Urteil in der Hand: Der Rechtsstreit von Friedrich Püschel geht um einen manipulierten weißen VW Tiguan. Hier zeigt Thomas Püschel das Papier. - © Kurt Ehmke
Urteil in der Hand: Der Rechtsstreit von Friedrich Püschel geht um einen manipulierten weißen VW Tiguan. Hier zeigt Thomas Püschel das Papier. | © Kurt Ehmke

Bielefeld 79-Jähriger bezwingt in Bielefeld den VW-Konzern

Im Dieselskandal gibt es immer wieder Urteile zugunsten der Geschädigten - und nach der Berufung kommt dann das Gespräch hinter geschlossenen Türen

Kurt Ehmke
15.04.2019 | Stand 15.04.2019, 07:50 Uhr

Bielefeld. Friedrich Püschel hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Vielleicht liegt das in seiner Natur, vielleicht haben den Mann viele Jahre hinter dem Lenkrad als Lkw-Fahrer geprägt. Ein harter Job, einer, der eine kleine Rente zur Folge hat. Von dieser und Erspartem gönnte sich der 79-Jährige 2015 einen fast neuen VW Tiguan. „Es sollte mein letztes Auto sein", sagt der Rentner. Nicht träumen lassen, dass er vor Gericht zieht Damals hätte er sich nicht träumen lassen, dass er einmal vor Gericht zieht – und schon gar nicht in dieser Dimension: Friedrich Püschel gegen den VW-Konzern. Ist er aber – und hat gewonnnen. "Bröckchenhaft kam eines zum anderen" Als es 2016/17 hoch herging beim Thema Schummelsoftware dachte sich Friedrich Püschel: Mal nachfragen bei VW. Und es kam heraus: Ja, diese Fahrgestellnummer ist betroffen. Das vielzitierte Software-Update im November 2016 gab es auch, doch schnell war klar: Der Mann hatte sein altes Wohnmobil, eine Dreckschleuder, gegen eine neue Dreckschleuder ausgetauscht. „Bröckchenhaft kam da ja eins zum anderen – auch über die Medien", sagt Thomas Püschel. Ärgerlich für seinen Vater: Der VW Tiguan passte eigentlich perfekt zu ihm und seiner Ehefrau, er zog den neuen Wohnwagen wunderbar nach Italien und zurück – aber eben als Dreckschleuder. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mein Wohnmobil wahrscheinlich behalten", sagt Friedrich Püschel. "Mein Vater hat sich alleine auf den Weg gemacht" „Mein Vater hat sich dann 2017 auf den Weg gemacht, ganz alleine", sagt Sohn Thomas. Anwälte in Düsseldorf suchte sich Püschel senior, die Rechtsschutzversicherung hatte signalisiert, dass sie mitzieht. Sammelklagen kamen erst später auf. Im Januar 2018 forderten Püschels Anwälte Schadenersatz. Sohn Thomas schaute immer wieder einmal auf das, was da alles so schriftlich kam – „aber letztlich ist mein Vater den Weg alleine gegangen", sagt er. Das nötigt ihm Respekt ab. „Aber so sind wir drei Kinder erzogen worden – es sollte immer schön gerecht zugehen." Und weil das im Leben von Friedrich Püschel ein wichtiger Punkt ist, stieg der 79-Jährige alleine gegen den Riesen VW in den Ring. Im März 2019 kam es zur Verhandlung am Landgericht Bielefeld. Püschel bekam Recht Und Püschel bekam Recht. Wie andere vor ihm auch schon. Insbesondere Einzelklagen sorgen am Landgericht Bielefeld zu Dutzenden Klageeingängen jeden Monat. Überwiegend wird zugunsten der Kläger geurteilt, danach ist das Prozedere meist baugleich: VW legt spät Berufung ein, beim Oberlandesgericht Hamm gingen in den vergangenen Monaten oft etwa 50 Berufungen monatlich ein. Urteile aber sind selten. Denn: VW einigte sich vermutlich hinter den Kulissen mit den Klägern – durch das In-die-Länge-Ziehen aber stiegen die Chancen auf Zermürbung der Kläger und geringere Belastungen des Konzerns, mutmaßen Experten. Kurios: Verkäufer ist selbst VW-Mitarbeiter Friedrich Püschel muss sich auf Ähnliches einrichten. Seine Anwälte haben ihm das auch schon so angedeutet. Doch er sieht das gelassen. Erst einmal hat er auf dem Papier den Anspruch an VW über mehr als 20.000 Euro – annähernd identisch mit dem Preis, den er 2015 an einen privaten Verkäufer für das wenige Monate alte Auto gezahlt hatte. Der private Verkäufer – kurioserweise ein VW-Mitarbeiter – ist vom Prozess nicht berührt, die Klage gilt dem VW-Konzern, der mit seiner sogenannten Schummelsoftware VW-Käufern einen Schaden zugefügt hat – „sittenwidrig und vorsätzlich", wie das Gericht klarstellt. "Sollen schmutziges Auto einfach zurücknehmen" Nun also wartet der ehemalige Lkw-Fahrer auf das, was kommt. Nachtragend ist er dabei nicht, er fühlt sich im Recht und hat dieses nun auch zugesprochen bekommen. Und er macht auch keinen Hehl daraus, dass sein nächstes Auto gerne wieder ein VW sein soll. Dann aber als wirklich letztes Auto in diesem Leben. „Der Tiguan hat eine gute Einstiegshöhe, als Diesel verbraucht er nicht zu viel und schafft den 1.700-Kilo-Wohnwagen richtig gut; er ist das richtige Auto für uns", sagt Püschel. Nur einfach mal so wieder einen neuen VW kaufen, das kann und mag er sich nicht leisten. „Ich bin langjähriger VW-Fahrer und hoffe auf ein Entgegenkommen des Konzerns, er sollte das Urteil akzeptieren und das schmutzige Auto jetzt zurücknehmen." Sauberer soll das Auto schon sein Denn: Sauberer sollte das letzte Auto von Friedrich Püschel eben auch sein. Das ist dem Rentner schon wichtig.

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