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Eine Baustrategie soll für günstigen Wohnraum sorgen. (Symbolfoto) - © Patrick Menzel
Eine Baustrategie soll für günstigen Wohnraum sorgen. (Symbolfoto) | © Patrick Menzel

Bielefeld Bielefeld will mit drastischer Baustrategie für mehr Wohnraum sorgen

Ab Mitte Juli soll gelten, dass nur noch dort neues Baurecht geschaffen wird, wo der Stadt die Flächen weitgehend gehören. Es gibt aber auch Ausnahmen. Und die Dornberg-Debatte? Ein Vorgeschmack

Kurt Ehmke
22.05.2019 | Stand 22.05.2019, 07:23 Uhr

Bielefeld. Noch vor dem Sommer soll es so weit sein: Bielefeld will dann mit einer eigenen „Baulandstrategie" dafür sorgen, dass viel mehr Wohnraum entsteht – nicht zu teuer und so, wie er benötigt wird. Also: mehr Mehrfamilien- als Einfamilienhäuser, mehr gefördertes Wohnen, mehr verdichtetes Wohnen. Eigentlich, so ist es aus der Paprika-Koalition zu hören, war der Weg klar festgezurrt: Erst im Juli den Beschluss zur Baulandstrategie, dann die Debatte über Flächen. Dass diese schwierig wird, ahnt jeder – doch weder Grüne noch SPD als stärkste Mitglieder der Koalition glauben daran, dass nur mit Nachverdichtung und innerstädtischem Höher-Bauen die jährlich benötigten mehrere Tausend Wohneinheiten entstehen können. Dazu Grünen-Fraktionschef Jens Julkowski-Keppler: „Wir merken alle, dass wir so nicht aus der Misere herauskommen." Baurecht nur auf städtischem Grund Die Misere? Immer mehr Einwohner, immer mehr Bedarf, immer weniger günstiger Wohnraum – und schon gar nicht ausreichend „gefördertes Wohnen" in Neubauten. Deshalb soll ab Mitte Juli gelten: Kein Wohnbauvorhaben entsteht irgendwo in Bielefeld auf Flächen, die nicht maßgeblich oder ganz der Stadt gehören. Zumindest soll das ab 2.000 Quadratmetern Grundstücksgröße gelten. Und ab 10.000 Quadratmetern sogar verschärft. „Nur, wo die Stadt Besitzer des Grundstücks ist, wird es Baurecht geben", sagt Julkowski-Keppler. Als Messlatte gelte bei den Preisen der Bodenrichtwert. Vorbei sein soll die Zeit, in der private Investoren auf vielen Hektar Flächen vermarkten – zum doppelten bis dreifachen Preis des Bodenrichtwertes; und damit zu Konditionen, bei denen sich „geförderter Wohnungsbau" nicht lohnt und Wohnraum entsteht, der eher hochpreisig ist. Und sich damit genau nicht in der Kategorie einsortiert, in der der Mangel am größten ist. Dass nun in Dornberg mit Blick auf mögliche gut 4.800 Wohneinheiten eine Debatte entbrannt ist, irritiert Oberbürgermeister Pit Clausen und Baudezernent Gregor Moss. Er betont, dass das beauftragte Büro „nicht einen Quadratmeter mehr für eine mögliche Bebauung herausgearbeitet hat als schon im Gebietsentwicklungsplan von 2004 steht". Er sei eher enttäuscht davon, nicht noch neue Möglichkeiten aufgezeigt bekommen zu haben. Dornberg stagniert Moss stellt klar: „Rund um den Campus liegt die Zukunft Bielefelds – und wir brauchen Antworten auf das, was dort geschieht." Dornberg stagniere und habe den höchsten Altersdurchschnitt – es sei sinnvoll, hier zu bauen und zu wachsen; dafür reiche schon der Blick auf die entstehende Medizinische Fakultät. Moss, der gerne Klartext spricht, betont: „Wir können nicht immer und überall alle Bedenken adaptieren." Heißt: Der Stadt fehlt Wohnraum – und irgendwo muss dieser entstehen. Aus seiner und auch aus Clausens Sicht sind die auf Jahrzehnte ausgelegten Bau-Möglichkeiten nicht leichtfertig definiert. Zudem sei die Bebauung überwiegend wesentlich weniger dicht angedacht als beispielsweise an der Grünewaldstraße. Druck soll erhöht werden Clausen: „Niemand will die grüne Mitte rund um den Bach zerstören – dieser Bereich bleibt fast unangetastet." Aber, so Moss: „Wir wollen das Gebiet erschließen – für Radfahrer und Fußgänger." Stichwort Verkehr: Moss betont, dass, wenn denn wirklich gut 4.800 Wohneinheiten entstünden, die errechneten 20.000 Auto-Bewegungen am Tag durch die Mobilitätswende auf gut 10.000 reduziert werden könnten – ein Baustein sei hier die Anbindung der Stadtbahnlinie 4 an die Linie 3. Fakt ist, dass Dornberg der Auftakt der Debatte sein dürfte: Die Stadt wird aus ihrer Sicht mit ihrer Baulandstrategie nur besser unterwegs sein, wenn nicht nur Einfamilienhäuser entstehen. Gesucht wird günstiger Wohnraum, im Mehrfamilienhaus. Moss: „Nur das löst Probleme." An vielen Stellen soll der Druck erhöht werden, so die neue Strategie. Dankbar ist Moss der Bezirksregierung, die nun Spielräume eröffnen wolle bei der Suche nach bebaubaren Flächen. Dankbar ist auch Clausen dafür, dass Bielefeld in der Mietstufe 4 gelandet ist, was den Wohnungsmarkt im unteren Segment über Zuschüsse entlastet. Der Rest, so Moss, „ist eine Herkulesaufgabe".

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