielefelder für Sonntag aufgerufen. Mit 200 Teilnehmern hatten die Organisatoren gerechnet, doch es kamen viel mehr Bürger, um vor der Synagoge Beit Tikwa Solidarität mit ihren jüdischen Mitbürgern zu bekunden. „Sie ermutigen uns", sagte Irith Michelsohn, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld später bei einer Veranstaltung im jüdischen Gotteshaus. „Wir wissen, dass alle hinter uns stehen und lassen uns nicht entmutigen oder einschüchtern." Eine Menschenmenge verteilte sich auf der Detmolder Straße Lokalpolitiker Michael Gugat hatte die Mahnwache am Freitag spontan für 12 Uhr am Sonntag angemeldet. Eine weitere privat organisierte Mahnwache mit 25 Teilnehmern fand am selben Tag gegen 17.30 Uhr vor der Synagoge statt. Am Nachmittag ließ zudem das Damen-Trio Cannelle im Inneren des Gotteshauses die Welt vor den Türen für einen Moment vergessen – mit nostalgischen Chansons, aufmüpfigen Liedern und melancholischen Instrumentalstücken der goldenen Zwanzigerjahre und vor voll besetzten Stuhlreihen. Zuvor hatten sich am Sonntagmittag Hunderte Teilnehmer bereits kurz vor Beginn der Mahnwache an der Detmolder Straße eingefunden. Im Verlauf der dreißigminütigen Solidaritätsbekundung kamen immer mehr Bielefelder hinzu. Zum Ende der Veranstaltung schätzte die Polizei die Menschenmenge, die sich zwischen der Synagoge Beit Tikwa und dem Bahnsteig der Haltestelle Mozartstraße verteilte, auf beachtliche 1.000 Personen. "Ein großes und gutes Zeichen der Bielefelder" Gemeinsam gedachten die Teilnehmer der Toten und Verletzen des Terroranschlags von Halle/Saale. Da es sich um eine stille Mahnwache handelte, waren keine Reden geplant, wie die Organisatoren bereits zuvor mitgeteilt hatten. Diese Demonstration der Solidarität mit der jüdischen Gemeinde sei ein großes und gutes Zeichen der Bielefelder, sagte Organisator Gugat vom Bündnis gegen Rechts. Am Nachmittag schützten dann zwei bewaffnete Polizistinnen die Konzertveranstaltung in der Synagoge, Sicherheitsleute schauten beim Einlass genau hin. „Wir sind noch aufmerksamer geworden", bestätigte Michelsohn. Doch sie betonte, das Gemeindeleben werde weitergehen wie bisher. So begann mit einem Gottesdienst ebenfalls am Sonntag das jüdische Laubhüttenfest, das acht Tage dauern wird und an die Zeit der Wüstenwanderung des Volkes Israel erinnert. Alte Ängste kommen wieder hoch Dass die Ereignisse in Halle dennoch auch in der Bielefelder Gemeinde Spuren hinterlassen haben, davon erzählte Elena Egorov. Sie ist Sozialarbeiterin der jüdischen Gemeinde. Unter den rund 320 Mitgliedern sei eine gewisse Unruhe spürbar, so Egorov am Rande der Konzertveranstaltung. „Viele fragen sich, ob man jetzt Angst haben muss." Gerade bei den Älteren kämen alte Ängste wieder hoch. „Manche trauen sich im Moment nicht zu, zum Gottesdienst zu kommen", sagte Egorov. Mahnwache-Fotos nach Israel geschickt Andere kämen dagegen gerade jetzt zu den Veranstaltungen, um ihre Solidarität zu bekunden – jüdische, aber auch nicht jüdische Mitbürger. Wie das Ehepaar Brunke, das beim Konzert in der Synagoge zu den rund 100 Zuhörern zählte. Beide sind katholische Theologen: „Wir hatten ohnehin überlegt zu kommen, aber der Terroranschlag hat uns noch einmal darin bestärkt", sagen sie. Ihren Cousins in Israel hat Elena Egorov unterdessen Fotos der Mahnwache geschickt. Auch, um zu beruhigen. „Viele Verwandte und Freunde aus dem Ausland melden sich in diesen Zeiten besorgt und fragen, wie es uns geht." Die Bilder der 1.000 Mahnwachen-Teilnehmer vor der Synagoge zeigten allen: „Es gibt doch noch Hoffnung."

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