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Keine Autosperren: Polizei und Stadtwache sollen für Sicherheit auf dem Weihnachtsmarkt sorgen. - © Barbara Franke
Keine Autosperren: Polizei und Stadtwache sollen für Sicherheit auf dem Weihnachtsmarkt sorgen. | © Barbara Franke

Bielefeld Terrorabwehr: Bochumer wundern sich über Bielefelder Weihnachtsmarkt-Konzept

In Bielefeld gibt es keine Fahrzeugsperren gegen Anschläge. Dagegen rüsten andere Städte auf

Benedikt Schülter
02.12.2018 | Stand 02.12.2018, 18:01 Uhr

Bielefeld. Die Auswirkungen des Terroranschlags vom 19. Dezember 2016 mit zwölf Toten und 55 Verletzten auf einen Berliner Weihnachtsmarkt waren unmittelbar danach auch in Bielefeld zu spüren. Zu dritt oder zu viert patrouillierten Polizisten mit Maschinenpistolen und Schutzwesten über den Weihnachtsmarkt. Seitdem ist das Thema Sicherheit und Terrorabwehr immer mehr in den Fokus bei den Veranstaltern von Weihnachtsmärkten in ganz Deutschland gerückt. Betonpoller in Berlin, Kameraüberwachung in Frankfurt. Die Zufahrtswege des berühmten Nürnberger Christkindlmarktes werden sogar mit Tannenbäumen gesichert. Dagegen sieht das Sicherheitskonzept für den Bielefelder Weihnachtsmarkt, wie schon im vergangenen Jahr, keine gesonderten Maßnahmen vor. Nur eine abstrakte Gefährdungslage "Wir wollen, dass die Atmosphäre des Weihnachtsmarktes weiterhin schön bleibt und die Besucher nicht gestört werden", sagt Katharina Schilberg vom Veranstalter Bielefeld Marketing. Dafür sei mit dem Amt für Verkehr, Feuerwehr, Ordnungsamt, Bauamt und Polizei ein "wirklich gutes" Sicherheitskonzept erarbeitet worden, so Schilberg. Gemeinsam habe man entschieden, keine Barrieren zum Schutz vor gekaperten Sattelschleppern aufzustellen. "Es gibt momentan keine konkrete Gefährdungslage, sondern nur eine abstrakte für ganz Deutschland", sagt Schilberg. Das bestätigt auch Polizeirat Philipp Meiners, der das Konzept als Einsatzleiter umsetzen muss. Das Bundeskriminalamt habe sich an der Erkenntnislage der Nachrichtendienste orientiert und sei zu dem Schluss gekommen, dass es derzeit keine "konkrete" terroristische Bedrohung gebe. Deshalb trage der Veranstalter, in diesem Fall Bielefeld Marketing, die Verantwortung für das Sicherheitskonzept und dementsprechend auch dafür, dass die Zufahrtswege frei bleiben. "Wir hätten uns jetzt nicht dagegen gewehrt, wenn die Stadt mit baulichen Maßnahmen reagiert hätte", sagt Meiners. Trotzdem. Das hätte laut dem Polizeirat weitere Probleme nach sich gezogen. Beispielsweise hätte man neu über die Zufahrtswege für die Feuerwehr nachdenken müssen. Sobald es aber eine konkrete Gefahr geben würde, habe die Polizei die Entscheidungshoheit. Außerdem gebe es keinen hundertprozentigen Schutz, sagt Meiners. Das sieht auch der international anerkannte Terrorexperte Peter Neumann, der seit 2008 das Zentrum für Radikalismusforschung am King's College London leitet, so. Auch er sei gegen eine "Militarisierung von Weihnachtsmärkten", sagt er gegenüber der NW. Dennoch sei es sinnvoll, Weihnachtsmärkte vor Fahrzeuganschlägen zu schützen. Das müsse ja nicht immer martialisch oder sichtbar sein. Es könnten schon strategisch positionierte Parkbänke oder Bäume helfen, sagt Neumann. Fahrzeuganschläge seien neben Messerattacken die momentan populärste Anschlagsart für Dschihadisten und würden von Gruppen wie dem Islamischen Staat aktiv beworben. "Auch andere ideologischen Strömungen verwenden mittlerweile diese Taktik. Und wie in Münster im Sommer deutlich wurde, gibt es auch psychisch verwirrte Nachahmer", sagt Neumann. Israelische Spezialsperren zum Schutz Das wissen andere Städte und Gemeinden auch. Beispielsweise investiert Frankfurt immer mehr in die Sicherheit ihres Weihnachtsmarktes. "Wir haben in den vergangenen Jahren derart aufgerüstet, mehr ist einfach nicht mehr möglich", sagte der Veranstaltungsleiter des Marktes gegenüber dem MDR. Als Steigerung könne man den Weihnachtsmarkt nur noch absagen oder in einem Kasernenhof stattfinden lassen, so der Veranstalter. Und auch in Bochum, einer ähnlich großen Stadt wie Bielefeld, gibt es Diskussionen um das Sicherheitskonzept: "Ich kann nicht verstehen, wieso die Polizei uns hier in Bochum vorschreibt, dass wir Sperren aufbauen müssen und in Bielefeld entscheidet der Veranstalter in Eigenregie", sagt Mario Schiefelbein, der Geschäftsführer von Bochum Marketing. Dort sollen israelische Spezialsperren die Besucher des Weihnachtsmarktes schützen, die unter anderem auch in Einrichtungen der US-Armee eingesetzt werden. Alleine die Personalkosten lägen bei zusätzlich 100.000 Euro, sagt Schiefelbein. Mitarbeiter müssten die Sperren öffnen und die Polizei unterstützen. "Wieso soll die Sicherheitslage hier ernster sein als in Bielefeld? Das versteht doch keiner mehr ", sagt Schiefelbein.

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