Eine Geistersiedlung: Zwischen Kuhlenweg und Stedefreunder Straße stehen die Häuser noch - sie werden später plattgemacht. - © Wolfgang Rudolf
Eine Geistersiedlung: Zwischen Kuhlenweg und Stedefreunder Straße stehen die Häuser noch - sie werden später plattgemacht. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Der große Bielefelder Giftmüll-Skandal

Skandal: 630 Altdeponien gibt es in der Stadt, eine erlangt 1983 traurige Berühmtheit. Bei Aushubarbeiten kommt giftiger Schlamm ans Tageslicht. Der Skandal beschäftigt die Bielefelder heute noch, auch wenn nur noch wenig an die Katastrophe erinnert

Ariane Mönikes
08.02.2019 | Stand 07.02.2019, 21:39 Uhr

Bielefeld. Ein grüner Fleck mitten in Brake, unweit der Grenze zu Herford gelegen: Idyllisch, könnte man meinen. Rund um das Gelände zwischen dem Kuhlenweg und der Stedefreunder Straße stehen Einfamilienhäuser, Autos fahren hier nicht viele lang. Doch die Idylle ist trügerisch: 1983 hatten ahnungslose Siedler hier Einfamilienhäuser gebaut - auf Giftmüll. Chrom, Quecksilber, Nickel, Kohlenwasserstoffe, alles lagerte hier. Über Jahre wurden Abwässer und Schlämme aus der metallverarbeitenden Industrie in die Tonkuhlen gekippt. Der Braker Giftmüll-Skandal ging in die Geschichte ein. Heute erinnert kaum noch etwas an die Katastrophe, ein Maschendrahtzaun riegelt das 3,2 Hektar große Areal ab. Immer wieder wurde darüber diskutiert, das Gelände für die Öffentlichkeit freizugeben. Das wird aber erstmal nichts, sagt Martin Meier vom Umweltamt. Die Deponie ist eingekapselt, die technischen Anlagen werden regelmäßig von Meier und seinen Kollegen überwacht. Das Gelände müsste hergerichtet und unterhalten werden, wenn es denn freigegeben werden soll. Bislang scheiterte das am Geld. Die Pläne liegen auf Eis - vorerst. Sicher aber ist: "Der Reaktor Deponie ist tot", sagt Meier. Für 80 bis 100 Jahre mindestens, sagt er. Dann werde die Sache neu bewertet. Nächstes Jahr geht Meier in den Ruhestand. Dann gibt es niemanden mehr bei der Stadt, der von der ersten Stunde an so nah dran war am Giftmüllskandal wie er. Meier war damals beim Garten-, Forst- und Friedhofsamt, Abteilung 67.4, erzählt er. "Im September 1983 kam ich ins Spiel", sagt er. Damals war ein Bagger bei Ausschachtungsarbeiten auf die stinkende Brühe gestoßen. "Je tiefer gebuddelt wurde, desto mehr hat's gestunken", erinnert sich Meier. »Es gab auch viel Neid untereinander« Eine Ziegelei hatte bis in die 60er Jahre aus den dortigen Tonkuhlen Steine produziert. Später kippten dort Müllspediteure ihre giftige Fracht ab. Das Gelände wechselte mehrfach den Besitzer, 1973 wird es als Bauland verkauft, 1977 wird eine Firma aus Hameln Eigentümerin. 1983 stehen schon 27 Häuser, 25 weitere sind geplant. Am 20. September führt ein Bauherr seine Baugrube der Öffentlichkeit vor: Brake gerät in die Schlagzahlen. Der Braker Heinz Kossiek (79) hat damals alles hautnah miterlebt. Er ist seit 1966 Ortsheimatpfleger in Brake, "der dienstälteste von Nordrhein-Westfalen", sagt er. Er will gar nicht unbedingt, dass das Deponie-Gelände geöffnet wird. "Das Gelände ist so groß und hügelig, hier könnte sich jemand von den Älteren verletzen", sagt er. Man merkt schnell, die Braker haben keine guten Erinnerungen an damals. "Es gab auch viel Neid untereinander", sagt Kossiek. Die Siedler wurden entschädigt, andere, in unmittelbarer Nähe der Deponie, mussten mit dem Wertverlust ihrer Häuser leben. "Es wollte keiner mehr nach Brake", sagt Meier. Sogar Toiletten aus der Geistersiedlung wurden versteigert Martin Meier war damals fast täglich vor Ort. "Die Menschen waren panisch", sagt er. "Wir mussten sie erstmal beruhigen." Er spricht von einem Szenario, das man so nicht kannte. Die Verwaltung sei heillos überfordert gewesen. "Wir wussten, wie wir mit Umweltunfällen umgehen, aber nicht mit verseuchtem Boden in einem Wohngebiet", sagt er. Als letztes Kapitel eines Giftmüllskandals, der über Ostwestfalen hinaus bundesweit für Furore sorgte, sollte die Versteigerung des gesamten Inventars der Häuser stattfinden. Die Stadt wollte so zumindest den finanziellen Schaden begrenzen. Am 10. Juni jährt sich die Veranstaltung zum 30. Mal. Mit der Versteigerung beauftragt wird der Gütersloher Detlef Jentsch (77), wortgewandt und unkonventionell, der die Zuhörer fesselt, wenn er von Brake erzählt. Er versteigert an diesem Tag alles: Einbauküchen, Heizungskessel und Toilettenschüsseln. "Die Häuser wurden von Innen komplett entkernt", erinnert er sich. "Die Leute wollten Badezimmerfliesen haben." Sogar Toilettenschüsseln kamen unter den Hammer. Ein ehemaliger Hausbesitzer ersteigerte sogar die eigene Küche zurück, obwohl er bereits von der Stadt entschädigt worden war. "Geld stinkt nicht", habe er geantwortet, als das ans Licht kam, erzählt Jentsch. Nach der Versteigerung wurde die Siedlung abgebrochen Bereits eine Woche vor dem Auktionstermin können Interessierte die Siedlung und die zur Versteigerung kommenden Objekte besichtigen. Tausende nutzen die Gelegenheit, Brake ist an diesem Tag dicht. Jentsch: "Der gesamte Verkehr von Herford nach Bielefeld kam zum Erliegen." Er musste fast tausend Bieterkarten ausgeben, so groß war das Interesse an den Auktionsobjekten in der Geistersiedlung. Detlef Jentsch spricht heute noch von einer der ungewöhnlichsten Auktionen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. "Ich hätte auch Dächer versteigern können." Nach der Versteigerung wird die komplette Siedlung abgebrochen, die ehemalige Giftmülldeponie wird durch eine Spezialfirma mit tief in den Boden reichenden Betonwänden eingekapselt. 1991 wird die Deponie bepflanzt.

realisiert durch evolver group