Der Polizei-Einsatz am Samstag sorgt weiterhin für Diskussionen. - © Sarah Jonek
Der Polizei-Einsatz am Samstag sorgt weiterhin für Diskussionen. | © Sarah Jonek

Bielefeld Ernüchtert: Wie ein Bielefelder mit Migrationshintergrund die Polizei bei der Nazi-Demo erlebte

Dennis Rother

Bielefeld. Die einen loben, die anderen kritisieren: Der Polizei-Einsatz rund um die Nazi-Demo und den Gegenprotest in Bielefeld sorgt weiter für Diskussionen. Keywan Ensani war in der City auch vor Ort. Die Geschehnisse haben ihn ins Grübeln gebracht. Er sei mutmaßlich wegen seines Aussehens diskriminiert worden. Wettern gegen die Beamten wolle er nicht, ins generelle Polizei-Bashing einsteigen auch nicht - aber sein bisheriges Bild vom "Freund und Helfer" kam ins Wanken. Nüchtern und reflektiert berichtet der 30-Jährige gegenüber nw.de von seinen Versuchen, in die Sperrzone in der Innenstadt zu kommen. Denn dort wohnt er, in einer kleinen Seitenstraße zwischen Jahnplatz und Kesselbrink. Zu den Gegendemonstranten gehörte er nicht. "Ich kam von einer Hochzeit und wollte einfach nach Hause", sagt der Sohn iranischer Eltern. Die Nazi-Demo sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ansatzweise in der Nähe gewesen. Alles in Sichtweite Der Heimweg war aber dicht, obwohl er seinen Ausweis mit Wohnanschrift dabei hatte, so Ensani. Ein Polizist habe ihm an einer Absperrung vor der Friedrich-Ebert-Straße zunächst nett und freundlich gesagt, dass man entweder hätte zuhause bleiben müssen - oder den Nachmittag eben gar nicht zuhause verbringt. "Das kam mir absurd vor." Und es stimmte letztendlich auch nicht, so Ensani. Er versuchte die Polizisten zu überzeugen. Seine Familie warte zuhause, habe er gesagt, und an der Absperrung in Richtung einer Eisdiele gezeigt, kaum mehr als 20 Meter entfernt. Dann sei ein zweiter Polizist hinzugekommen. Er habe gesagt, dass Ensani aussehe wie ein Gegendemonstrant und womöglich aus der Wohnung Sachen herunterwerfe. Ensani habe entgegnet, dass es nichts zur Sache tue, wie er aussehe, schließlich wolle er nur nach Hause. "Verzweifelt höflich" Nichts zu machen also, merkte Ensani zerknirscht. Dann kam allerdings eine Frau von hinten hinzu, die aussah, als habe sie eher keinen Migrationshintergrund. Sie zeigte ihren Ausweis - und durfte durch. Ensani war verdutzt. Nun ließen sie ihn auch durch - beziehungsweise mussten es wohl nach dem problemlosen Durchgang der Frau. Allerdings bekam er Polizeibegleitung, erzählt Ensani. Auf dem Weg zur Wohnung habe der Beamte ihm erklärt, dass er ihn sofort in Gewahrsam nehmen würde, falls er seine Wohnung verlasse. Keywan Ensani fühlte sich enorm ungerecht behandelt. Dabei sei er "verzweifelt höflich" gewesen. Das sei die Form von Höflichkeit von Menschen mit offensichtlichem Migrationshintergrund im Kontakt mit der Staatsgewalt. Es sei die Höflichkeit, mit der man erklären wolle, dass man keine Gefahr darstelle. "Ein ekliges Gefühl ist es, wenn man das tun muss. Wenn man ,dem Deutschen' signalisieren muss, dass man nichts Böses will." Umso mehr treffe ihn dann Misstrauen ins Mark. Er habe zwar ein Piercing und etwas längere Haare, "aber nichts an mir, etwa meine Kleidung, war irgendwie auffällig". Er sei "längst geübt darin, bloß wenig aufzufallen". Das habe er gelernt. Lernen müssen. Auch das sei kein schöner Lernprozess. "Naives Bild vom Onkel Polizisten" "Ich bin nicht die Antifa. Ich sehe aber das Problem echt nicht darin, dass 100 Nazis da langgehen, sondern darin, dass es Feindseligkeit und Misstrauen bei Beamten und Menschen aus der Mitte der Gesellschaft gibt, die irgendwann in Hass, Entmenschlichung und Ungerechtigkeit mündet", schreibt Ensani auf Facebook. "Ich muss zugeben, dass ich mangels negativer Erfahrung bisher hier in Deutschland immer noch das Bild vom lieben Onkel Polizisten hatte, der auf mich aufpasst und mit seinem Rauschebart entweder Verkehrsregeln für kleine Fahrradfahrer zeigt oder in sein Playmobilpolizeiauto steigt und für Gerechtigkeit sorgt. Ich sollte dieses naive Bild echt mal überdenken."

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