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Kein Denkmal, aber ein Gebäude mit historischem Gesicht: Teutoburger Straße, Ecke Detmolder Straße. - © Barbara Franke/Archiv
Kein Denkmal, aber ein Gebäude mit historischem Gesicht: Teutoburger Straße, Ecke Detmolder Straße. | © Barbara Franke/Archiv

Bielefeld Ärger um Abrisse erhaltenswerter Häuser in Bielefeld

Abriss historischer Gebäude: Der Umgang mit stadtbildprägenden Häusern wird immer dann kritisiert, wenn wieder ein Abbruch bevorsteht wie jetzt. Der Schutz der Substanz ist in Bielefeld schwach - der Grund dafür hat nicht nur mit Geld zu tun

Ansgar Mönter
04.12.2018 | Stand 04.12.2018, 09:57 Uhr

Bielefeld. Baumelt in Bielefeld die Abrissbirne bei historisch erhaltenswerten Häusern zu oft? Zumindest regt sich partiell Widerstand, wenn ein Abriss bevorsteht - so wie jetzt beim Eckhaus Teutoburger Straße 1, Detmolder Straße 69. Von der nächsten Runde der "Zerstörung der Stadt" schreiben mehrere Leser empört. Diese Sichtweise wird sogar bei Kommunalpolitikern und Baufachleuten geteilt. Trotzdem verschwinden stadtbildprägende Bauten weiter. Lange Abrissliste Kuhlbrocks Hof, Volkeningschule, Alte Wäscherei Bethel, Eckhaus Siegfriedstraße/Jöllenbecker Straße, Hof Sudbrack, gerade eben Ziemannshof in Brake, demnächst Eckhaus Hakenort/Petristraße und Detmolder Straße/Teutoburger Straße: Die Abrissliste wird länger und länger. "Ein Trauerspiel" nennt das Ascan von Neumann-Cosel. Dass er das sagt, ist besonders bitter: von Neumann-Cosel ist im Bauamt zuständig für Denkmalschutz und Stadterhaltung. Allerdings steht er einem Verlust der historischen Bausubstanz aus Stein weitgehend ohnmächtig gegenüber. Aus 2,25 Stellen besteht seine Abteilung, sein Arbeitsplatz miteingerecht. In Münster werden für diese Aufgaben mit 6,5 Stellen dreimal so viele Mitarbeiter beschäftigt. Nur vier Schutzräume Münster hat an historischer Bausubstanz sicher mehr zu bieten als Bielefeld. Der entscheidende Unterschied aber ist: Die Stadt ist stolz auf ihr schönes Gesicht, und sie kümmert sich drum. So gibt es zu den vielen Baudenkmälern dort 17 Erhaltungssatzungen für Siedlungen. In Bielefeld sind es vier: für die Altstadt, Kirchdornberg, Wellensiek und den Schildescher Kern. Erhaltungssatzungen sind das Instrument der Kommunen unterhalb des Denkmalschutzes. Sie sorgen dafür, dass historisch wertvolle und prägende Bauten deutlich besser geschützt sind vor dem Verschwinden, verglichen mit dem sonst geltenden Paragrafen 34 des Baugesetzbuches. Der verlangt lediglich, dass sich ein Neubau in die "Eigenart der Umgebung" einfügt", wie von Neumann-Cosel erklärt. Ein Abbruch lässt sich damit nicht verhindern. Kein Geld, keine Chance Bielefeld dreht sich beim Schutz stadtbildprägender Bauten im Kreis. Bauamtsleiterin Catrin Hedwig verweist auf die Machtlosigkeit der Behörde bei Abrissplänen privater Hausbesitzer, wenn kein Denkmalschutz oder keine Erhaltungssatzung existiert. Denkmalschutz und Erhaltungssatzungen kann die Kommune aber in die Wege leiten, wenn sie will - wenn sie also Personal dafür bereit stellt, diese Instrumente zu erarbeiten. Wegen der "schwierigen Haushaltslage" sei das aber nicht möglich gewesen in den vergangenen zehn Jahren, so Hedwig, weil Erhaltungssatzungen zu den "freiwilligen Aufgaben" zählen würden. Stadtrat Bernd Vollmer (Linke) lässt das nicht durchgehen. Für ihn geht Bielefeld gar mit schlechtem Beispiel voran wie beim Haus an der Ecke Petristraße, Hakenort. Das ist im Besitz der Stadt verfallen. Es soll abgerissen werden, obwohl es der Umgebung - wie die abgebrochene Volkeningschule gleich nebenan - ein Gesicht gibt. "Das Gebäude ist nicht als erhaltenswert gelistet", sagt dazu Bauamtsleiterin Hedwig. Fehlendes Bewusstsein "Fehlendes Bewusstsein für die eigene Stadtgeschichte" diagnostiziert Thomas Brewitt vom Beirat für Stadtgestaltung - bei der Stadt, privaten Bauherren sowie Architekten. Historische Bausubstanz werde zu wenig geschätzt. Brewitt bezieht dabei auch die Brüche durch die Bauepochen mit ein und nennt als negatives Beispiel den geplanten Abriss der Gesamtschule Schildesche. Dabei verfüge die Stadt über mehr erhaltenswerte Bausubstanz, als geschützt und allgemein wahrgenommen werde. Andreas Uffelmann stimmt dem zu. Der Vorsitzende des Beirats für Stadtgestaltung warnt vor dem "Verlust der Identität" hin zu einer "banalen Stadt" durch den Ersatz von historisch prägenden Häusern durch renditeorientierte Allerwelts-Neubauten. Mehr Baudenkmäler Ascan von Neumann-Cosel würde eine solche Entwicklung gerne verhindern. Der städtische Denkmalpfleger setzt sich für mehr Erhaltungssatzungen zumindest in der erweiterten Innenstadt ein. Zwischen Siegfriedstraße und Prießallee wäre viel mehr Schutz möglich - und nötig. Auch zahlreiche weitere Baudenkmäler seien in Bielefeld zu finden. Doch das alles bedeutet sehr viel Arbeit - kaum zu leisten von der kleinen Abteilung. Solche Prozesse seien zeitaufwendig. Der Denkmalpfleger bemüht deshalb meist den behördlich einfachsten Weg, um wertvolle Bausubstanz zu schützen: "Über den Bebauungsplan können wir das Baufenster auf die vorhandene Kubatur beschränken", sagt er. Das macht einen Abriss vorhandener Häuser für einen Neubau unattraktiver. Wunschdenken Für das Eckhaus an der Teutoburger Straße, Detmolder Straße ist die Abrissgenehmigung raus, "nach langem Planungsprozess", wie Hedwig mitteilt. Das "mit bedacht gebaute Eingangsportal zur Teutoburger Straße mit den Zwiebeltürmchen", wie ein Leser schreibt, verschwindet. Wieder gehe ein Stück gebaute Stadtgeschichte unwiederbringlich verloren, so die frustrierende Anmerkung mehrer Leser. Das Bauamt teilt unterdessen auf Anfrage mit, man halte es "für wünschenswert, künftig verstärkt eine aktive Rolle in der Erhaltung stadtbildprägender Gebäude zu übernehmen, so die finanziellen und personellen Ressourcen dafür vorhanden sind", schreibt Leiterin Hedwig im Auftrag von Baudezernent Gregor Moss.

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