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Am Rande des Wahnsinns: Im Straßenverkehr führen sich viele Menschen auf als gäbe es kein Morgen mehr. Egoismus pur. - © "Jens Schierenbeck/dpa/gms
Am Rande des Wahnsinns: Im Straßenverkehr führen sich viele Menschen auf als gäbe es kein Morgen mehr. Egoismus pur. | © "Jens Schierenbeck/dpa/gms

Kommentar Tägliche Tiefschläge im Bielefelder Verkehr

In Bielefeld ist es zum Wahnsinnigwerden: Die Leute laufen, radeln und fahren mit einem Egoismus vor sich hin, dass es irritiert.

Kurt Ehmke
13.02.2019 | Stand 13.02.2019, 11:04 Uhr

Bielefeld. Ein Busfahrer beklagt, dass Autofahrer sein Blinken ignorieren - und es deshalb immer wieder gefährlich werde. Ein Mädchen sei gerade erst mit Nasenbluten aus dem Bus gestiegen. Wir berichteten davon heute Mittag. Der Busfahrer, der rücksichtsloses Verhalten von Autofahrern bemängelt, drückt aus, was gefühlt permanent zunimmt: Egoismus in kaum fassbarem Umfang im Verkehr. Es folgt ein Kommentar, beginnend mit ein paar Eindrücken vor mir - ich gehe zu Fuß, fahre Fahrrad und Auto - aus wenigen Tagen. Verkehrt herum volle Pulle im Dunkeln ohne Licht Im Dunkeln kommt mir als Radfahrer ein Radfahrer entgegen. Ohne Licht. Auf der falschen Seite. Volle Pulle. Ein anderer Radler schneidet mich am Betheleck, als ich gerade wieder losradeln will, weil ich Grün bekommen habe. Mein erschrockener Ausruf "Man" wird mit einem Mittelfinger gekontert. Rot? Grün? Egal, Du Arschloch Als ich im Auto losfahren will, weil die Ampel Grün ist, latscht ein junger Mann bei Rot rüber, Kopfhörer auf, den Blick aufs Handy gerichtet, schneckengleich. Als ich mit dem Rad auf dem Radweg an der Kunsthalle dezent klingele, weil ein Fußgänger mittig auf dem Radweg spaziert, geht er weder zur Seite noch sonst irgend etwas passiert - aber ein "Arschloch" höre ich noch, als ich ihn überhole. Klingeln von Radfahrern, das habe ich gelernt, wird schnell als aggressiver Akt wahrgenommen. Neue Disziplin: iPad-auf-dem-Knie-Balancieren Und im Auto? Rote Ampeln zu überfahren ist Volkssport, bei 50-Meter-Gelb-Voraus wird allerorten Gas gegeben statt abgebremst. Wer mal ein Auto im Stadtverkehr überholt, sieht konstant Menschen mit Handy in der Hand, der Blick geht überall hin, nur nicht auf die Straße. Eine junge Frau balancierte neulich neben mir auf der Artur-Ladebeck-Straße sogar ein iPad auf den Knien, tippte irgendwas und schlingerte so vor sich hin. Extrabreit ist das Viagra des XXL-Auto-Fahrers Von Paketdiensten und Taxis mal ganz zu schweigen. Dass sie keine 30er-Anzeige auf ihrem Tacho haben gehört sicher zum Berufsethos. Oder das Übersehen der Zahlen 3 und 0 gehört zur Ausbildung. Wo geparkt und gehalten werden darf, lernen sie vermutlich in Ländern ohne Straßenverkehrsordnung. Apropos Parken: Extra breit steht bei Autofahrern nicht nur synonym für Viagra - es steht auch für extraignorant. Am schönsten ist es doch halb quer auf zwei Parkplätzen zu stehen, damit die extra breiten Reifen so richtig cool zur Geltung kommen. Irgendwie ist das dann doch zu komplex Ist da noch irgendwer neben mir in dieser Stadt? Das beantwortet so mancher Bielefelder im Straßenverkehr eindeutig mit "Die Frage ist mir zu komplex." Nicht zu komplex ist aber diese Erkenntnis aus der Wissenschaft: Es gibt laut einer Studie der Uni Dresden signifikant prozentual mehr Anzeigen gegen Fahrer großer Fahrzeuge. Nach dieser gibt es aber auch nicht mehr Aggro-Delikte im Verkehr. Es werde aber auch drastisch weniger kontrolliert. Hmm. Das Gefühl aber sagt, dass alle spürbar dünnhäutiger unterwegs sind. Auch ich. Manchmal.

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