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Bielefelder berichteten von erschütternden Erlebnissen in einem städtischen Kurheim auf Norderney. - © Symbolbild: Pixabay
Bielefelder berichteten von erschütternden Erlebnissen in einem städtischen Kurheim auf Norderney. | © Symbolbild: Pixabay

Bielefeld Kommentar zu Bielefelds Horror-Kurheim: "Die gute alte Zeit hat es nie gegeben"

Bielefeld hatte ein Kinderkurheim auf Norderney mit teilweise übler Pädagogik – wie früher üblich. Machen Erwachsene es heute besser? Die Antwort lautet: Ja, aber

Ansgar Mönter
21.07.2019 | Stand 20.07.2019, 18:17 Uhr

Bielefeld. Bielefeld hatte ein Kurheim für Kinder bis 1983. Manche haben dort Erholung gefunden, viele die „schlimmste Zeit ihrer Kindheit" erlebt. Ehemalige berichten von Zwangsernährung, Toilettenverbot, Isolationsstrafen, Schlägen und Erniedrigungen. Für viele Betroffene sind die Erinnerungen an die Kurheimzeit sehr schmerzlich. Die gute alte Zeit hat es nie gegeben. Zumindest für Kinder vieler Generationen nicht. Kaiserzeit, Hitlerzeit, Nachkriegszeit: Es gibt eine – nicht generelle –, aber leider breite unselige Kontinuität bis in die 1970er Jahre hinein: Kinder hatten zu gehorchen. Erwachsene hatten immer recht, Kinder keine Rechte. Erwachsene hatten die totale Macht. Dieser Geist herrschte offensichtlich auch im städtischen Kinderkurheim auf Norderney. Der Grund für das lange Schweigen Dutzende Zeitzeugen bestätigen die erschütternden Erlebnisse, die der heute 51-jährige Rolf C. gegenüber der NW-Lokalredaktion berichtete. Viele Ehemalige leiden wie er weiter unter den von ihnen beschriebenen Misshandlungen, Erniedrigungen und Demütigungen durch das Aufsichtspersonal. Das ist schrecklich genug; zu allem Schmerz kommen noch Stimmen, die behaupten: Das kann doch nicht passiert sein. Das ist der Grund für das lange Schweigen. Nicht alle Kinder hatten dort fürchterliche Wochen, nicht zu allen Zeiten herrschte in dem Heim ein kindungerechtes Regiment. Aber den Menschen, die von „der schlimmsten Zeit ihrer Kindheit", wie ein Betroffener sagt, inzwischen berichten, sollte mindestens jetzt zugehört werden. Sie verdienen Mitgefühl. Im Vorschulalter ins "Erholungsheim" Es war nicht alles schlecht früher, ganz sicher. Es gab immer schon liebevolle Eltern und Großeltern und glückliche Kindheiten. Doch Bullerbü war seltener als es sein sollte. Dass Kinder sogar im Vorschulalter noch bis in die frühen 1980er-Jahre allein – ohne Eltern! – in solche „Erholungsheime" wie auf Norderney geschickt wurden, macht sprachlos. Allein die Trennung von Mutter und Vater muss traumatisierend gewesen sein. Wie soll ein vierjähriges Kind das verstehen? Pädagogik-Reform bitter nötig Machen wir Erwachsenen es heute besser? Ja, eindeutig. Die Reform der Pädagogik, in den 1970er-Jahren beginnend, war bitter nötig. Heute haben Kinder festgeschriebene Rechte. Werden die Menschen im Jahr 2070 über unsere Epoche sagen können, es sei eine gute alte Zeit gewesen? Vielleicht. Es kann aber auch sein, dass sie den Kopf schütteln über Verhalten, das sich als Dummheit herausgestellt hat, etwa darüber, dass heute schon Babys wie selbstverständlich an Fremde abgegeben werden (müssen), statt gesellschaftlich alles dafür zu tun, dass Kinder möglichst die ersten zwei Lebensjahre bei Mama, Papa, Oma oder Opa bleiben können, koste es, was es wolle. Denn diese Jahre sind die Wurzel für Urvertrauen – und damit für ein Leben mit Flügeln. Jede Zeit hat wohl ihre unreflektierten Glaubenssätze.

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