Antisemitismus: Judenhass ist längst nicht mehr nur ein historisches Phänomen in Deutschland. Hier ist das 11. Kapitel von Adolf Hitlers Schrift "Mein Kampf" zu sehen. - © picture alliance
Antisemitismus: Judenhass ist längst nicht mehr nur ein historisches Phänomen in Deutschland. Hier ist das 11. Kapitel von Adolf Hitlers Schrift "Mein Kampf" zu sehen. | © picture alliance

Bielefeld Bielefelder Forscher analysieren den steigenden Judenhass von heute

Der Politikwissenschaftler Marc Grimm beschreibt mit Kollegen im Buch "Antisemitismus im 21. Jahrhundert" die Quellen dieses uralten Phänomens, blickt nach rechts wie links und bezeichnet die muslimische Variante als größte Herausforderung der Zeit

Bielefeld. Judenhass, meist feiner formuliert als Antisemitismus, begleitet die Menschheit mindestens seit Bibel und Koran kontinuierlich und hartnäckig, mögen die Gründe für diese feindliche Einstellung gegenüber einer Gruppe auch noch so abwegig, konstruiert oder falsch sein. Wissenschaftler um Marc Grimm von der Universität Bielefeld haben sich nun im Fachbuch "Antisemitismus des 21. Jahrhunderts" dem Judenhass in seinen neusten Auswüchsen gewidmet. Radikalisierung In den vergangenen Jahren vollzog sich laut Autoren "eine deutlich beobachtbare Radikalisierung des Antisemitismus in Europa, die mit den islamistisch motivierten Terroranschlägen von Paris, Toulouse, Brüssel und Kopenhagen auch mörderische Konsequenzen hatte". Indikator für eine neue Qualität und Virulenz des Antisemitismus seien neben der islamistischen Variante die Zunahme solcher Einstellungen in politisch und sozial arrivierten Kreisen und Milieus. Zugleich sei die Hemmschwelle für die Äußerung und Akzeptanz antisemitischer Ressentiments gesunken, sofern sie als "Israelkritik" camoufliert werde. Parallel dazu bewies der Antisemitismus sein Potenzial zur Mobilisierung der Straße, etwa bei "Mahnwachen für den Frieden" und während des Gaza-Krieges 2014. An allem Schuld Juden sind aus antisemitischer Sicht an allem Schuld: am Kommunismus, am Kapitalismus und an den negativen Folgen der Moderne; sie ziehen die Strippen hinter den Regierungen, beherrschen die Welt mit ihrem Reichtum, lösen Flüchtlingsströme aus, wollen Staaten zerstören, töten Kinder, vergiften Brunnen. Die Liste ließe sich bis ins Unendliche weiter führen. Die Anschuldigungen werden von Staatslenkern wie Abbas oder Erdogan ebenso in die Welt gesetzt wie von Demonstranten auf den Straßen - auch in Deutschland. Verschwörung Antisemitische Erzählungen werden meist mit realen Begebenheiten angereichert, um ihnen Glaubwürdigkeit zu verschaffen. So müssen Nahostkonflikt oder die Existenz von bedeutenden Bankiers jüdischen Glaubens für Theorien vom allmächtigen, eingeschworenen jüdischen Volk handeln, das wahlweise gegen das eigene Volk, die Traditionen, den eigenen Glauben (Rechtsextreme) oder intakte soziale Gefüge und Schwächere (Linksextreme) vorgeht. Rechte und Linke "Rechte auf der ganzen Welt" zeigen antisemitische Einstellungen, sagt Grimm. Das verbindet sie. Das ist bekannt. Rechte Extremisten zeigen das mitunter stolz und offen. Die neue Rechte hingegen gibt sich inzwischen - trotz antisemitischer Verschwörungstheoretiker in den eigenen Reihen - betont israelfreundlich, "um sich von dem althergebrachten Rechten abzusetzen", wie Grimm erklärt. Judenhass gibt es ebenso bei der radikalen Linken. Der Unterschied zu den Rechten ist: Linke erklären die Palästinenser zu den Schwachen und Unterdrückten, um gegen Israel - den einzigen demokratischen Staat in der Region - vorzugehen. Ihr Judenhass vereint sich dabei mit dem islamischen Judenhass. Kauft nicht bei Juden Manche linke Organisationen gehen sogar so weit, dass "Kauft-nicht-bei-Juden"-Postulat aus der Nazizeit "israelkritisch" verbrämt aufzugreifen; die so genannte BDS-Kampagne etwa ruft zum Boykott von Waren aus Israel auf, offiziell wegen Israels Siedlungspolitik. Als "eindeutig antisemitisch", bezeichnet Politikwissenschaftler Marc Grimm diese Kampagne. Dennoch werben sie sogar in Kirchengemeinden für ihre Einstellung. Auch in Bielefeld waren sie im Haus der Kirche zu Gast. Doppelter Standard Linker Antisemitismus will oft als solcher nicht erkannt werden, deswegen nennt er sich "Israelkritik". Aber: Für den jüdischen Staat existiert eine eigene Kategorie, sie wird nur auf ihn angewandt. Israel wird besonders scharf angegangen, "während andere Konflikte ausgeblendet werden", wie Grimm sagt. Nur Israels Handeln führt zu hitzigen Protesten; Kriege im Kongo, Jemen, der Ukraine oder anderen Weltteilen interessieren Antisemiten kaum - weil kein Jude beteiligt ist. Diese "doppelten Standards" belegen Judenfeindlichkeit. Muslimische Variante Antisemiten "dämonisieren und delegitimieren" Juden und Israel, wie die Wissenschaftler aufzeigen. Auch die muslimische Variante arbeitet damit. Judenhass ist in arabischen Ländern weit verbreitet. Einwanderer aus diesen Ländern haben diese feindliche Einstellung mit nach Deutschland gebracht. Sie stellt laut Grimm derzeit "die größte Herausforderung" dar, weil sich der muslimische Judenhass mitunter gewalttätig ausdrückt. Er plädiert für pädagogische und geschichtliche Aufklärung. Ewige Vorurteile Aus dem einstigen Anti-Judaismus, wie ihn noch unter anderem Martin Luther frönte, wurde in der säkularisierten Moderne der so genannte Antisemitismus. Geblieben ist, dass Juden tendenziell an allem Schuld seien. Selbst der Nachweis plumper Lügen sowie Fälschungen wie die "Protokolle der Weisen von Zion" können antisemitische Weltbilder kaum ändern. Die einfache Rechnung lautet: Wenn Judenhass so alt ist, muss was dran sein. "So bestätigt sich das Vorurteil selbst", erklärt Grimm. Schlussbemerkung Juden machen 0,2 Prozent der Weltbevölkerung aus. Ihr Anteil an den Nobelpreisen liegt bei 23 Prozent. Allein deshalb - aber nicht nur - ist offensichtlich: Sie bereichern die ganze Menschheit - sogar die Antisemiten aller Art.

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