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Gewinnerin des Literaturnobelpreises: Olga Tokarczuk. - © picture alliance
Gewinnerin des Literaturnobelpreises: Olga Tokarczuk. | © picture alliance

Stockholm/Bielefeld Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk liest heute in Bielefeld

In diesem Jahr wurden Auszeichnungen für zwei Jahre verkündet. Peter Handke wurde auch bedacht. Seine Reaktion: "Ist das wahr?"

Anke Groenewold
10.10.2019 | Stand 10.10.2019, 19:15 Uhr

Stockholm. Der Literaturnobelpreis für das Jahr 2019 geht an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke. Zugleich erhält die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk den nachgeholten Literaturnobelpreis für das Jahr 2018. Olga Tokarczuk war gestern Abend in Potsdam zur Buchpremiere ihres 1.200-Seiten-Romans "Die Jakobsbücher", das die Nobelpreis-Jury als ihr wichtigstes Werk preist. Zurzeit ist sie auf dem Weg nach Bielefeld. Der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm, berichtete davon, dass Tokarczuk gerade während einer Lesetour in Deutschland im Auto gesessen und deshalb erst einmal am Straßenrand anhalten habe müssen, um die Botschaft entgegenzunehmen. Die 57-jährige Polin wird heute Abend zu einer Lesung in Bielefeld erwartet, die um 20 Uhr in der Stadtbibliothek beginnen soll. Um 17.30 Uhr wird es in Bielefeld zudem eine Pressekonferenz geben. In der Stadtbibliothek wird gefeiert: Bei uns spielen sich gerade unglaubliche Szenen ab: Jubelschreie, Tänze auf dem Flur. — Stadtbibliothek (@Stb_Bielefeld) 10. Oktober 2019 Zur Lesung wird auch der Schweizer Verleger Daniel Kampa erwartet, in dessen Verlag das Gesamtwerk Tokarczuks erscheint. "Wahrscheinlich träumt jeder Verleger davon, einmal in seiner Karriere zu erleben, dass eine Hausautorin, ein Hausautor den Literaturnobelpreis erhält", sagt Kampa. Olga Tokarczuks Werk finde nun endlich weltweit die Beachtung finden, die es verdiene. "Poetisch, politisch, realistisch, mythisch, philosophisch, märchenhaft – Tokarczuks Geschichten beleuchten die zahllosen Facetten des menschlichen Daseins, ob in Gegenwart oder Historie. Sie ist eine Autorin, die der Welt guttut. Das Erzählen kann die Welt nicht besser machen, aber wer Tokarczuk liest, sieht die Welt klarer, vielschichtiger. Ihre Bücher stärken den Glauben an den Menschen, trotz allem." Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit Tokarczuk sei eine Autorin, "die die Wirklichkeit in ihren Texten nie als stabil beschreibt", sagt Iris Hennig, Leiterin des Literaturbüros Ostwestfalen-Lippe. "Dieser Meisterin des großen historischen Romans gebührt der Literaturnobelpreis unbedingt." Tokarczuk wird von den Juroren dafür ausgezeichnet, dass sie mit erzählerischer Vorstellungskraft und enzyklopädischer Leidenschaft Grenzen überschreite. Die Autorin betrachte die Wirklichkeit niemals als ein stabiles und immerwährendes Konstrukt, in ihren Romanen stünden sich oft Gegensätze gegenüber, etwa Natur und Kultur oder Mann und Frau. Sie wolle die Geschichte ihres Landes neu aufschreiben, ohne dabei „die schrecklichen Dinge", zu verstecken, sagte die 57-Jährige einmal. Für Tokarczuk ein Mittel im Kampf gegen die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in ihrer Heimat. Polen stelle sich als tolerantes und offenes Land dar, sagte die studierte Psychologin. „Aber wir haben schreckliche Dinge getan", kritisierte sie und prangerte auch Antisemitismus in der Geschichte ihres Landes an. Seit rund 30 Jahren veröffentlicht Tokarczuk, die in Sulechow bei Zielona Gora (Grünberg) geboren wurde, Gedichte, Romane und Erzählungen. Ihre Werke führen Leser oft in ein Reich zwischen Mythen und Realität. Tokarczuk erhielt Todesdrohungen Auch im Ausland machte sich die Polin längst einen Namen. Viele ihrer Romane, darunter „Ur und andere Zeiten" (1996) und „Gesang der Fledermäuse" (2011), wurden ins Deutsche übersetzt. 2015 wurde sie mit dem Brückepreis der Europastadt Görlitz-Zgorzelec geehrt. Ihr Werk weite den Blick auf die neue Literatur in Mittel- und Osteuropa, hieß es damals zur Begründung. Zu ihren Auszeichnungen zählen auch der polnische Buchpreis „Nike" (2015, 2008) sowie der Brücke-Berlin-Preis (2002), den sie mit Übersetzerin Esther Kinsky erhielt. Ihr Kampf für Toleranz und vor allem die Konfrontation Polens mit den eigenen Vergehen schufen der Polin auch Feinde. Sogar Todesdrohungen habe sie erhalten, erzählt sie einmal der Zeitung „Gazeta Wyborcza". Die Autorin war übel beschimpft worden, nachdem sie den ihrer Ansicht nach geschönten Blick vieler Polen auf die Vergangenheit ihres Landes in einem Fernsehinterview kritisiert hatte. „Wir stellen die Geschichte Polens als die eines toleranten Landes dar, aber wir haben schreckliche Dinge getan", sagte sie und nannte Pogrome und die Diskriminierung ethnischer Minderheiten als Beispiel. In bedrohlichen Zeiten sei Kultur aber besonders wichtig, betont Tokarczuk und will sich weiter engagieren: „Vor allem schreiben". Nobelpreis auch für Peter Handke Handke habe sich seit seinem 1966 erschienenen Debütroman „Die Hornissen" mit Werken in verschiedenen Genres als einer der einflussreichsten Schriftsteller der europäischen Nachkriegszeit etabliert, sagte der Vorsitzende des Nobelkomitees der Akademie, Anders Olsson, bei der Bekanntgabe. Mit seiner Arbeit habe der 76-Jährige „mit linguistischem Einfallsreichtum die Peripherie und die Spezifität der menschlichen Erfahrung erforscht", erklärte die Akademie. Handke sei zu Hause gewesen, als er den Anruf der Juroren erhalten habe, sagte Olsson. „Er war sehr, sehr gerührt. Erst hat er kaum ein Wort herausbekommen." Dann habe der Österreicher auf Deutsch gefragt: „Ist das wahr?" Iris Hennig vom Literaturbüro OWL würdigt die Kompromisslosigkeit Handkes, die Welt schreibend in Frage zu stellen: "Dass der Literaturnobelpreis 2019 an ihn geht, der schon 1966 mit dem Skandal zur Uraufführung seines Theaterstücks ,Publikumsbeschimpfung' zum ,Pop-Star der Dichter' wurde, war längst überfällig", sagt sie. Zorn findet Peter Handke besser als Wut. Zorn wecke die kreativen Geister, Wut ließe sie nur kurz aufflammen, bekannte der 76-Jährige einmal in einem Interview der Wochenzeitung „Die Zeit". Handke, 1942 in einem kleinen Ort im österreichischen Bundesland Kärnten geboren, war selbst Ziel wütender Attacken. Handke stand auf der Seite Serbiens Bei der Vergabe des Ibsen-Preises in Norwegen wurde er vor einigen Jahren von Bosniern und Albanern wüst beschimpft. Seine Kritiker haben ihm seine Haltung im Balkan-Konflikt nicht verziehen. Handke stand auf der Seite Serbiens, verurteilte die Nato für ihre Luftschläge und hielt 2006 bei der Beerdigung des jugoslawischen Ex-Diktators Slobodan Milosevic eine Rede. Nach einem abgebrochenen Jura-Studium startete Handke mit Verve ins Autorenleben. 1966 erschien sein Debütroman „Die Hornissen". Im selben Jahr wurde er fast über Nacht bekannt: In einer Schmährede warf er dem legendären Literatenzirkel Gruppe 47 „Beschreibungsimpotenz" vor. Die einen sahen es als furiose Selbstinszenierung, andere als Beginn einer kometenhaften Karriere. Seine Bekanntheit festigte Handke mit der Uraufführung von „Publikumsbeschimpfung" in Frankfurt. Die damals sehr elegant gekleideten Theaterbesucher wurden darin von den Schauspielern provokativ als „Glotzaugen", „Rotzlecker" und „Nichtsnutze" bezeichnet. Lesestoff für Oberstufenschüler Mit seinen Theaterwerken - etwa mit „Kaspar", „Die Reise zum sonoren Land" oder „Untertagblues" - blieb Handke präsent. 2011 sorgte die fünfstündige Uraufführung von „Immer noch Sturm" bei den Salzburger Festspielen über den Freiheitskampf der Kärntner Slowenen für Aufsehen. Weggefährte Claus Peymann inszenierte 2016 am Wiener Burgtheater Handkes „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße".Mit seinen mehr als 20 Stücken habe er Theatergeschichte geschrieben, urteilte die Jury des österreichischen Nestroy-Preises, die ihn 2018 für sein Lebenswerk ehrte. „Du bist im wahrsten Sinn des Wortes ein Unvergleichlicher, und manchmal sind deine Texte einfach zu groß für das Theater - aber von Dauer", sagte Schauspieler Klaus Maria Brandauer in seiner Laudatio. Vertraut ist vielen Schülern das später von Wim Wenders verfilmte Werk „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1970) über das Schicksal eines entwurzelten Ex-Sportlers. Das Buch avancierte zum klassischen Lesestoff für Oberstufen-Schüler. 2012 nahm er im Buch „Versuch über den Stillen Ort" die Toilette zum Gegenstand philosophischer Betrachtungen. Handke, der zweimal verheiratet und einige Jahre mit der deutschen Schauspielerin Katja Flint liiert war, lebt seit vielen Jahren bei Paris. Verleihung am 10. Dezember Beide Preise sind mit jeweils neun Millionen schwedischen Kronen (rund 830.000 Euro) dotiert. Sie werden wie die weiteren Nobelpreise am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter Alfred Nobel, verliehen. Das Nobelkomitee der Akademie erhält jedes Jahr knapp 200 Nominierungen für den renommierten Preis. Daraus benannte das Komitee laut seinem Vorsitzenden Anders Olsson bis zum Sommer einen engeren Favoritenkreis von acht Kandidaten, aus dem die Preisträger für 2018 und 2019 schließlich ausgewählt wurden.

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