Eine Bielefelder Klinik wird von Patienten massiv kritisiert. - © Symbolfoto Pixabay
Eine Bielefelder Klinik wird von Patienten massiv kritisiert. | © Symbolfoto Pixabay

Bielefeld Bielefelder Gesundheitsexperte fordert mehr Rückhalt für Patienten

Es gab über 200 Reaktionen auf den NW-Bericht über Kritik von Klinik-Patienten, wir haben mit dem ehemaligen Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses des NRW-Landtags über ein schwieriges Thema gesprochen

Sebastian Kaiser
16.04.2019 | Stand 16.04.2019, 09:48 Uhr

Bielefeld. „Verunglückter Bielefelder muss fünf Tage auf OP warten", hieß in der letzten Woche ein Bericht auf nw.de. Weit über 200 Reaktionen hat es darauf gegeben. Viele Menschen erzählen von erschreckenden und bewegenden Erlebnissen im Krankenhaus. Sie sind nicht nur verärgert, sondern eher verunsichert und enttäuscht. Sie sagen: „Bitte, machen Sie das öffentlich." Die betroffene Klinik will am Mittwoch Stellung beziehen. Die Redaktion sprach mit Günter Garbrecht, bis 2017 Vorsitzender des Gesundheitsausschusses des NRW-Landtags, über ein schwieriges Thema. Herr Garbrecht, wundern Sie sich über solche Reaktionen? GÜNTER GARBRECHT: Nein. Es gibt kein Ventil dafür, dass solche Kritik bei den Krankenhäusern ankommt und zu Veränderungen führt. Bitte etwas genauer. GARBRECHT: Das Beschwerdemanagement in Kliniken ist schlecht ausgeprägt. Patientenfürsprecher sind nicht unabhängig genug. Sie stehen in den Diensten der Krankenhäuser, werden von diesen ernannt. Es braucht eine wirklich unabhängige Patientenberatung. Da sehe ich einen Mangel insgesamt, aber auch in jedem einzelnen Krankenhaus. "Das höre ich nicht zum ersten Mal" Sind die Zustände in Kliniken tatsächlich so, dass Menschen stundenlang warten, sich nicht ausreichend untersucht und vom Personal schlecht behandelt fühlen? GARBRECHT: Solche Situationen darf es eigentlich gar nicht geben. Doch ich höre das nicht zum ersten Mal. Was sind die Gründe? GARBRECHT: Wir haben die Notfallversorgung in Deutschland nicht gut organisiert. Die Finanzierung der Notfallaufnahmen ist zu gering, bleibt unter den Kosten. Zum Glück wird die Notfallversorgung zwischen Krankenhäusern, dem Rettungsdienst und den Ärzten im ambulanten Bereich nun neu geregelt. Aber es fehlt insgesamt an Personal. "Personalabbau und zu wenig Ausbildung" Was bedeutet das? GARBRECHT: Unter anderem hat das System der Fallkostenpauschalen zu einem Personalabbau geführt. Krankenhäuser haben zu Lasten des Personals Renditen sowie Investitionen erwirtschaftet und gleichzeitig zu wenig Fachkräfte ausgebildet. Im Gegensatz zu den Ärzten hat das Pflegepersonal, das gewerkschaftlich nur unterdurchschnittlich organisiert ist, seine Interessen nicht durchsetzen können. Manche Kliniken behelfen sich mit Zeitarbeitskräften. Doch die ungünstigen Dienstzeiten bleiben beim Stammpersonal hängen. "Das schafft Entlastung" Gibt es Aussichten auf Besserung: GARBRECHT: Ab 2020 soll die Pflege aus der Fallpauschale herausgelöst werden. Die Pflegekosten werden dann extra bezahlt. Das schafft Entlastung. Der wirtschaftliche Druck geht nicht mehr zu Lasten der Pflege am Bett. Zudem wollen die Kliniken wieder vermehrt ausbilden. Und dann gibt es weniger Beschwerden? GARBRECHT: Mehr Personal in der Pflege wird die Situation entlasten. Und mit wirklich unabhängigen Patientenberatern könnte man Vertrauen gewinnen. Sie könnten zwischen berechtigten Klagen und geringeren Beschwerden unterscheiden. Und sie könnten den Menschen das Gefühl geben, irgendwo aufgehoben zu sein. Offenbar glauben viele Patienten, dass nur noch die Medien für sie da sind. "Es geht nicht nur um den Ruf von Krankenhäusern" Sollen Medien über Patientenbeschwerden berichten. Oder gilt, dass medizinische Fälle nicht in die Öffentlichkeit gehören, da sie zu individuell sind, wie etwa die Ärztekammer meint? GARBRECHT: Das ist eine Gratwanderung. Es geht ja nicht nur um den Ruf von Krankenhäusern, sondern auch darum, dass es schwierig ist, junge Leute für den Pflegeberuf zu gewinnen, wenn negative Nachrichten im Vordergrund stehen. Andererseits: Viele Beispiele zeigen, dass öffentliche Kritik zu Verbesserungen führt. Lesen Sie auch: Israelische Forscher drucken Herz aus menschlichem Gewebe Mädchen kommt drei Monate nach seiner Schwester zur Welt

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