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Auch der Sennefriedhof wird von Menschen gern als Rückzugsort im Grünen genutzt. - © Silke Kröger
Auch der Sennefriedhof wird von Menschen gern als Rückzugsort im Grünen genutzt. | © Silke Kröger

Bielefeld Bielefelder verbringen Mittagspausen auf Friedhöfen - ist das angemessen?

Fitness-Geräte auf dem Friedhof - es gibt auch Grenzen des guten Geschmacks.

Ingo Kalischek
06.08.2019 | Stand 07.08.2019, 11:35 Uhr

Bielefeld. Ist es pietätlos, auf Friedhöfen seine Mittagspause zu verbringen, gemütlich mit einem Kaffee ein Buch zu lesen oder mit Freunden vergnüglich über Gott und die Welt zu plaudern? Dort, wo andere Menschen beten, trauern und an Gräbern ihrer toten Angehörigen gedenken? Diese Entwicklung ist nicht neu, nimmt aber in Bielefeld immer weiter zu – aus verschiedenen Gründen. Beteiligte sehen darin eine große Chance. Doch manchmal werden Grenzen überschritten. Montag, 13 Uhr, Innenstadt. Auf dem Alten Friedhof am Jahnplatz ertönen Stimmen. Knapp 20 Menschen sitzen quer verteilt auf den Bänken, lesen, plaudern, rauchen, trinken Kaffee und essen Brötchen. Nur zwei ältere Damen stehen wenige Meter entfernt an den Gräbern und zupfen verwelkte Blätter aus der Blumenvase. Friedhöfe sind nicht nur Orte des Trauerns Armin Piepenbrink–Rademacher erlebt Situationen wie diese fast täglich – und freut sich darüber. In der Vergangenheit sei ein Friedhof für viele Menschen oft ein „mit Angst besetzter" Ort gewesen, sagt der Pfarrer der Altstädter Nicolaigemeinde. Das ändere sich in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend. „Ich finde es top, wenn Menschen in Friedhöfen nicht nur einen Ort des Abschieds und Sterbens sehen", sagt der Pfarrer. Auch Uwe Moggert-Seils begrüßt diese Entwicklung sehr. „In meinen Augen ist es überhaupt nicht widersprüchlich, wenn Menschen auf Friedhöfen ihre freie Zeit verbringen", sagt der Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises Bielefeld. So rücke der Tod ein Stück weit in die Normalität des täglichen Lebens, sagt Moggert-Seils. „Das ist das beste, was uns als Kirche passieren kann." In Bielefeld stehen neben dem Alten Friedhof auch der Sennefriedhof (Senne), der Johannisfriedhof (am Botanischen Garten) und der Nicolaifriedhof (zwischen Eckendorfer und Herforder Straße) bei den Anwohnern hoch im Kurs. „Viele Menschen steuern diese Orte bewusst an, um dort ihre Mittagspausen zu verbringen. Oftmals gibt es sonst keine anderen Grünflächen in der Nähe", sagt Friderike Hennen, Leiterin der Friedhofsabteilung bei der Stadt. Auch Radfahrer, Walkinggruppen und Spaziergänger würden die Friedhöfe für ihre Freizeitprogramme auswählen. Fit for Friedhof Friderike Hennen sieht darin kein Problem. „Friedhöfe hatten schon immer mehrere Funktionen." Vor allem der Sennefriedhof eigne sich ideal als ein Ort, an dem Stadtgeschichte präsent werde. Regelmäßige Führungen über das Gelände und QR-Codes vor einigen Gräbern bringen die Geschichte näher. Bei der Stadt gibt es erste Pläne, künftig auch Spiel- und Sportgeräte auf den Flächen zu errichten. Zum Beispiel auf dem Nicolai-Friedhof. „Es gibt erste Überlegungen, was man da tun kann", sagt Hennen. Seit einigen Jahren werden auf den Friedhöfen immer mehr Flächen frei, da immer weniger Menschen begraben werden. „Die Urnenbestattungen machen bei uns mittlerweile 70 Prozent aus", sagt Hennen. Acht Urnen passen umgerechnet auf die Fläche für eine Erdbestattung. Und da die Ruhezeit bestehender Gräber nach rund 30 Jahren abläuft und häufig nicht verlängert wird, bleiben immer mehr Flächen auf den Friedhöfen ungenutzt. „Wir müssen sie weiter pflegen, obwohl wir keine Gebühren mehr bekommen", sagt Hennen. Auch deshalb biete es sich an, Friedhöfe künftig verstärkt für andere Zwecke zu nutzen, sagt Hennen. „Wir überlegen, wie wir es schaffen, unterschiedliche Nutzergruppen zusammenzuführen." Das habe bislang meist gut geklappt. Ignoranz vieler Hundebesitzer Konflikte gebe es hingegen immer dann, wenn Bürger mit Autos auf Friedhöfe fahren, wenn Radfahrer zu schnell unterwegs sind, und wenn Hundehalter ihre Tiere nicht an die Leine nehmen – und deren Kot nicht beseitigen. „Manchmal würde ich mir mehr Verständnis wünschen, dass das hier keine Hundefreiflächen sind", sagt Hennen. Die Hemmschwelle sei in den vergangenen Jahren gesunken. Als zuletzt Anfang des Jahres mehrere hundert junge Menschen mit ihren Smartphones den Friedhof „überrollten", weil sie das Online-Spiel Pokémon Go auf die Fläche geführt hatte, zog der Umweltbetrieb die Reißleine – und untersagte das Spiel auf dem Friedhof. Diese Einschränkung treffen indes auch die kirchlichen Amtsträger. „Die Orte müssen trotz allem ihre Würde behalten", sagt Pfarrer Berthold Schneider von der Emmaus-Kirchengemeinde Senne. „Manchmal glühen hier abends Jugendliche vor und lassen Bierflaschen stehen. Das geht natürlich nicht." Auch auf dem Alten Friedhof habe vor einiger Zeit auf den Sitzbänken der Drogenhandel floriert, sagt Piepenbrink–Rademacher. „Der Anspruch muss sein, dass sich Besucher zu 100 Prozent korrekt verhalten, die Totenruhe wahren und den Respekt vor dem Ort nicht verlieren", sagt er. Dann sei auf einem Friedhof alles möglich.

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