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Die Vatan-Moschee in Bielefeld-Brackwede. - © Wolfgang Rudolf
Die Vatan-Moschee in Bielefeld-Brackwede. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Eklat um Spenden in Bielefelder Moschee

Wenn es um Geld geht, wird es heikel. So wie jetzt in der Vatan-Moschee unter dem Dach der türkischen Religionsbehörde "Ditib". Dort streiten sich der Vorstand und ein Ex-Mitglied. Vor harten Mitteln wird nicht zurückgeschreckt.

Ansgar Mönter
12.07.2019 | Stand 12.07.2019, 10:38 Uhr

Bielefeld. Sind in der türkischen Vatan-Moschee in Brackwede Spendengelder veruntreut worden? Seit Wochen tobt um dieses kursierende Gerücht ein Kleinkrieg zwischen dem Vorstand der Moschee sowie einem Ex-Mitglied. Sogar das Landgericht befasste sich mit dem Fall. Ein Urteil ist gefallen, der Zwist gärt jedoch weiter. Am Anfang stand ein Gerücht. Angeblich sollen bis zu 1,5 Millionen Euro Spendengelder in unbekannte Kanäle geflossen sein. In der Gemeinde wird in dem Zusammenhang über den Vorstand geredet hinter vorgehaltener Hand. Cengiz Kalinci, 15 Jahre Mitglied der Vatan-Moschee, motivierte das Gerede, die Verantwortlichen zur Rede zu stellen. "Ich werde als ungläubiger deutscher Agent beschimpft" Da er nach eigener Aussage keine Auskunft erhielt, verfasste er kritische, satirische und polemische Artikel auf Facebook. Die bezog der Moschee-Vorstand auf sich, obwohl er nicht explizit erwähnt wird. Das führte zum Eklat. Die Moschee warf Kalinci raus und erteilte ihm Hausverbot. Die Vatan-Moschee hatte nun versucht, ihrem Ex-Mitglied per einstweiliger Verfügung verbieten lassen, weitere Aussagen auf Facebook zu verbreiten. Der Richter am Landgericht wies die Klage zurück. Kalinci selbst hegt den Veracht, dass er mit dem Prozess mundtot gemacht werden sollte, weil er unbequeme Fragen gestellt habe. Der Moschee-Vorstand hingegen fühlt sich verleumdet. Kalinci bleibt bei seiner Kritik. Er will wissen, wie die Spenden der Gläubigen verwendet werden, da es in der Regel für die Spender keine Quittungen gebe. „Dafür bin ich als deutscher Agent und Ungläubiger beschimpft worden", berichtet er. "Er hat uns mit Drohungen und Beleidigungen überhäuft" Der Moschee-Vorstand stellt den Konflikt anders da. Ihren Angaben nach begann das Zerwürfnis, weil Kalinci sich geweigert habe, eine Spende an die Moschee zu geben, nachdem seine gestorbene Mutter dort gewaschen wurde. Das, so Rechtsanwalt Cihan Kati als Vertreter der Moschee, sei üblich, „da bei entsprechenden Praktiken Kosten entstehen". Statt sich aber zu beteiligen, habe er begonnen, die Moschee-Führung mit „Drohungen, Verleumdungen und Beleidigungen zu überhäufen". Mehrmals habe man ihn abgemahnt, schließlich „wurde diesem die Mitgliedschaft entzogen und ihm wurde Hausverbot erteilt", teilt Kati mit. Cengiz Kalinci schüttelt darüber den Kopf. „Die wollen meinen Ruf zerstören", sagt er. Dabei sei er bei weitem nicht der einzige, der wissen wolle, was die „Familie, die seit 19 Jahren die Moschee wie ein Familienunternehmen führt", mit dem Geld eigentlich macht. Gegenüber der NW-Lokalredaktion bestätigen fünf weitere Moschee-Gänger, dass auch sie den Verdacht hegen, dass nicht alles mit rechten Dingen zugehe in dem Gotteshaus. Sie möchten anonym bleiben, ihre Namen sind der Redaktion aber bekannt. "Er hat die richtigen Fragen gestellt" Kalinci hatte 2018 Anzeige gegen die Moschee erstattet bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld. Das Ermittlungsverfahren ist eingestellt worden, weil „Beweismittel, die eine bedenkenfreie Überführung ermöglichen könnten, nicht vorliegen", wie die Behörde mitteilte. Laut Kalinci traue sich niemand auszusagen. Die sozialen Folgen wären zu hart. Wie hart, dass spüre er gerade. Überall werde er verleumdet, sogar die Polizei habe man ihm nach Hause geschickt, weil er angeblich ein „potenzieller Amokläufer" sei. Mit seinem Anwalt will Kalinci gegen diese Drohungen vorgehen. Der Moschee-Vorstand weist alle Verdächtigungen zurück. „Sie sind unbegründet und entbehren jeglicher Grundlage", so Kati. Seine Mandanten, so der Anwalt gegenüber dem Gericht, würden die Moschee weder zur „Gewinnerzielungsabsicht" führen, noch würden sie ein „luxuriöses Leben" führen mit Spendengeldern. Ob Veruntreuungen in dieser Moschee möglich sind, lässt sich von außen nicht beurteilen. 2015 wurde ein ähnlicher Fall aus der Moschee an der Ernst-Rein-Straße begannt. Der Vorsitzende soll mindestens 280.000 Euro des als gemeinnützig anerkannten Vereins veruntreut haben. Der Mann wurde abgesetzt. »Es gibt ausreichende Kontrollen der Buchführung« Kalinci und fünf weitere Gläubige vermissen effektive Kontrollen und Transparenz, weil der Vorstand in der Hand einer Familie sei. Die Vatan-Moschee hingegen spricht von „ausreichender Kontrolle der Buchführung" sowie einem „gewählten Kontrollgremium". Das Bündnis Islamischer Gemeinden in Bielefeld teilt mit, dass Spender Quittungen erhalten würden und Rechenschaft über das Geld in Jahreshauptversammlungen abgelegt würde. Dort gäbe es „ausführliche Finanzberichte", zudem Finanzprüfer. Ein Vatan-Moschee-Gänger, der anonym bleiben will, glaubt den offiziellen Beteuerungen des Vorstands nicht. „Herr Kalinci hat berechtigte Fragen gestellt", sagt er. Wie die christlichen Kirchen mit Spenden umgehen „Sehr transparent", sagt Uwe Moggert-Seils, Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises Bielefeld, gingen die Evangelischen Gemeinden mit Spenden um. Die Spenden aus dem Klingelbeutel würden immer nach dem „Vier-Augen-Prinzip" gezählt. Das werde schriftlich festgehalten und von den Verantwortlichen unterzeichnet. Das Geld geht an die Finanzbuchhaltung des Kirchenkreises, wo abermals ein Controlling einsetze. „Die Messlatte für Veruntreuung liegt bei uns sehr hoch", sagt Moggert-Seils. Einen Fall habe es seines Wissen auch noch nicht gegeben im Kirchenkreis. Ähnlich wie die Evangelische Kirche handhabt es das katholische Dekanat. Die Spenden werden von mindestens zwei Personen gezählt, in den Pfarrbüros verbucht und an das Bistum überwiesen, von wo aus es wieder verteilt werde, je nach Zweck. Gegenüber den Gemeinden werde der Haushalt offen gelegt, sagt Dechant Norbert Nacke. So verfährt auch nach Angaben von Heiko Johanning die freikirchliche Neuapostolische Kirche. Doch trotz aller Transparenz und Kontrolle „kann ich nicht ausschließen, dass es auch mal zu Diebstahl kommen könnte", geben Johanning wie Nacke offen zu. Die Wahrscheinlichkeit jedoch wird als sehr gering eingeschätzt.

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