Bielefeld aud der Luft: Die Großstadt Bielefeld wächst. - © Detlef Wittig
Bielefeld aud der Luft: Die Großstadt Bielefeld wächst. | © Detlef Wittig

Bielefeld Kommentar: Mit Wachstum kommt Verantwortung

Bielefeld boomt. Aber diese Entwicklung muss in richtige Bahnen geführt werden.

Andrea Rolfes

Bielefeld. Geht nicht, wollen wir nicht oder zu teuer. Diese Antworten gaben Politik, Stadt und Land oft in den vergangenen Jahren, wenn es darum ging, in Bielefeld etwas gestalten zu wollen. Das hat sich völlig geändert. Endlich geht was – sogar Dinge, die noch 2017 undenkbar gewesen wären. Inzwischen werden so viele Projekte angeschoben wie in den vergangenen zehn Jahren zusammen nicht. Die Versorgung und Mobilität wird sich verändern – und auch das Stadtbild. Für Aufbruchstimmung sorgt vor allem die Entstehung der medizinischen Fakultät. Mit 96 neuen Professoren und 2.000 Studenten wird die größte Fakultät der Uni entstehen. Das schlägt Wellen bis ins Zentrum der Stadt: Neue Wohnungen werden gebraucht, die Nachfrage nach kulturellem und gastronomischem Angebot wird steigen, Uni-Kliniken werden entstehen, Arbeitsplätze in der Forschung aufgebaut, auf lange Sicht werden neue Praxen eröffnen. Das ist aber längst nicht alles. Erwartungsfreude herrscht auch bei der Kunsthalle, die konzeptionell neu aufgestellt werden soll. Gleich daneben wird im Frühjahr mit dem Stenner-Haus ein neues Museum eröffnen. In der Oetkerhalle hat Theaterintendant Michael Heicks die Geschäfte übernommen. Das Haus glänzt mit neu gestaltetem Foyer samt 30 Meter langer Theke und neuem Gastronomie-Angebot, demnächst auch draußen vor der Tür. Herausforderung für die Stadt Das Wilhelmstraßen-Quartier nimmt neue Formen an. Die neue Volksbank hat eröffnet, für das Telekom-Hochhaus entwickelt Goldbeck ein neues Konzept, in der Alten Stadtbibliothek wird bis 2021 die Wissenswerkstatt entstehen. Und aktuell wird auf dem Kesselbrink gearbeitet, um dort neue Freiluft-Sportanlagen aufzubauen. Nach Jahrzehnten des Stillstands wird sich nun auch der Jahnplatz verändern und aufgewertet werden. Die Stadtbahn Richtung Sennestadt wird kommen, auch in den Osten Bielefeld wird es eine Verlängerung geben und schon im nächsten Jahr soll die Linie 4 den Campus Nord erschließen. Und an anderer Stelle baut auch Bethel unentwegt. Allein 70 Millionen Euro fließen in ein neues Kinderzentrum. Die Aufzählung ließe sich noch weiterführen. Doch die genannten Beispiele reichen schon, um zu verdeutlichen, welche Herausforderung auf die Stadt zukommt. Denn auch Wachstum muss gestaltet und in vernünftige Bahnen gelenkt werden. Entscheidungen, die heute falsch getroffen werden, werden über Jahrzehnte die Stadt negativ belasten. Fehler am Jahnplatz Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung des Jahnplatzes. Mit dem Verschwinden der Straßenbahn unter die Erde sind Anfang der 90er Jahre große Flächen vollständig dem Autoverkehr zugeordnet worden – mit dem Ergebnis, dass die vielbefahrene Straße den Platz und die Fußgängerzone zerschneidet. Und wo von Platzqualität im urbanen Sinne nichts mehr zu spüren ist. Und auch der Tunnel lässt heute wenig Spielraum bei der Erweiterung von Stadtbahnlinien. Gekostet hat das Ganze damals 400 Millionen DM. Aus Erfahrung lässt sich viel lernen. Mit dem jetzt vorhandenen Geld aus den Fördertöpfen des Bundes und Landes muss verantwortungsbewusst und nachhaltig umgegangen werden. Vor allem mit Blick auf die Bedürfnisse künftiger Generationen. Neue Fehlplanungen kann sich die Stadt nicht leisten.

realisiert durch evolver group