Im Plenarsaal: Die Bundestagsabgeordnete Wiebke Esdar ist Neuling in Berlin. Seit einem Jahr ist sie Mitglied der Großen Koalition. - © Frederic Cordes
Im Plenarsaal: Die Bundestagsabgeordnete Wiebke Esdar ist Neuling in Berlin. Seit einem Jahr ist sie Mitglied der Großen Koalition. | © Frederic Cordes

Bielefeld Porträt: Die Bielefelder Bundestagsabgeordnete Wiebke Esdar

Vor einem Jahr haben CDU und SPD den Koalitionsvertrag unterschrieben. Die Abgeordnete Wiebke Esdar hatte als eine von wenigen dagegen gestimmt. Wie erging es ihr damit? Ein Porträt über eine 35-Jährige, die im Bundestag nicht klein beigeben will

Andrea Rolfes
02.03.2019 | Stand 01.03.2019, 21:36 Uhr

Bielefeld. Es schellt - laut, lange und nervtötend. Das, was sich anhört wie ein altes Telefon, das keiner abnimmt, sind die Abstimmungsklingeln auf den Fluren aller Bürogebäude des Bundestages. Es ist ein Signal für die Abgeordneten: "Lasst alles stehen und liegen und eilt herbei!". Konferenzen, Sitzungen, Gespräche werden unterbrochen. Alle machen sich auf den Weg zum Plenarsaal. Eine namentliche Abstimmung wird verlangt. Die geht vor. Immer. Die Bielefelder Bundestagsabgeordnete Wiebke Esdar kennt das längst. Schnell greift sie die wichtigsten Dinge und steuert Richtung Sitzungssaal. Heute ist ein Tag, an dem es hektisch zugeht. Es ist Sitzungswoche. Esdars Termine sind eng getaktet. Morgens beginnen die Veranstaltungen um 8 Uhr, abends geht die letzte Sitzung um 22 Uhr zu Ende. Gestern wurde es 3 Uhr nachts - auch keine Ausnahme. Neun Mitarbeiter sorgen dafür, dass sie den Überblick behält. Bundestagsabgeordnete brauchen Sitzfleisch: Klausurtagungen, Arbeitskreise, Fraktionssitzungen, Ausschüsse und wieder von vorne. »Man darf seinen Kompass nicht verlieren« Hinzu kommen Gespräche mit Journalisten, Bürgeranfragen, Reden schreiben, Nachrichtenlage checken. Da ist Ausdauer gefragt. "Über meine Arbeitszeiten würde ich mich aber nie beschweren," sagt sie. Stattdessen hat die 35-Jährige ihre Gewohnheiten geändert. Bisher verzichtete sie auf Koffein und trank Tee. Nun sitzt sie in der Cafeteria des Bundestages und bestellt einen Cappuccino. Zu Abstimmungen in den Plenarsaal muss sie heute nicht mehr. Dafür hat sie in einer halben Stunden einen anderen Termin. Ein Berufsschüler aus Bielefeld hat ein WhatsApp-Interview angefragt. Esdar hat zugesagt. Es geht um ein Referat zum Thema Politik, das der junge Mann im Unterricht halten muss. Schlafmangel, Stress und Hektik zum Trotz ist die Bielefelderin begeistert von ihrem neuen Amt. Sie sitzt für die SPD im größten Parlament, das in Deutschland jemals existiert hat. 709 Abgeordnete, 230 davon neu. Eine davon ist die Bielefelderin. 35 Jahre jung, klug - und stur. Dafür ist sie inzwischen bekannt. Skeptikerin der Großen Koalition Esdar gilt als Skeptikerin der Großen Koalition. Im März ist es ein Jahr her, dass CDU und SPD den Vertrag besiegelten. Damals machte Esdar deutschlandweit von sich Reden. Gerade frisch in den Bundesvorstand ihrer Partei gewählt, stimmte sie gegen die Zusammenarbeit mit der CDU im Bundestag. 45 SPD-Mitglieder waren damals stimmenberechtigt, nur vier von ihnen wagten diesen Schritt. Das ließ die Parteispitze aufhorchen. Einschüchtern lässt Esdar sich nicht. Mit Druck könne sie als Psychologin umgehen, sagt sie. "Da bin ich selbstbewusst genug." Mit der Großen Koalition habe sie seit dem Tag der Entscheidung ihren Frieden gefunden. "Es gehört dazu, die Mehrheitsmeinung zu akzeptieren." Kritisch bleibt sie trotzdem: "Wir haben zugelassen, dass die gesamte Arbeit der Regierung überlagert wurde von dem Streit zwischen Merkel und Seehofer." Letztlich hätten nur diejenigen profitiert, die die Demokratie verächtlich machen. "Da haben auch wir als SPD keine gute Figur gemacht." Eine Abstimmung gegen den Strom braucht Mut. Den bewies Esdar auch, als sie in zwei Fällen anders abstimmte, als die Mehrheit ihrer Fraktion. Als Abweichler gelten die Abgeordneten dann. Esdar war das klar. Sich treu zu bleiben, war ihr wichtiger. "Man darf seinen Kompass nicht verlieren", sagt sie. "Und vor allem nicht klein beigeben." In einer Sache ging es um die Begrenzung des Familiennachzuges für Flüchtlinge. Ihre Begründung für die Ablehnung: "Das Unterbinden von Familiennachzug widerspricht ethischen und christlichen Grundprinzipien." Wiebke Esdar hat eine Meinung und sagt sie auch. Das hat sich nach einem Jahr Arbeit in der Großen Koalition nicht geändert. Geschadet hat es ihr nicht. Esdars Meinung wird in der eigenen Fraktion geschätzt. Messen lässt sich das an den Ausschüssen, in denen sie Mitglied ist. Die promovierte Psychologin und ehemals wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni Bielefeld sitzt im Bildungs- und im Finanzausschuss. Zwei wichtige Gremien. Esdar will politisch gestalten. Etwas bewegen. Deswegen fordert die junge Frau mehr Tatkraft von ihren Mitstreitern im Bundestag. "Es herrscht zu viel Mutlosigkeit in der Politik". Esdar macht sich stark für ein neues politisches System im Bundestag: Das Arbeiten mit wechselnden Mehrheiten. "Dann ginge es wirklich darum, andere in den Debatten mit Argumenten zu überzeugen." Verbündete im Bundestag gesucht Als Neuling im Bundestag - und dann noch als junge Frau - falle es mitunter schwer, gehört zu werden. Auch deswegen hat sie sich Verbündete gesucht. Zwölf neue und junge SPD-Abgeordnete haben sich zusammengetan und sich mit einem Thesenpapier zum Erneuerungsprozess der Sozialdemokratie zu Wort gemeldet. Einige Punkte haben es in die "Sozialstaatsreform 2025" geschafft. Zum Beispiel die Forderung nach einer transparenten und lebensnahen Neuberechnung des Existenzminimums. Das Thema macht aktuell unter dem Begriff "Bürgergeld" Schlagzeilen - eine neue Grundsicherung statt Hartz IV. Auch ein anderer Vorschlag der jungen Gruppe kam gut an und findet sich im Programm wieder: Bürgerlotsen in Behörden, die unbürokratisch und schnell helfen. Esdar motiviert das: "Es macht Spaß, wenn wenn man merkt, dass man mitgestalten kann."

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