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Wenn am 11. und 12. Mai in St. Johannes Baptist der Gottesdienst beginnt, werden einige Gläubige demonstrativ vor der Tür bleiben. - © Pixabay
Wenn am 11. und 12. Mai in St. Johannes Baptist der Gottesdienst beginnt, werden einige Gläubige demonstrativ vor der Tür bleiben. | © Pixabay

Bielefeld Das gab's noch nie: Katholische Frauen bestreiken Gottesdienst - mit Kommentar

Wenn am 11. und 12. Mai in St. Johannes Baptist der Gottesdienst beginnt, bleiben einige Katholikinnen demonstrativ vor der Tür. Sie wollen nicht austreten aus ihrer Kirche, aber sie begehren auf gegen Missbrauch und Benachteiligung

Christine Panhorst
26.04.2019 | Stand 26.04.2019, 10:21 Uhr

Bielefeld. Es sind besondere Zeiten für die Organisatorinnen der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschland (kfd) in der Gemeinde St. Johannes Baptist in Schildesche. Dass kfd-Frauen so öffentlich gegen Missstände in der Kirche Gesicht zeigten und den Gottesdienst verweigerten, das habe es noch nicht gegeben. Die Schildescherinnen wollen mit Mut vorangehen in Bielefeld – gegen Missbrauch und gegen die Benachteiligung von Frauen in der katholischen Kirche. Wenn sich am 11. und 12. Mai an der Kirche St. Johannis Baptist die Türen zum Gottesdienst schließen, werden Elisabeth Niehaus, Eva-Maria Bulla, Ursula Pohl, Gisela Wieczorek, Christine Kuberski, und Rita Oberfeld demonstrativ draußen vor der Kirche bleiben. Und sie werden im Gotteshaus fehlen: weil sie nicht wie sonst so oft im Gottesdienst unterstützen, bei der Vorbereitung helfen, kleine Dienst übernehmen. "Männer bestimmen, was wir dürfen" Es seien die Frauen, die mit Ehrenamt, Kuchenbacken, als Messdienerinnen, Kommunionshelferinnen, Taufbegleiterinnen und Gottesdienstbesucherinnen die Kirche mit Leben erfüllten, sagt Eva-Maria Bulla. „Ohne Frauen würde die Kirche nicht mehr existieren können." „Aber die Männer bestimmen, was wir dürfen", fügt Ursula Pohl hinzu. Das sei nicht mehr zeitgemäß. „Unser Platz ist eigentlich nicht draußen, er ist mitten in der Kirche!" Pohl und ihre Mitstreiterinnen fordern deshalb Zugang zu allen kirchlichen Ämtern. Unter anderem. „Es geht uns um eine echte Erneuerung in der Kirche. Wir wollen nicht austreten. Wir wollen etwas ändern." Katholikinnen reden Tacheles zum Missbrauchsskandal Ändern müsse sich vor allem auch der Umgang mit dem Pflichtzölibat und Missbrauchsfällen unter dem Dach der katholischen Kirche. „Die Täter müssen an weltliche Gerichte überstellt werden", nennt Niehaus eine zentrale Forderung der Frauen. „Es muss eine uneingeschränkte Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden geben. Das kann Kirche nicht unter sich ausmachen." Deshalb formiert sich im kfd derzeit Widerstand unter dem Dach der in Münster initiierten Initiative „Maria 2.0". Dort würden die kfd-Frauen sogar vom 11. bis zum 18. Mai in Streik treten, erzählt Niehaus. „Das bedeutet: keine Dienste, keine Ämter, kein Ehrenamt." Dafür sei es nicht leicht, Unterstützer zu finden. In Bielefeld werde es wohl nur bei der Gemeinde St. Joseph im Ostmannturmviertel Mitstreiterinnen geben. "Nur die Spitze des Eisbergs" Bei einer Unterschriftensammelaktion zu den Missbrauchsskandalen wurde Niehaus im Dezember in Bielefeld von zwei Betroffenen angesprochen, die von unangemessene Berührungen durch Priester berichten. Das alles sei nur die Spitze des Eisbergs, glauben die Frauen. Der kfd hat 160 Mitglieder in Schildesche, es gibt rund 3.800 Gemeindemitglieder. Wer sich solidarisieren wird, werden die Mai-Gottesdienste zeigen: um 17 Uhr am Samstag, Sonntag um 11.30 Uhr. Kommentar: Aufruf zum Ungehorsam Dass die katholischen Frauen in Schildesche mit ihrer Aktion offen Kritik an ihrer Kirche und an der Vertuschung von Missbrauchsskandalen unter ihrem Dach üben, erfordert Mut. Auch noch in den heutigen Zeiten. Denn in der Gemeinde wird die Großstadt schnell wieder zum Dorf. Auch im besten Sinne: Man kennt sich, lädt einander ein, grüßt sich auf der Straße. Doch wer aus der Gemeinschaft ausschert, dem kann das auf die Füße fallen. Und eine Kultur der offenen Kritik steckt in der katholischen Kirche noch immer in den Kinderschuhen. Nach außen heißt es, Geschlossenheit zu demonstrieren, Probleme klärt man unter sich, alles andere gilt als unanständig – diese Haltung ist den Gläubigen lange eingetrichtert worden. Wer Kritik nach außen trägt, stand und steht leicht als Nestbeschmutzer da. Das bekamen zuletzt erst Opfer des Missbrauchsskandals zu spüren. Dass die Schildescher Frauen in Bielefeld mit der Kirchentradition des Schweigens brechen, den Ungehorsam üben, verdient Hochachtung. Doch vor allem verdienen die Frauen viele Mitstreiter und vor allem Mitstreiterinnen für ihr Anliegen. Doch die sind in Bielefeld rar gesät, noch rarer in Paderborn. In der Domstadt beteiligt sich laut der kfd-Frauen in Schildesche keine einzige kfd-Gruppe an der Initiative „Maria 2.0". Angestoßen wurde diese von den Frauen der Pfarrei „Heilig Kreuz" in Münster. Sie werden für ihre Überzeugungen und die Gleichstellung der Frau in der Kirche im Mai sogar sieben Tage in den Streik treten, das ist in der katholischen Kirche ein absolutes Novum. An diesen Tagen werden die Frauen die ihnen gestattete „hausfrauliche" Arbeit in der Kirche niederlegen. In Bielefeld immerhin an zwei Tagen. Weil Frauen mehr können. Und weil vor allem Kirche mehr kann. Mehr Nachrichten aus Bielefeld

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