Theaterspielen ist gelebte Integration: Valter de Almeida, Ayas Kalash und Manal Muradko (v.lii.) stellen in der Komödie des Bielefelder Autors Walter Blohm ihr schauspielerisches Talent unter Beweis - © Antje Doßmann
Theaterspielen ist gelebte Integration: Valter de Almeida, Ayas Kalash und Manal Muradko (v.lii.) stellen in der Komödie des Bielefelder Autors Walter Blohm ihr schauspielerisches Talent unter Beweis | © Antje Doßmann

Bielefeld Hintergründig und komisch: Mobiles Theater zeigt Treffpunkt der Geflüchteten

Manfred Templins Inszenierung von Walter Blohms "Die Haltestelle" im Mobilen Theater widmet sich mitfühlend den Herausforderungen des Alters und des Fremdseins

Antje Doßmann
11.03.2019 | Stand 11.03.2019, 00:04 Uhr

Bielefeld. Friedericke Riepe (Gisela Hoyer) war einmal eine gefeierte Violinistin. Nun lebt sie in der Villa Abendfrieden und hat ihre "Durcheinandertage". Dann packt sie ihre Siebensachen in einen Koffer und setzt sich an die Haltestelle vor dem Haus, um auf einen Bus zu warten, der nie kommt. Auch ihr erst leiser, dann lauter Verehrer Klaus Petermann (Malte Heygster) ist von diesem Fluchttrieb nicht frei. Jedoch wird auch er regelmäßig von Heimleiter Ewering (Karl Pühmeyer) einkassiert und zurückgeführt zu  Abendessen, Räson und früher Schlafenszeit. Eskapaden sind im Seniorenstift unerwünscht, Schäferstündchen im Grünen erst Recht. Ein Elend. Eher zum Heulen als zum Lachen ist das vom Bielefelder Autor Walter Blohm verfasste und als Komödie etikettierte Gesellschaftsstück "Die Haltestelle" in den ersten Momenten. Uraufgeführt wurde es jetzt vom Mobilen Theater. Aber so ist nun einmal die Lage und das Altenheim eine Tatsache, an der für Friedericke und Klaus kein Weg und keine Buslinie vorbeiführt. Dennoch ist die absurde Haltestelle vor dem Haus ein wichtiger Ort. Wen es dorthin zieht, hat noch Leben in den Knochen und Sehnsucht im Herzen. Kein Zufall, dass die beiden Abendfriedenstörer  genau dort auf drei junge  Geflüchtete stoßen, die das überdachte Häuschen als nächtliche Notunterkunft nutzen, nachdem ihre vorherige Bleibe vom Mob abgefackelt wurde. Intellekt gegen vulgäre Dummheit Auf der ständigen Flucht vor zwei bewaffneten Menschenjägern (Norbert Ruppik und Harald Kleine Kracht), Fußvolk der "Egalitären", lernen Senait (Manal Muradko), Rana (Oxana Rakosy), Teklit (Ayas Kalash) und Amir (Valter de Almeida) bei den beiden "in Altershaft Genommenen" Grundlagen der deutschen Sprache. Pflanzennamen als Balsam für die Seele, Kraftausdrücke zur Abwehr des Pöbels. "Denk ich an Deutschland in der Nacht", seufzt Klaus einmal Heine-bitter, bevor Friedericke ihn ermahnt, sich seine "Bildungskalauer" zu sparen. "Erst wenn die Geflüchteten diese Zeilen verstehen", so Klaus hartnäckig, "ist ihre Integration geglückt." Wunderbar, wie konsequent  das Stück ihm Intellekt zuschreibt, während auf der Haben-Seite der "Egalitären" nur rohe, vulgäre Dummheit verzeichnet wird. Dazwischen nicht von ungefähr die sozialpolitische Ebene in Gestalt der auch eigene Interessen verfolgenden Referatsleiterin Dr. Ophoff (Violeta Gomez), die immerhin für ein halbwegs glückliches Ende der zeitkritischen Farce sorgt.  In der von Albrecht Stoll mit originellen Liedern, die Referenzen an Klassik und Popmusik erkennen lassen, reich ausgeschmückten Komödie sorgen darüber hinaus drei nordische Nornen für schicksalhaften Feinschliff. Christel Brindöpke, Sabine Korfmacher und Ulrike Fautek leihen den Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verkörpernden Frauenfiguren ihre sicheren, kraftvollen Stimmen. Und das ist, wie das gesamte Stück, ein feiner Genuss. Die nächste Vorstellung im Theater an der Feilenstraße 4 findet am  23. März statt.

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