Insektenflüsterer: Das Familienunternehmen von Hans-Dietrich Reckhaus produziert Insekten-Biozide. Angestoßen durch ein Künstlerduo hat der Unternehmer das Gütesiegel "Insect Respect" gegründet. So sollen neue Lebensräume für Insekten entstehen. - © Kurt Ehmke
Insektenflüsterer: Das Familienunternehmen von Hans-Dietrich Reckhaus produziert Insekten-Biozide. Angestoßen durch ein Künstlerduo hat der Unternehmer das Gütesiegel "Insect Respect" gegründet. So sollen neue Lebensräume für Insekten entstehen. | © Kurt Ehmke

Bielefeld Warum Bielefeld das Silicon-Valley von OWL ist

Eine Suche nach den Gründen für den Erfolg

Bielefeld. Arbeitgeber, Jobmotor, Innovationstreiber - die Schlagworte des Mittelstands scheinen auf Bielefeld in ganz besonderer Weise zuzutreffen. In diesem Jahr wurden vier Unternehmen aus der Stadt zu den 100 innovativsten Mittelständlern deutschlandweit gekürt. Sie treiben technische Neuerungen voran. "Obwohl uns viele belächeln, sind wir das Sahnehäubchen in Ostwestfalen-Lippe", sagt Beate Leibnitz, hiesige Kreisverbandsleiterin im Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft. Als Erklärung für das Innovationspotenzial sieht sie einen "schlagfertigen Mittelstand, der es früh verstanden hat, auf Digitalisierung zu setzen". Die zentrale Lage der Region in Deutschland, gute Universitäten und Fachhochschulen und der hohe Grad an Vernetzung durch verschiedene Initiativen und Plattformen könnten weitere Erklärungsansätze sein. "Für uns geht es darum, die Sichtbarkeit von Bielefeld als Wirtschaftsstandort zu erhöhen", erklärt Brigitte Meier von der städtischen Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft (WEGE). So wirbt das Portal "Das kommt aus Bielefeld" mit innovativem Unternehmertum aus der Stadt. Denn in vielen Bereichen seien "die mittelständischen Unternehmen die Schnellboote, die die großen Tanker überholen", sagt Meier. Die Geschäftsfelder der mittelständischen Innovatoren aus der Stadt sind vielfältig. Digitale Transformer Das wuchtig, quadratische Gebäude an der August-Schroeder-Straße wirkt von außen mit seiner schnöden Fassade und den abgedunkelten Fenstern wie ein Relikt des Kalten Krieges. Doch der äußere Schein trügt über die Innovationen im Innern hinweg. Im oberen Stockwerk befindet sich der zur Unternehmensgruppe Acocon gehörende IT-Dienstleister Bluecue. "Was wir machen ist Strategieberatung im Digitalisierungsumfeld", sagt der Geschäftsführende Gesellschafter Nico Lüdemann. Wenn Mitarbeiter beispielsweise ortsunabhängig, weltweit arbeiten sollen, "unterstützen wir die Kunden und begleiten den ganzen Prozess von vorne bis hinten". In den vergangenen Jahren habe sich laut Lüdemann in vielen Unternehmen der Stellenwert der Informationstechnologie dramatisch geändert. Wie positioniert sich ein Unternehmen in einer Welt, in der Roboter, Künstliche Intelligenz und eine vermeintlich zwangsläufige Digitalisierung eine immer größere Rolle spielen? "Wir als kleines, innovatives Unternehmen können sicherlich schneller auf solche Entwicklungen reagieren und Konzepte adaptieren", sagt der Digitalexperte. Insektenflüsterer Dass Hans-Dietrich Reckhaus einmal an der Umkehrung des Geschäftsmodells seines Vaters arbeiten würde, hätte er vor einigen Jahren selbst nicht für möglich gehalten. Seit Mitte der fünfziger Jahre produziert das Familienunternehmen in Bielefeld Biozide für den schnellen Tod unliebsamer Insekten: "Ich habe das nie mit einem schlechten Gewissen getan", erklärt Reckhaus, der momentan rund 60 Mitarbeiter in Deutschland und der Schweiz beschäftigt, rückblickend. Vor sechs, sieben Jahren habe ihn ein Schweizer Künstlerduo jedoch zum Umdenken gebracht. Damals erkannte er, so sagt er es heute, den Wert und Nutzen von Insekten. "Mein Ziel ist es, die Gesellschaft zu sensibilisieren und den Markt der Biozidhersteller zurückzudrängen." Reckhaus gründete "Insect Respect", ein Gütezeichen, das ein neues Verständnis für Insekten fördern soll. Durch den Kauf von Bioziden mit dem Gütezeichen finanzieren die Käufer neue Lebensräume für Insekten. Seine Innovation führt der Unternehmer auf den Dialog zwischen Kunst und Wirtschaft zurück: "Wir dürfen nicht denken, dass wir die schlaue Wirtschaft sind. Denn wir brauchen Kooperationen, um uns gegenseitig zu befruchten." Software-Innovatoren Aus dem Mittelstand, für den Mittelstand - so könnte man das Geschäftsmodell von Diamant Software etwas plump betiteln. "Wir erstellen Rechnungswesen-Software für den Mittelstand", fasst es die Marketing-Leiterin Sandra Buschsieweke etwas präziser zusammen. Seit 1980 beschäftigt sich das Unternehmen mit dem Thema. Mittlerweile sind im Bielefelder Süden mehr als 150 Mitarbeiter angestellt, etwa 30.000 Anwender starten laut Unternehmensangaben jeden Morgen ihr Diamant-Rechnungswesen. Dabei müsse die Branche sich immer weiterentwickeln. Sie sei "durch Innovationen getrieben", wie Buschsieweke sagt. Momentan würden beispielsweise weitere Automatisierungen diskutiert: "Für uns ist dabei immer ein steter Austausch mit dem Markt und den Kunden wichtig." Neue Entwicklungen bei Unternehmen müssten in der Diamant-Software abgebildet werden: "Da muss man nach allen Seiten offen sein, um innovativ zu bleiben", sagt Buschsieweke. Globales Ostwestfalen Von der Archimedesstraße aus betreibt die Böllhoff-Gruppe die Herstellung und den weltweiten Handel von Verbindungselementen und Montagesystemen. Das mehr als 140 Jahre alte Familienunternehmen ist Arbeitsplatz für 3.000 Mitarbeiter auf fünf Kontinenten. Innovative Lösungen sind für das Unternehmen "letztendlich das Fundament für unseren langfristigen unternehmerischen Erfolg", teilt die Böllhoff-Gruppe mit. Für die steten Verbesserungen gebe es innerhalb des Unternehmens ein eigenes Innovationsteam. Zudem fördere die Böllhoff-Gruppe "den Innovationsgedanken durch die interne Auszeichnung und Prämierung". Wichtig seien darüber hinaus Forschungskooperationen mit Universitäten und Instituten. Aktuell beschäftige sich das Unternehmen beispielsweise mit Fertigungs- und Recyclingstrategien für Leichtbaustrukturen in der Elektromobilität.

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