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Manfred Bentrup mit den kryptischen Schreiben aus dem Amt. - © Sarah Jonek
Manfred Bentrup mit den kryptischen Schreiben aus dem Amt. | © Sarah Jonek

Bielefeld Abgehängt ohne Internet: Bielefelder berichtet von Problemen beim Bürgeramt

Menschen wie Manfred Bentrup haben es mittlerweile schwer: weil alles auf Digitalisierung setzt, fallen die, die noch Offline sind, selbst beim Service der Stadt hintenüber. Was das bewirkt, zeigt dieser Fall exemplarisch

Ansgar Mönter
12.07.2019 | Stand 12.07.2019, 09:23 Uhr

Bielefeld. Ostern war gerade vorbei, als Hannelore und Manfred Bentrup Personalausweise bei der Stadt beantragten. Sie warteten ein paar Wochen – am 6. Juni kam dann endlich ein Brief vom Amt. „Wir dachten, darin erfahren wir, wann wir sie abholen können", sagt Manfred Bentrup (78). Das aber stand nicht in dem Schreiben, dafür viel über den Online-Ausweis. „Da waren Felder, die wir ausrubbeln sollten, mit einer Nummer und einem Sperrkennwort namens Naturpark", berichtet der Rentner. „Wir haben davon nichts verstanden." Ein Abholtermin war in dem Schreiben nicht zu finden. "Ich habe tagelang versucht, jemanden zu erreichen" Die Bentrups haben kein Internet – wie vor allem zahlreiche andere ältere Menschen auch. Doch ohne Internet sind manche Bürgeranliegen mittlerweile deutlich schwerer abzuwickeln. Die Bürgerberatung setzt auf Online. Termine gibt es nur bei vorheriger Vereinbarung, am liebsten per Klick. Tatsächlich werden laut Bürgeramts-Leiter Volker Fliege heute 85 Prozent der Termine online vereinbart. Die restlichen 15 Prozent werden telefonisch abgewickelt. Das machen in der Regel Ältere und Behinderte. Nur noch 15 Prozent per Telefon – wer nun denkt, dass geht dann sicher ganz flott, liegt falsch. „Ich habe tagelang versucht, jemanden zu erreichen", sagt Manfred Bentrup. Die Versuche endeten immer in der Warteschleife. „mal war ich auf Position 35, als auf 34, irgendwann auf 17, aber nie bin ich durchgekommen", sagt er. Spätestens nach zehn Minuten brach er ab und versuchte es zu einer anderen Zeit. Genützt hat es nichts. „Am Ende bin ich hingegangen, weil ich endlich wissen wollte, wann unsere Ausweise kommen." "Gut, dass wir keine Reise geplant hatten" In der Bürgerberatung wurde er freundlich aufgefordert, sich einen Termin am Terminal zu buchen. „Da standen aber schon 12 bis 15 Leute davor", berichtet Bentrup. Er ging zurück zur Information, wo zufällig eine Auszubildende vorbeikam, die ihm zur Seite gestellt wurde. „Die junge Frau war sehr nett", sagt Bentrup. Zusammen warteten sie geduldig am Terminal, bis sie an der Reihe waren. Nun haben die Bentrups für Mitte Juli einen Abholtermin – gut zwölf Wochen nach Beantragung. „Gut, dass wir keine Reise in dieser Zeit geplant hatten", sagt er. Wolfgang Aubke hört immer mal wieder von solchen Geschichten. „Seit längerer Zeit beschäftigen wir uns mit der Digital-Offensive der Stadt", sagt der Vorsitzende des Seniorenrats. 2016 verabschiedete sein Gremium einen Antrag, wonach die Verwaltung darauf achten soll, dass es hinreichend analoge Möglichkeiten gibt, Angelegenheiten zu klären, weil gerade ältere Menschen oft keinen Computer und kein Mobiltelefon nutzen. „Doch passiert ist nichts", moniert er. Jetzt will Aubke den Druck erhöhen und abermals politisch aktiv werden. „Es fehlt offensichtlich das nötige Bewusstsein für diese Personengruppe", sagt er. "Es fehlt das nötige Bewusstsein" Bürgeramtsleiter Fliege gibt zu, dass es teilweise sehr lange Wartezeiten am Telefon gegeben habe, unter anderem wegen hoher Krankheitsausfälle. Jedenfalls wolle man im Rathaus den Offline-Bielefeldern auch ein gutes Angebot machen. „Deswegen wird mehr Personal eingestellt", kündigt er an. Zu den 30 Mitarbeitern am Telefon sollen weitere Aushilfen hinzu kommen, so dass auch telefonisch in akzeptabler Zeit ein Termin vereinbart werden kann. Manfred Bentrup würde es freuen, wenn es so kommt – auch wenn er seinen Pass bald in der Hand halten wird. Aber so ganz traut er den Aussagen nicht. Er und Ehefrau Hannelore haben sich entschlossen, den Umgang mit Handy und Tablet noch zu lernen. Sie haben keine Lust mehr auf kryptische Briefe und unendliche Warteschleifen mit Dudelmusik am Telefon.

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