Alle einsteigen! Wenn die Dornbergerin Elisabeth (42)ihre Kinder durch die Stadt kutschiert, zieht der Tross alle Blicke auf sich. Nichts Besonderes ist das Familienrad für ihre Kinder und deren Spielfreunde. Hier geht die Fahrt fürs Foto wenige Meter über den Bürgerstieg zu Freunden ein paar Häuser weiter. Die Mutter sagt zudem, sie habe sich selbst gegen das Tragen eines Helms entschieden. Foto: Mike-Dennis Müller - © Mike-Dennis Mller / www.mdm.photo
Alle einsteigen! Wenn die Dornbergerin Elisabeth (42)ihre Kinder durch die Stadt kutschiert, zieht der Tross alle Blicke auf sich. Nichts Besonderes ist das Familienrad für ihre Kinder und deren Spielfreunde. Hier geht die Fahrt fürs Foto wenige Meter über den Bürgerstieg zu Freunden ein paar Häuser weiter. Die Mutter sagt zudem, sie habe sich selbst gegen das Tragen eines Helms entschieden. Foto: Mike-Dennis Müller | © Mike-Dennis Mller / www.mdm.photo

Bielefeld Zweitwagen adé? In Bielefeld kommen jetzt "Familien"-Fahrräder auf

Zur Kita, zum Tierpark und zurück – zwei Bielefelder Mütter haben sich für das Fahrrad als Familienkutsche entschieden. Hauptgrund ist für sie nicht die Nachhaltigkeit.

Bielefeld. Wenn Mutter Elisabeth aus Dornberg ihren Sohn an der Kita abholt, ist das für Passanten und Vorbeifahrende ganz großes Kino. Bis zu fünf Kinder kann die 42-Jährige mit ihrem Familienrad chauffieren. Auch Amanda Edler (30) zieht die Blicke auf sich, wenn sie mit zwei Kindern in der Fahrradkiste an der Uni vorfährt. Bei beiden Frauen ist das Spezialrad alltägliche Familienkutsche. Die Nachhaltigkeit sei zwar ein Pluspunkt, sagen sie. Doch überzeugt haben sie andere Vorteile. Es ist 14.30 Uhr: Der Kitatag ist für Benno (4) zu Ende. Mutter Elisabeth wartet mit dem Familien-Zweirad schon vor der Tür. Die meisten Eltern, sagt sie, fahren hier mit dem Auto vor. Der Fahrradständer ist leer. „Wir sind hier oft die einzigen, die mit dem Fahrrad kommen." Das ist gut 2,50 Meter lang, 60 Zentimeter breit. Im Kasten vor dem Lenkrad sitzt bereits der einjährige Mattis angeschnallt im Kindersitz. Der Sitz ist auf eine kleine Sitzbank im Inneren montiert. Daneben ist ein Bankplatz mit Anschnallgurt frei für den vierjährigen Benno. "Sonst hätten wir ein Zweitauto gebraucht" Weil die Fahrt heute ein paar Straßen weiter zu Freunden geht, sind auch noch Justus (4) und Johanna (5) in die Kiste geklettert – selbstständig über ein schmales Trittbrett an der Seite. Das schwere Rad steht dabei stabil auf dem breiten Ständer, der den Drahtesel auf beiden Seiten gleichzeitig abstützt. Dann geht die Fahrt los. Bis zu 43 km/h schnell fahre sie, sagt Mutter Elisabeth. Im ersten Jahr mit Familienrad sei sie rund zehn Kilometer am Tag gefahren. Neben den regelmäßigen Kita-Fahrten auch zum Kinderarzt in Gadderbaum, zu Spielfreunden der Kinder, zum Spielplatz oder zum Einkauf. Das bedeutet in Bielefeld auch viel Auf und Ab. „Ohne E-Antrieb würde es nicht gehen." Aufladen in der Garagesteckdose Im März 2018 hat die Familie das Lastenrad für 3.800 Euro angeschafft. „Sonst hätten wir ein Zweitauto gebraucht. Mein Mann ist mit unserem Auto beruflich viel unterwegs", erzählt Dornbergerin Elisabeth. Die 42-Jährige wollte lieber ein Familienrad – und hat es nie bereut. „Man kann damit überall direkt vorfahren, muss keinen Parkplatz suchen, und die Kinder müssen beim Ein- und Aussteigen nicht immer an- und ausgezogen werden. Es geht schneller los, ohne lange Wartezeiten." Das sei auch für die Kinder schöner. „Ich muss auch nicht zum Tanken fahren. Den Elektroakku lade ich zweimal die Woche in der Garage bei uns auf." Und bis auf einen Platten neulich würden keine Reparaturen fällig. Gewöhnungsbedürftig „Es ist auch wirklich gut zu fahren. Das einzige, woran man sich gewöhnen muss, ist eher einzuschlagen, weil das Vorderrad ja vor dem Kasten sitzt. Der Wendekreis ist anders als bei einem Standard-Rad." Amanda Edler ist deshalb die Fahrrad-Pilotin der Familie. Für ihren Mann sei die Handhabung ungewohnt, sagt sie. Edler entschied sich nach einem Totalschaden im Sommer 2017 gegen einen neuen Zweitwagen, für das Fahrrad. „Meine Schwägerin in Hamburg und meine Schwester in Berlin hatten beide solche Räder." "Das Familienrad ist insgesamt viel günstiger" Dabei ging es ihr nicht um Ökologie oder Schick. Am wichtigsten sei der Kostenfaktor gewesen. „Einen Kleinwagen zu kaufen ist teurer. Dazu kommen Tankkosten und Versicherung. Das Familienrad ist zwar auch über die Hausratsversicherung versichert, aber insgesamt viel günstiger." Auch Edler entschied sich für ein teureres Modell mit E-Antrieb. Sie müsse oft für Studium und Arbeit von Gellershagen den Berg hoch zur Universität, die Kinder gehen dort in die Kita. „Das Fahren sollte mir auch Spaß machen. Und für die Kinder ist die Fahrt ohnehin ein Erlebnis." Dadurch, dass die Kleinen vor einem säßen, habe sie immer alles Blick, könne einen Streit schlichten oder sich während der Fahrt unterhalten. Ein enormer Vorteil auch zum Fahrradanhänger, findet Edler. Förderungen von bis zu 1.000 Euro Die beiden Bielefelder Mütter haben sich jeweils für Räder einer niederländischen Marke entschieden. Außerdem gibt es Anbieter aus Dänemark. Je nach Modell können die Lastenräder bis zu 100 Kilo transportieren. Preislich geht es bei 1.700 Euro los – ohne E-Antrieb und Gedöns. Mit E-Antrieb, Regenschutzdach, großer Fahrradkiste sei man je nach Marke schnell bei 3.500 Euro, sagt Fahrradhändler Andreas Beusker, der sich seit 2015 an der Apfelstraße auf Lastenräder spezialisiert hat. „Das ist natürlich viel Geld, das man erstmal auf den Tisch legen muss." Die Nachfrage steigt dennoch. Viele Kunden seien Paare, ein wichtiger Faktor Fördermöglichkeiten, so Beusker. „Im Moment werden Lastenräder mit E-Antrieb von der Bezirksregierung Arnsberg gefördert, wenn man in einer Stadt wohnt, in der Stickoxidgrenzwerte überschritten werden." Bielefeld ist auf der Liste. 30 Prozent des Kaufpreises eines E-Lastenrads werden finanziert, Obergrenze sind 1.000 Euro. „Für Kunden ist das oft eine Entscheidungshilfe." "Bielefelder sind Radfahrer nicht gewohnt" Als Edler 2017 aufs Familienrad umstieg, gab es keine Förderungen, sie war ein Exot. „Inzwischen sieht man mehr dieser Räder im Stadtbild." Aber die Autofahrer rasten oft unnötig dicht an Familienrad und Kindern vorbei, sagt Mutter Elisabeth. „Die Bielefelder sind Radfahrer und radfahrende Kinder nicht gewohnt." Mehr Infos, Analysen, Porträts zur Mobilität in Bielefeld.

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