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Hitzefrei in der Bosseschule: Schulleiterin Andrea Prochnau misst die Temperatur in einem Klassenraum. Foto: Wolfgang Rudolf - © Wolfgang Rudolf
Hitzefrei in der Bosseschule: Schulleiterin Andrea Prochnau misst die Temperatur in einem Klassenraum. Foto: Wolfgang Rudolf | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld So gingen die Bielefelder Schulen mit der Hitze um

Unterrichtsausfall: Außer an den Gymnasien gab es Mittwoch fast überall Freistunden. Eine Realschule trägt sogar den Namen des Hitzefrei-Erfinders.

Moritz Trinsch
27.06.2019 | Stand 27.06.2019, 11:55 Uhr

Bielefeld. Wenn nicht hier, wo dann? Über Hitzefrei durften sich die 460 Schüler der Bosse-Realschule die vergangenen zwei Schultage ab der vierten Stunde freuen. Das Besondere daran: Der Namensgeber der Bosse-Schule, Robert Bosse, ist der Erfinder des Hitzefreis. Gegründet wurde die Realschule 1912. Damals war es üblich, die Schulen nach preußischen Ministernamen zu benennen. Robert Bosse war von 1892 bis 1899 Leiter des Kultusministeriums. Bereits fünf Monate nach seinem Amtsantritt hat er den hitzebedingten Schulausfall per Ministererlass eingeführt. „Wenn das hundertteilige Thermometer um 10 Uhr vormittags im Schatten 25 Grad zeigt, darf der Schulunterricht in keinem Falle über vier aufeinanderfolgende Stunden ausgedehnt werden. Und auch bei geringerer Temperatur ist eine Kürzung der Unterrichtszeit notwendig, wenn die Schulzimmer zu eng bzw. zu überfüllt sind." 100 Jahre später muss das Klassenzimmer mindestens eine Temperatur von 27 Grad Celsius aufweisen. Aber auch dann haben Schüler keinen Anspruch auf Hitzefrei. Die Schulleiter legen das fest. Eine gesetzliche Regelung gibt es nicht mehr. Bosse-Schulleiterin Andrea Prochnau entscheidet jeden Morgen aufs neue, wie sie mit den hohen Temperaturen umgeht. Zusammen mit Hausmeister Thomas Gehlen schaut sie sich dafür die aktuellen Werte auf dem Monitor an. Die Temperaturmessung erfolgt hier elektronisch, über das Heizungssystem. Auch am Nachmittag herrschen in der Schule noch südländische Verhältnisse. Mit 28,1 Grad in den Klassenzimmern und 30,3 Grad im Lehrerzimmer ist an Unterricht nicht zu denken. „Vor allem in den oberen Klassräumen heizt es sich schnell auf. Durchzug ist da kaum noch möglich", sagt Prochnau. Hinzu kommt, dass viele der oberen Klassenräume mit großen Fensterflächen ausgestattet wurden. Anders als bei dicken Betonwänden kann die Wärme dann ungehindert ins Klassenzimmer strömen. „Viele unserer Klassenräume sind klein, wo aber gleichzeitig viele Kinder unterrichtet werden müssen", erklärt Prochnau. „Die Schüler müssen dann eng zusammensitzen." Das verschärfe die Situation zusätzlich. Hitzefrei hatten Mittwoch auch alle anderen Bielefelder Realschulen sowie zahlreiche Grund-, Gesamt- und Hauptschulen. Die meisten Gymnasien haben ihren Schülern allerdings nicht frei gegeben. Sie mussten bei der Hitze weiterhin die Schulbank drücken. Die Schulleitung der Marienschule begründet diesen Schritt damit, dass es Ausweichmöglichkeiten gäbe. So konnten die Schüler auf der Nordseite des Gebäudes weiter unterrichtet werden. Auch müsse die Schule die Betreuung der Kinder gewährleisten. Berufstätige Eltern würden sich darauf verlassen, dass ihre Kinder ordnungsgemäß versorgt werden. Die meisten Marienschüler zeigen nach Angaben der Schulleitung Verständnis für die Entscheidung. Die Bielefelder Bäder können sich über das Hitzefrei nur bedingt freuen. Zwar habe man am Dienstag – mit 34 Grad der bisher wärmste Tag des Jahres in Bielefeld – mit 17.000 Badegästen einen neuen Besucherrekord aufgestellt. Gleichzeitig aber herrscht große Personalnot. Die etwas mehr als hundert Fachkräfte in den Freibädern reichen nicht aus, um die Sicherheit komplett zu gewährleisten. Saisonkräfte seien nur noch schwer zu finden. Aus diesem Grund wurden 20 Mitarbeiter aus den Hallenbädern in die Freibäder beordert. Das Aquawede und das Familienbad in Heepen mussten deshalb bis auf weiteres geschlossen werden. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes ist eine erneute Hitzewelle für Bielefeld vorerst nicht in Sicht. In der kommenden Woche werden sich die Temperaturen bei 20 Grad einpendeln. Vom Rekordsommer 2018 mit Temperaturen um die 37 Grad sei Bielefeld noch weit entfernt.

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