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Bielefeld/Auschwitz Was ein Besuch in Auschwitz in Bielefelder Schülern auslöst

Konzentrations- und Massenvernichtungslager: Jugendliche berichten von ihren persönlichen Erfahrungen beim Besuch des Lagerkomplexes, ihren Eindrücken und Gefühlen zwischen Hilflosigkeit, Wut und Tatendrang. Die eigenen Großeltern waren zur Zeit der Judendeportation kleine Kinder

Ivonne Michel
13.02.2019 | Stand 13.02.2019, 11:02 Uhr

Bielefeld/Auschwitz. Am schlimmsten war der Raum mit den Haaren und den Koffern. "Da mussten viele von uns weinen", sagt Patricia (17). Aus Zahlen seien plötzlich einzelne Menschen und ganz konkrete Schicksale geworden. Die 17-Jährige und ihre Klassenkameraden waren jetzt mit dem Geschichtsleistungskurs der Marienschule in Auschwitz und Birkenau. Was genau werden wir sehen? Was wird das mit uns machen? Welche Gefühle kommen da hoch?, haben sich die Jugendlichen vor der Reise gefragt. Vorbelastet: Die ehemalige Schindler-Fabrik haben sie besucht und die Adler-Apotheke, in der Juden mit Medikamenten versorgt und auch versteckt wurden. "Als ein älteres Ehepaar dort gemerkt hat, dass wir Deutsche sind, haben sie uns mit verachtendem Blick gestraft und umgehend die Apotheke verlassen", berichtet Lea (18). Auch wenn alles schon lange her ist, die eigenen Großeltern damals noch kleine Kinder waren, sei die Schuldfrage heute immer noch präsent. "Und die Massenvernichtung ist trotz aller Aufklärung immer noch ein Thema, über das oft geschwiegen wird", ergänzt Max (17). Man habe immer Angst, sich irgendwie falsch auszudrücken, bloß politisch korrekt zu bleiben. Deshalb sei es so wichtig, dass man sich immer wieder mit dem Thema beschäftige. Viele Fragen: Wie genau soll man darüber sprechen? Was genau ist unser Teil an diesem Abschnitt der Geschichte? Was können wir heute tun, wie Verantwortung übernehmen, auch wenn wir da ja gar nichts für können? Wie konnte es überhaupt soweit kommen? Und letztendlich: Wie hätten wir uns damals verhalten? Schwierige Fragen, die alle noch immer mit sich herumtragen. "Es ist wichtig, dass wir nie aufhören, darüber zu sprechen", sagt Merit (17). Vor allem, wenn bald auch die letzten Zeitzeugen nicht mehr da sind. "Es ist wichtig zu wissen, dass wir nicht schuldig oder verantwortlich dafür sind, was damals passiert ist", sagt Sarah (17), "aber dafür, dass wir uns dafür einsetzen, dass so etwas nie wieder vorkommt." Von der Rampe in die Gaskammer: Es habe sich ganz komisch angefühlt, jetzt mit dem Kurs von der Rampe aus den gleichen Weg wie die Menschen damals zu gehen. Dort zu sein, wo die Deportierten von den SS-Ärzten "selektiert" wurden. Alte, Kranke und auch viele Kinder kamen direkt in die Gaskammer - ohne zu wissen, was ihnen bevorsteht. Trotz intensiver Vorbereitung im Unterricht sei Auschwitz doch "immer irgendwie weit weg gewesen", sagt Patricia. Was sie dort erwartet, haben sie sich alle nicht wirklich vorstellen können. Mit einem mulmigen Gefühl ging's auf den Weg. "Als wir dann durch das Tor gegangen sind, kam plötzlich der Bezug zur Realität." Überall an den Seiten hingen Porträts von den Häftlingen, "als würden sie uns direkt ins Gesicht starren". Aus Massen werden Menschen: Die Menschenmassen seien kaum zu begreifen. Durch ihre Haare, ihren Schmuck und ihre Koffer, die in einem Raum in Vitrinen ausgestellt sind, seien die Massen zu Menschen und individuellen Schicksalen geworden. Und gleichzeitig sei alles so unbegreiflich und unreal. "Wenn man vor den Öfen im Krematorium steht, kann man nicht fassen, was da wirklich passiert ist", sagt Melanie (18). Eine große Hilflosigkeit überkomme einen bei all den schlimmen Eindrücken. Unrealer Mikrokosmos: Trotz aller Grausamkeit hätten die Orte doch etwas friedliches. Gleichzeitig spüre man, dass irgendetwas nicht stimmt. Auschwitz sei ein unrealer Mikrokosmos, der mit nichts zu vergleichen sei. Mehr Respekt bitte: Als unverständlich und respektlos haben die Jugendlichen das Verhalten von anderen Besuchern empfunden. Viele hätten im Lager wie Models gepost und Selfies gemacht, als seien sie bei einer Touristenattraktion. In der Kinderbaracke im Vernichtungslager Birkenau seien die Wände mit Herzen, Sprüchen oder Hakenkreuzen beschmiert. "Wir haben dort auf der Rampe für die Opfer und gegen das Vergessen gebetet", berichten die Jugendlichen. Wut und Tatendrang: Was sie gesehen haben, macht die Schüler auch wütend. Auf Personen, die den Holocaust leugnen. Und man begreife einfach nicht, was Rechte bewegt, wieder in die Richtung zu tendieren. Es sei einfach überhaupt nicht zu verstehen, warum Menschen so krass anders denken. "Aber irgendwie wächst auch der Tatendrang", ergänzt Malin (17). "Es gab immer auch eine Form des Widerstands." Eltern und Großeltern: Dass auch Eltern forderten, man müsse unter diesen Teil der Geschichte doch jetzt mal einen Schlussstrich ziehen, können die Jugendlichen nicht nachvollziehen. "Ich habe mit meiner Oma über den Besuch gesprochen", berichtet Luisa (18). Sie habe damals auf dem Land gelebt, der Vater war in Kriegsgefangenschaft. "Sie war sehr interessiert", sagt Luisa. Was bleibt: Es sei auf jeden Fall die richtige Entscheidung gewesen, nach Auschwitz zu fahren, so die Jugendlichen. "Die Bilder werden uns noch lange begleiten", der Besuch ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Keine Angst haben vor dem Thema, nie aufzuhören, darüber zu sprechen und dafür einzutreten, dass aufkeimende Tendenzen in der Richtung keine Chance haben, ist ein Fazit. "So abgedroschen, wie sich das vielleicht anhört", sagt Luis (17).

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