Runterfahren und drüber sprechen: Die Burnoutgefahr aus dem Management sei im Familienalltag angekommen, berichtet Psychotherapeutin Juliane Stöve (40), selbst Mutter dreier Kinder. Was man tun kann, um nicht in die Spirale zu kommen, vermittelt sie jetzt in einem neuen Elternkursus im Geburtshaus. - © Barbara Franke
Runterfahren und drüber sprechen: Die Burnoutgefahr aus dem Management sei im Familienalltag angekommen, berichtet Psychotherapeutin Juliane Stöve (40), selbst Mutter dreier Kinder. Was man tun kann, um nicht in die Spirale zu kommen, vermittelt sie jetzt in einem neuen Elternkursus im Geburtshaus. | © Barbara Franke

Bielefeld Burnout in Bielefeld: Wenn "glückliche" Eltern die Maske fallen lassen

Familienleben: Immer mehr Eltern stehen enorm unter Druck, so die Erfahrung von Psychotherapeutin Juliane Stöve. In einem neuen Kursus zeigt sie, wie man sich den herausfordernden Alltag leichter machen kann. Und was Pizza damit zu tun hat

Bielefeld. Klar läuft alles super: Kind, Karriere, Partnerschaft. Sich einzugestehen, dass doch nicht alles perfekt ist, man als junge Eltern manchmal fix und fertig ist und an die Grenzen seiner Kräfte stößt, fällt vielen schwer. "Aber es ist für viele ein ganz großes Thema", sagt Psychotherapeutin Juliane Stöve (40), selbst Mutter dreier Kinder im Alter zwischen zwei und 13 Jahren. Mit dem Perfektionismus sei auch die Burnoutgefahr aus dem Management in dem Familienalltag angekommen. Maske abnehmen Alle anderen kriegen das doch auch hin - dann muss ich das doch auch schaffen: "Vielen fällt es schwer, diese Maske fallenzulassen, sogar auch gegenüber Freunden und Verwandten", berichtet Stöve, die schwerpunktmäßig mit jungen Eltern arbeitet. Sich überhaupt zu trauen, die Maske mal abzunehmen sei ganz wichtig. Und von anderen zu hören, dass auch sie an ihre Grenzen stoßen. Soziale Medien als Druckfaktor Schnell noch ein neues Strahle-Foto posten, den tollen Geburtstagskuchen zeigen, noch eine WhatsApp-Nachricht schreiben: "Soziale Medien sind da ein riesiger Druckfaktor", sagt Stöve. Einige haben das aber bereits erkannt und eine Gegenkampagne initiiert: Dort wird gezeigt, wie?s im Alltag manchmal wirklich aussieht: Chaos in der Küche, schreiende Nervensägen oder die verpatzte Englischarbeit. Grenzen erkennen "Man liebt sein Kind, traut sich deshalb nicht zu sagen, dass es einen an seine Grenzen bringt", sagt Stöve. Sich das einzugestehen, nehme schon etwas vom Druck. Und sei Voraussetzung, sich Unterstützung zu holen. "Viele haben heute keine Großeltern mehr in der Nähe, da ist es wichtig, sich ein gutes Netzwerk mit anderen Eltern, Freunden oder Nachbarn aufzubauen", sagt Stöve. Burnout-Spiralen vermeiden Runterfahren sei ganz wichtig, so Stöve. Das gelinge für jeden auf unterschiedliche Art. "Der eine möchte ganz viel Zeit zusammen verbringen, der andere lieber alleine joggen gehen." Das müsse man beim Partner ansprechen, Verständnis, Raum und Toleranz schaffen. Im Präventionskursus zeigt Stöve, wie Muskelentspannung nach Jacobsen funktioniert. "Das tut gerade auch oft Männern gut", sagt sie. Sich regelmäßig Ruheinseln zu schaffen, könne einem Burnout vorbeugen. Anzeichen dafür seien Schlafstörungen, Antriebs- und Freudlosigkeit, bei manchen auch hoher Blutdruck und nervöse Reizbarkeit. Da sei professionelle Hilfe gefragt. Aber soweit müsse es nicht kommen. Ansprüche runterschrauben Alles aufgeräumt, die Kinder strahlen und sollen dann natürlich täglich ein gesundes Mittagessen bekommen - am besten in Bioqualität, aus regionalen Zutaten, frisch vom Markt. Es helfe, die eigenen Ansprüche runterzuschrauben, kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man auch mal eine Pizza in den Ofen schiebt. Auch die physische Kraft, die der Alltag gerade mit noch kleinen Kindern fordere, sei nicht zu unterschätzen. "Da ist der Körper unglaublich gefordert, man muss mit seinen Kräften haushalten, um das dauerhaft gut durchzustehen", sagt Stöve. Die Rolle des Vaters Sicher seien die Mütter größtenteils und gerade am Anfang diejenigen, die ihren bisherigen Alltag beim ersten Kind erst einmal komplett umstellen, beruflich kürzertreten. Aber auch für die Väter sei die Doppelbelastung heftig. Sie sind hohen Erwartungen ausgesetzt, auch von ihren Partnerinnen: "Im Beruf soll?s laufen, aber auch zu Hause ist die Unterstützung gefragt, da dürfen sie nicht zu spät kommen", sagt Stöve. Ihnen falle es häufig noch schwerer, da über Probleme und Ängste zu sprechen. Wenn es einem nicht gut geht, strahle das auf die ganze Familie aus. Die Zeit genießen Dass Eltern die Zeit mit ihren Kindern möglichst entspannt, zufrieden und bewusst genießen können, wünscht Stöve ihnen. Es auch mal laufen lassen können und zu akzeptieren, dass es auch mal stressig und eben nicht alles rosa ist. Und nicht permanent ein Fragezeichen mit sich herumzuschleppen, ob sie denn auch alles richtig machen.

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