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Integrationspreis: Peter Eul (Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld, v. l.), Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl, die Azubis Manuchehr Saidov und Hakeem, Maja Gehle, die Azubis Youssef Tour sowie Emigen Curri und Birgit Stehl (Handwerkskammer OWL) freuen sich über die Auszeichnung. - © Handwerk NRW
Integrationspreis: Peter Eul (Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld, v. l.), Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl, die Azubis Manuchehr Saidov und Hakeem, Maja Gehle, die Azubis Youssef Tour sowie Emigen Curri und Birgit Stehl (Handwerkskammer OWL) freuen sich über die Auszeichnung. | © Handwerk NRW

Bielefeld Diese kleine Bielefelder Firma zeigt, wie Integration gelingen kann

Preis: Das Unternehmen Jens W. Kipp Tiefbau beschäftigt vier Azubis. Drei davon sind Geflüchtete. Ihr Arbeitgeber bereitet sie mit viel Einsatz auf ein Leben in Bielefeld vor - und wurde jetzt dafür ausgezeichnet. Doch es läuft nicht alles rund

Ingo Kalischek
20.11.2018 | Stand 20.11.2018, 13:53 Uhr

Bielefeld. Wie anstrengend und kräfteraubend Integration sein kann, weiß Maja Gehle all zu gut. Es sei nicht einfach, jungen Flüchtlingen im Berufsleben eine Perspektive zu bieten, sagt die Bielefelderin. Nicht selten stellen sich ihr dabei bürokratische Hürden in den Weg, die zu hoch sind. Und dennoch denkt sie als Ausbildungsbetreuerin im Senner Unternehmen "Jens W. Kipp Tiefbau GmbH" keine Sekunde daran, damit aufzuhören. Denn Integration - das kann auch große Freude, Sinn und Glück bedeuten. Nicht umsonst wurde das kleine Bielefelder Tiefbauunternehmen am Donnerstag mit dem Integrationspreis vom Handwerk NRW ausgezeichnet. Eine Premiere. Hakeem möchte arbeiten, darf das aber bislang nicht Seit 2016 beschäftigt die Firma Geflüchtete. "Das Handwerk braucht tüchtigen Nachwuchs. Im Straßenbau ist nicht nur Kraft, sondern vor allem auch Köpfchen gefragt", sagt Gehle. Geeignete Bewerber aber gebe es heute kaum noch. Deshalb setzt die Firma bei ihren vier Azubis auf drei Geflüchtete. Von deren Einsatzhaltung, Fleiß und Ehrgeiz sei das Unternehmen begeistert. "Solche Mitarbeiter können wir uns nur wünschen", sagt Gehle. Und das, obwohl - oder vielleicht gerade weil - jeder von ihnen einen schweren Weg hinter sich hat: alleinige Flucht per Boot mit gerade mal 14 Jahren, persönliche Verfolgung, Verlust der Eltern, unsicherer Asylstatus. In Bielefeld fanden sie bei Kipp Tiefbau Anschluss - beruflich und privat. Während ihrer Ausbildung bekommen sie keine staatlichen Zuschüsse, sondern können und müssen sich von ihrer Ausbildungsvergütung eigenständig versorgen. Doch längst ist nicht alles gut. Denn Fleiß, Einsatz und Motivation allein reichen manchmal nicht aus. Das bekam das Unternehmen im Sommer zu spüren, als die Ausländerbehörde zwei Tage vor offiziellem Ausbildungsstart dem Azubi Hakeem Noono ein Arbeitsverbot aussprach (NW berichtete). Der 21-Jährige hatte ein Langzeitpraktikum in dem Betrieb mit Bravour gemeistert. Eine Ausbildung darf er aber nicht antreten, da seine Staatsangehörigkeit nicht geklärt ist. Unterstützt von Maja Gehle, ließ Hakeem nichts unversucht. Die beiden suchten Kontakt zu den zuständigen Botschaften, sprachen mit Anwälten, appellierten vielseitig an die Politik. Bislang ohne Erfolg. "Hakeem möchte arbeiten, sich selber versorgen - darf das aber bislang nicht." Vor wenigen Tagen dann der Tiefpunkt: Hakeem wurde in den frühen Morgenstunden in einem Kleinbus zur Zwangsvorführung in die liberianische Botschaft nach Berlin gebracht - um prüfen zu lassen, ob er Staatsbürger Liberias ist. "Wir haben den Jungs gesagt, dass der Preis nicht an den Betrieb geht, sondern an sie" Als die Azubis von dem schlichten, vergitterten "Abschiebe-Bus" hörten, wurden sie blass. Für sie ist er das Symbol der Abschiebung. Und die Angst davor existiere noch immer in den Köpfen, trotz Ausbildung und Perspektive. Die Ausländerbehörde bemühte sich um bestmögliche Rahmen-Umstände und auf Hakeems Wunsch hin begleitete Maja Gehle ihn nach Berlin. "Ich erlebe einige, die sich innerlich aufgeben aus Angst vor der Abschiebung, aus Angst vor dem, was kommt", sagt Azubi Manucher Saidov. "Ich konzentriere mich auf meinen Weg, auf meine Ausbildung, das gibt mir Halt." Dieser Weg wird unterstützt. Die Azubis der Kipp-Firmen lernen samstags freiwillig in einer angeleiteten Lerngruppe, erhalten bei Bedarf Sprachförderung und werden, ganz gleich ob deutsch oder anderer Nationalität, bei Alltags-Angelegenheiten wie etwa Ämterfragen unterstützt. Dieser Einsatz bleibt offenbar nicht unerkannt. In Köln erhielt das Unternehmen am Donnerstag während des Westdeutschen Handwerkskammertags den "Integrationspreis Handwerk NRW". Für die besonderen Leistungen für Geflüchtete sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Der Preis wurde zum ersten Mal ausgelobt und an sieben Handwerksbetriebe aus den sieben Handwerkskammerbezirken verliehen. "Ich bin sehr glücklich, dass nach all den Demütigungen, Mühen und Ängsten so etwas geschieht und unsere Azubis erfahren, dass ihre Anstrengungen honoriert werden", freut sich Gehle und fügt an: "Wir haben den Jungs gesagt, dass der Preis nicht an den Betrieb geht, sondern an sie."

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