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Lebensrettend: Christian Gräfe, zusammen mit Marc Budde Projektleiter der Feuerwehr Bielefeld, zeigt in der Leitstelle die neue App, die ab sofort zu Notarzt und Rettungswagen auch qualifizierte Ersthelfer alarmiert. - © Sarah Jonek
Lebensrettend: Christian Gräfe, zusammen mit Marc Budde Projektleiter der Feuerwehr Bielefeld, zeigt in der Leitstelle die neue App, die ab sofort zu Notarzt und Rettungswagen auch qualifizierte Ersthelfer alarmiert. | © Sarah Jonek

Bielefeld Erste-Hilfe-App macht Nachbarn zu Lebens-Rettern

Im Notfall soll der Rettungsdienst in 8 Minuten beim Patienten sein. Haben die Profis Probleme, mobilisiert die Leitstelle ab sofort private Helfer - 220 Freiwillige sind bereits "Mobile Retter".

Jens Reichenbach
15.05.2019 | Stand 15.05.2019, 09:15 Uhr

Bielefeld. Die 51-jährige Frau bricht am Küchentisch zusammen. Sie kriegt keine Luft mehr, der Puls ist weg. Ihr Sohn ruft in Panik den Notruf 112. Denn jetzt zählt jede Sekunde. Schon nach zwei bis drei Minuten wird das Gehirn durch Sauerstoffmangel geschädigt. Doch Rettungswagen und Notarzt sind noch kilometerweit entfernt. Seit gestern kommt in solchen Fällen noch ein dritter Helfer hinzu. Die neue Smartphone-App „Mobile Retter" alarmiert bei Herz-Kreislauf-Stillstand oder Bewusstlosigkeit automatisch zwei Ersthelfer, die gerade in der Nähe sind. Durch GPS-Ortung identifiziert die Software die Position der registrierten „Mobilen Retter" und wählt die zwei von ihnen aus, die am schnellsten den Einsatzort erreichen können. Sie sollen mit einer Reanimation wieder für Sauerstoffzufuhr beim Patienten sorgen. Feuerwehrmann Dennis lebt ganz in der Nähe. Er hat nur 521 Meter zurückzulegen, um der Nachbarin in Not helfen zu können. Als er den Einsatz annimmt, führt ihn die App direkt zum Haus des Notfalls. Es dauert keine zwei Minuten, da klingelt Denis bereits an der Haustür und beginnt mit der lebensrettenden Wiederbelebung. Weitere fünf Minuten später erscheint der Rettungsdienst und übernimmt die Versorgung. Ziel sind mindestens 600 mobile Retter Das Leben der 51-Jährigen ist gerettet. Sie erholt sich dank der schnellen Hilfe ihres Sohnes, des Feuerwehrmanns aus der Nachbarschaft und der anschließenden Hilfe von Rettungsdienst und Klinik vollkommen. Dezernentin Anja Ritschel und Feuerwehrchef Hans-Dieter Mühlenweg freuen sich nach zweieinhalb Jahren Vorbereitung und Planung, nun endlich den Startknopf für die Mobile-Retter-App drücken zu können. 220 Freiwillige haben Marc Budde und Christian Gräfe, Projektleiter der Feuerwehr, inzwischen für das „smartphone-basierte Alarmierungssystem" gewonnen und trainiert. Sie alle verfügen durch privates oder berufliches Engagement (Sanitäter, Krankenschwestern, Rettungsdienstpersonal, Ärzte) über professionelle Wiederbelebungskenntnisse. 300 bis 500 Wiederbelebungen pro Jahr Die ersten 220 Teilnehmer kommen von den hiesigen Hilfsorganisationen (ASB, DLRG, DRK, JUH, THW) sowie von Feuerwehr und Rettungsdienst. In Kürze werden auch die Mitarbeiter der Bielefelder Krankenhäuser hinzukommen, kündigten Vertreter der Kliniken an. Hans-Dieter Mühlenweg hofft, dass so in Kürze mindestens 600 Ersthelfer registriert sein werden. Auch andere Bielefelder mit Erfahrung können sich ab sofort über die App registrieren. Denn 300 bis 500 Reanimationen zählt die Leitstelle in Bielefeld pro Jahr. „Wir gehen deshalb davon aus, dass wir pro Tag je einen mobilen Retter einsetzen werden", erklärt Budde, um die „therapiefreie Zeit zu verkürzen", wie es im Amtsdeutsch heißt. Der geistige Vater des Projekts „Mobile Retter" ist der Leitende Notarzt des Kreises Gütersloh, Dr. Ralf Stroop. 2012 sei in seiner Nachbarschaft eine Frau in Not gewesen, berichtet Dennis Brüntje vom Verein „Mobile Retter". Der Ingenieur und Neurochirurg hatte aber erst durch Eintreffen des Rettungswagens davon erfahren. Er sagte sich: „Ich war doch in der Nähe, ich hätte helfen können." 6.200 mobile Retter waren in 21 Kreisen bereits im Einsatz Und so entwickelte sich aus seiner Idee eine Software für qualifizierte Ersthelfer, so Brüntje. Er spricht von einer 5- bis 10-fach schnelleren Patientenversorgung durch mobile Retter. Was im Oktober 2013 in Gütersloh begann, gibt es inzwischen in 21 Kreisen – 6.200 Einsätze wurden mit der App inzwischen insgesamt ausgelöst. Bielefeld und Gütersloh werden künftig auf ihre mobilen Retter gemeinsam zugreifen. Dass eine Verbesserung der Rettungskette nötig ist, belegen die ständig steigenden Einsatzzahlen im städtischen Rettungsdienst. Der Gesetzgeber verlangt, dass der Rettungsdienst in 90 Prozent der Fälle innerhalb von 8 Minuten vor Ort sein muss – im Durchschnitt. Bielefelder werden statt in 90 nur in 70 Prozent der Fälle in 8 Minuten erreicht Doch zuletzt fiel der „Zielerreichungsgrad" von ohnehin unbefriedigende 78 Prozent im Jahr 2016 ungefähr auf 70 Prozent. Erst nachdem im Februar 2018 zwei zusätzliche Rettungswagen genehmigt wurden, dürfte dieser Trend erstmals gestoppt worden sein, vermutet Mühlenweg. Um wieder die 90 Prozent zu erreichen, verhandeln Stadt und Kostenträger seit Monaten um den neuen Rettungsdienstbedarfsplan der Stadt. Laut Mühlenweg besteht Hoffnung, dass das Ergebnis nach der Sommerpause in die politische Besprechung gehen kann. Anschließend muss der Rettungsdienst in Bielefeld massiv aufgestockt werden.

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