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Martin Uekmann, Geschäftsführer Stadtwerke Bielefeld - © Wolfgang Rudolf
Martin Uekmann, Geschäftsführer Stadtwerke Bielefeld | © Wolfgang Rudolf

Interview Bielefelds Stadtwerke-Chef findet oberirdische Straßenbahn auf dem Jahnplatz sinnvoll

Martin Uekmann setzt auf selbstfahrende Autos und Fahrangebote auf Abruf. Im Interview spricht er über neue Möglichkeiten, wie in der Zukunft die Bielefelder von A nach B kommen werden.

Andrea Rolfes
02.05.2019 | Stand 02.05.2019, 16:14 Uhr

Herr Uekmann, wie werden sich die Bielefelder in 20 Jahren fortbewegen? Martin Uekmann: Die Digitalisierung bietet künftig ungeahnte Möglichkeiten der schnellsten und einfachsten Art der Fortbewegung. Jeder wird per App auf seinem Smartphone Zugang zu allen Verkehrsmitteln haben und muss nur noch entscheiden, wo er hin will. Die App sagt dem Nutzer, wie er am besten dort hinkommt. Natürlich sind Bus und Bahn auch dabei. Und das Auto? Uekmann: Ich gehe davon aus, dass es in 20 Jahren noch Menschen gibt, die ihr eigenes Auto haben. Es werden aber wenige sein. Sie werden jedenfalls elektrisch mit Batterie oder Wasserstoff betrieben. Der gesellschaftliche Kulturwandel weg vom Besitzen hin zum Teilen wird sich fortsetzen. Die Vision, die hinter der Digitalisierung steht, sind zum Beispiel Demandverkehre, also Verkehr auf Abruf. Auch das Teilen und Mieten von Fahrzeugen wird eine große Rolle spielen. Wie bereitet sich Mobiel auf diese Zukunft vor? Uekmann: Eine wachsende Stadt wie Bielefeld ist auf einen guten öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Die geplanten Stadtbahnverlängerungen sind ein wichtiger Beitrag zur Stadtentwicklung und zum Klimaschutz. Als Mobilitätsdienstleister werden wir das Bedürfnis nach unterschiedlichen Verkehrmitteln befriedigen. Ob E-Roller, Tretroller, vielleicht Carsharing – das Dienstleistungsspektrum wird vielfältiger- und für den Kunden komfortabler. Und eine App soll all diese Angebote in Zukunft zusammenbringen? Uekmann: Ja, entscheidend ist, dass wir eine Plattform haben, auf der die Bielefelder erfahren, wie sie am besten von A nach B kommen und wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln weiter vertreten sind. Das Smartphone ist der Schlüssel für alle Verbindungen. Preise sind auch ein Faktor. Müssten nicht auch Tickets günstiger werden, um die Leute in den ÖPNV zu bekommen? Uekmann: Der Preis ist nur ein Aspekt. Der wesentliche ist die Bequemlichkeit. Wenn ich das Auto rechne mit allen Abschreibungen, Benzin usw. ist es recht teuer. Aber die Leute nutzen es trotzdem. Selbst wenn man den Öffentlichen Nahverkehr komplett kostenlos macht, würden ihn nich alle nutzen. Aber das Problem mit der Bequemlichkeit bleibt trotzdem. Uekmann: Ja, die Digitalisierung wird uns aber deutlich helfen. Dazu gehören hochautomatisierte Systeme, die ohne Fahrer auskommen. Autohersteller wollen solche Fahrzeuge in fünf bis zehn Jahren auf den Markt bringen. Mobiel würde also selbstfahrende Autos einsetzen, um die Leute abzuholen? Uekmann: Ja, das könnten wir uns gut vorstellen. Um vorne dabei zu sein, wenn es so weit ist, lernen wir jetzt schon, indem wir viel austesten. Der Versuch mit zwei Kleinbussen, die die Leute auf Abruf aus den Außenbezirken zu Haltestellen bringen, gehört dazu. Das ist für Bielefelder, die in Außenbezirken leben, trotzdem noch recht umständlich. Uekmann:Das Kriterium ist und bleibt die Erreichbarkeit. Mit der Stadtbahn haben wir ein Pfund, dass vergleichbar große Städte oft nicht haben. Das heißt für Bielefeld aber auch, dass die Stadt sich über den Ausbau Gedanken machen muss, damit die Erreichbarkeit besser wird. Es gibt ja schon Pläne für den Ausbau. Uekmann: Ja, der Anschluss an die Sennestadt ist ein Gewinn für den Bielefelder Süden. Das gilt auch für die Verlängerung nach Hillegossen. Und ein möglicher Ausbau nach Jöllenbeck ist eine spannende Perspektive. Der ÖPNV-Anteil an den Verkehrswegen ist seit 2010 gesunken. Und das, obwohl die Fahrgastzahlen gestiegen sind. Uekmann: Ja, genau da liegt unser Konflikt. Wir schaffe ich es, auf dem gleichen Verkehrsraum mehr Leute von A nach B zu bringen. Da kommt die Frage auf, wie komfortabel ein Fortbewegungsmittel ist. Wenn ich merke, dass der Bus genauso im Stau steht, werde ich weiter das Auto nehmen. Sehe ich, dass er deutlich schneller voran kommt, wird der ein oder andere ins Nachdenken kommen. Das hieße, Bussen müsste in der Stadt gegenüber Autos Vorfahrt gewährt werden. Uekmann: Bei Ampelschaltungen ist das ja schon so. Es geht aber auch um das Thema Beschleunigung. Dort wo keine Stadtbahnen fahren, müssen wir zum Beispiel Konzepte wie Schnellbuslinien entwickeln. Ist es sinnvoll die Busflotte zu ersetzen durch ein Elektro-System? Uekmann: Ja, dauerhaft wird Mobilität elektrisch sein. Es ist nur die Frage, wann man das macht. Die rein batteriebetriebenen Elektrobusse können heute noch keine verlässlichen Reichweiten sicherstellen. Da gibt es aktuell noch keine Sicherheit, welches System das Richtige ist. Wir haben uns aber entschlossen, Brennstoffzellenbusse zu testen. Wie funktionieren die? Uekmann: Das sind auch Elektrobusse, die allerdings mit Wasserstoff fahren. Die Brennstoffzelle macht wie ein kleines Kraftwerk permanent Strom. Die Busse werden morgens einmal betankt und haben dann eine Reichweite von 250 Kilometern. So etwas könnte man sich auch bei unseren Müllfahrzeugen vorstellen. Wo kommt der Wasserstoff denn her? Uekmann: Dafür braucht man Wasserstoff-Tankstellen. Das ist aufwendig und teuer, aber machbar. Die Nutzung von erneuerbaren Energien und Kraft-Wärme-Kopplung zur Umwandlung in Wasserstoff ist ein spannendes Zukunftsthema. Wann könnte das Realität sein? Uekmann: In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird sich sicherlich etwas tun. Aktuell hat diese Technologie noch keine Marktreife. Wie teuer wäre eine Umrüstung? Uekmann: Ein Elektrobus kostet doppelt so viel wie ein herkömmlicher Bus. Etwa 600.000 bis 700.000 Euro. Insgesamt haben wir 100 Busse. Da müssen wir auf eine Förderung hoffen. Und dann kommt noch die nötige Infrastruktur dazu. Ein teures Vorhaben. Schon jetzt müssen die Stadtwerke viel in die Infrastruktur und Technik investieren. Uekmann: Ja, wir tun was. Wir investieren in die Vamos-Fahrzeuge, die mehr Fahrgast-Kapazität haben. Wir investieren in Busse, um auf Euro 6 umzurüsten und in die Betriebshöfe. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren 115 Millionen Euro angeschoben. Mit der Beschaffung von 24 neuen Vamos-Bahnen reagieren Sie auf die stetig wachsenden Fahrgastzahlen. Uekmann: Ja. die Züge sind breiter und höher, bieten so mehr Fahrgastkapazität, die wir dringend brauchen. Der Tunnel erreicht nun aber seine Grenzen. Und nun? Uekmann: Mit 900 Busbewegungen sind wir auf dem Jahnplatz auch am Limit. Wenn wir den ÖPNV ausbauen wollen, wäre es sinnvoll, eine Stadtbahn oberirdisch fahren zu lassen. Diese Option ist in der aktuellen Planung des Jahnplatzes enthalten. Durch den Umbau des Jahnplatzes? Uekmann: Ja, die Entwicklung des Jahnplatzes sehen wir sehr positiv, weil da jetzt überhaupt mal etwas passiert. Der Platz wie er aktuell ist, ist auch für unsere Fahrgäste als Umsteigepunkt nicht mehr akzeptabel. Die Aufenthaltsqualität wird sich verbessern und der Jahnplatz damit einen Beitrag leisten, Bielefeld noch lebenswerter zu machen.

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