Heinrich Strößenreuther (links) beim Sit-in von Rad-Aktivisten in Berlin, Barbara Choryan vor ihrem Rad in Bielefeld. - © Norbert Michalke/Andreas Zobe
Heinrich Strößenreuther (links) beim Sit-in von Rad-Aktivisten in Berlin, Barbara Choryan vor ihrem Rad in Bielefeld. | © Norbert Michalke/Andreas Zobe

Bielefeld Aus dem Auto ab aufs Rad: Das sagt der Berliner, das die Bielefelderin

Heinrich Strößenreuther ist Deutschlands erfolgreichster Fahrrad-Lobbyist, Barbara Choryan Bielefelds Radfahrbeauftragte. Er will Parkplätze in Radwege umwandeln, sie Fahrstreifen

Bielefeld. Heinrich Strößenreuther weiß, wie man Menschen aufs Fahrrad bringt. Er hat in Berlin die Initiative „Volksentscheid Fahrrad" initiiert und gemeinsam mit anderen Bürgern dort die Verkehrswende eingeleitet. Mit seinem Buch "Der Berlin-Standard – moderne Radverkehrspolitik made in Germany" macht er die wichtigsten Maßnahmen von Deutschlands erstem Mobilitätsgesetz bundesweit bekannt. Barbara Choryan ist Fahrradbeauftragte der Stadt Bielefeld. Ein Jahr ist sie im Amt - und hat viele Ideen für ein fahrradfreundliches Bielefeld. In der Neuen Westfälischen erklären beide, wo es hingehen könnte. Was muss Bielefeld tun, um die Leute aufs Fahrrad zu bekommen? Heinrich Strößenreuther: Radwege so sicher machen, dass man seine Kinder da alleine drauf fahren lässt. Und dem Oberbürgermeister mein Buch „Der Berlin-Standard" schenken (lacht) und ihn alle 25 Maßnahmen abarbeiten lassen. Wer Ängstliche vom Auto aufs Rad lockt, macht Platz für alle anderen, die sonst im Stau stehen. Barbara Choryan: Bielefeld braucht eine gute und sichere Infrastruktur für Fahrradfahrende, auf der gerne geradelt wird. Daneben braucht es eine gute Verknüpfung mit dem ÖPNV, viel Information und Kommunikation sowie Serviceangebote, um das Radfahren komfortabler zu machen. Radfahren muss eine echte Mobilitätsalternative sein. Bis 2030 soll der Autoanteil in Bielefeld bei 25 Prozent liegen. Dann soll nur noch jeder vierte Weg per Auto absolviert werden. Heute ist es jeder zweite. Ist das realistisch? Strößenreuther: Das ist mehr als realistisch, denn jeder zweite Weg mit dem Pkw ist kürzer als fünf Kilometer, also eine optimale Rad-Entfernung. Allerdings braucht es dafür sichere und breite Radwege, die zur Benutzung einladen. Choryan: Aus Sicht der Verwaltung kann das Ziel erreicht werden, da viele Wege insbesondere im Nahbereich mit dem Auto zurückgelegt werden. Hier liegt ein hohes Potential, diese Wege mit Rad und zu Fuß zurückzulegen. Auch wird sich noch viel im Bereich der E-Mobilität ergeben – Pedelecs, E-Scooter –, sodass auch hier ein weiterer Zuwachs realistisch erscheint. Fahrradstraßen trennen den Auto- und Lkw-Verkehr vom Radverkehr und beschleunigen den Radverkehr in separaten Nebenstraßen. Sind die auch in Bielefeld denkbar? Strößenreuther: Ja, Fahrradstraßen passen in jede Stadt über 5.000 Einwohner, also auch nach Bielefeld. Choryan: Es gibt bereits einige Fahrradstraßen in Bielefeld, die bisher allerdings – bis auf eine Ausnahme – für den Kfz-Verkehr freigegeben sind. Der ÖPNV in Bielefeld könnte ausgebaut werden. Eine gute Idee? Strößenreuther: Ja, aber der ÖPNV muss beweisen, dass er CO2-effizienter wird, da geht noch viel, wie ich als Energie-Auditor bei zig ÖPNV-Unternehmen festgestellt habe. Dann dauert es lange und ist nicht günstig. Billiger, schneller und cleverer ist es, den flächeneffizienten Radverkehr auszubauen. Choryan: Aufgrund des gesteigerten Mobilitätsbedürfnisses muss der ÖPNV ausgebaut werden, um weiterhin das Rückgrat der innerstädtischen Mobilität zu sein. Wer mehr Radverkehr will, muss auch mehr Parkplätze für Fahrräder bauen. Wohin damit? Strößenreuther: Parkplätze brauchen ein Upgrade: Aus einem Pkw-Parkplatz lassen sich schnell 15 Fahrrad-Parkplätze machen. Da findet sich in jeder Stadt genügend Platz. Choryan: Wenn man von einer Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer spricht, ist es wichtig, vorhandenen Raum zu nutzen, um allen Verkehrsteilnehmern Fläche zu bieten. Hier wäre aus Sicht der Verwaltung eine Möglichkeit, Parkflächen für den Radverkehr zu schaffen, und den ein oder anderen Pkw-Stellplatz somit entfallen zu lassen. In Berlin wurden Auto-Parkplätze an Kreuzungen weggenommen, an deren Stelle kommen Fahrradparkplätze. Ist das ein Modell für Bielefeld? Strößenreuther: Ja, denn es macht die Kreuzungen übersichtlicher und erleichtert allen beim Abbiegen das rechtzeitige Gucken. Alle können sich so sicherer für sich und die anderen verhalten. Choryan: Vor allem in Wohnquartieren, in denen für Fahrräder und gerade auch für schwerere Pedelecs und Lastenräder wenig Platz für sichere Abstellmöglichkeiten vorhanden sind, beispielsweise im Bielefelder Westen, ist dies durchaus denkbar. Die Kreuzungen würden so auch von Falschparkern freigehalten. Die Ampelschaltungen in Bielefeld sind eher fahrradunfreundlich. Geht's auch anders? Strößenreuther: Klar, nach Jahrzehnten grüner Welle für Autos sind nun nicht zuletzt aus Klimagründen grüne Wellen für Radler angesagt. Wenn das "rote Welle" für Autofahrer heißt, merken die mal, wie Radfahrer jahrzehntelang diskriminiert wurden durch die grüne Welle für den Pkw - denn das ist immer eine rote Welle für die Radfahrer. Und ganz ehrlich: Man kommt mehr ins Schwitzen als Radfahrer, wenn man an der Ampel von Null wieder losstrampeln muss als ein Autofahrer, der mal kurz aufs Gaspedal tippt. Choryan: An Ampeln müssen jeweils alle Verkehrsteilnehmer berücksichtigt werden. An Fahrradampeln erhalten Radfahrer einen gewissen Vorlauf vor dem Kfz-Verkehr, um die Sicherheit zu erhöhen. An Kreuzungen wird, wenn möglich das indirekte Linksabbiegen angeboten. Zusätzlich soll nun vermehrt auf eine getrennte Signalisierung von Fußgängern und Radfahrern geachtet werden.

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